Taonga: Anna Palmers pazifisches Licht

Lesedauer: 4 Minuten

Taonga ist das Maoriwort für ‚Schatz‘. In unserer neuen Rubrik geht es also um das besonders Wertvolle, Schöne, Gute im Leben. Voilà …

Im Te Papa Laden in Wellington gibt es viele schöne Dinge, die gute Neuseeland-Memorabilia hergeben, siehe Artikel zu Souvenirs. Exquisite Schnitzereien, Pounamu Ornamente, Schmuck. Vieles davon Maori-inspiriert, passend zum Konzept von Te Papa als modernes, allumfassendes Marae, das allen Neuseeländern einen Versammlungsplatz bereit stellt, „Te Papa – Our Place“.

In all der Pracht der Te Papa Abteilung für Edelgeschenke fiel mir ein Glasregal mit Schmuck einer „Anna Palmer, Auckland“ auf. Ein Funkeln und Leuchten, ganz wie das Türkis des Hafens von Wellington, oder auch die kräftigen Farben, die ich in Tonga erlebt habe, siehe Foto.

Dies hier ist mein Blog und neben der Barrage von Fakten, Fakten, Fakten … darf ich auch mal sentimental werden. Ja, es ist nur Schmuck über den ich schreibe, kalt und leblos. Und doch spricht über die Intensität der Farben und Formen eine gewisse Liebe aus den Exponaten. Den Quell der Liebe, diese „Anna Palmer, Auckland“ wollte, musste ich also kennen lernen. Denn in einem der neoliberalsten Länder der Welt, in dem alle nur auf einfachst mögliche Weise dem Mammon hinterher zu laufen scheint, ist Liebe eine potentielle Besonderheit.

Schnitt. Anna Palmer’s Studio in Devonport, einem Nobelstadtteil Aucklands. Erst mal verwunderlich. Kommen Künstler hier so gut über die Runden? Devonport scheint ansonsten ein Schwerpunkt von Ex-Investmentbankern in ihren Mittdreißigern zu sein, die den wohlverdienten Ruhestand genießen. Dann aber das allgegenwärtige Schild „For Sale“ bei der Eingangspforte. Das Haus ist während ich schreibe wohl schon verkauft worden. Umso besser das intakte Studio noch vor dem Umzug besichtigen zu dürfen. Äußerlich hat bzw. hatte das Anwesen charmante Patina angesetzt. Mächtige Hinweise auf eine Künstlerexistenz hinter den Mauern fehlen. Nur die Hausnummer ’11‘ aus schillerndem Glas und ein paar Bilder, die einen schüchtern durchs Fenster ansehen.

Auszüge aus Anna Palmers Bio. Als Tochter des bekannten neuseeländischen Künstlers Stanley Palmer – was Anna sowohl als Fluch als auch als Segen bewertet – wurde sie an der Elam School of Fine Arts in Auckland ausgebildet und hat sich seither einen Namen als Malerin in Pastel-Kreide (auch als Conte bekannt) gemacht, allerdings eher im Nebenberuf. Ihre Motive sind (neuseeländische bzw. pazifische) Fauna, Flora und Landschaften. Im Hauptberuf durchlief sie – wie soviele Kiwis – eine Anzahl verschiedener Jobs bzw. Karrieren, als Kuratorin in der Fisher Art Gallery in Pakuranga (Manukau), in den 1980ern – also bevor die neuseeländische Textilindustrie von chinesischen Billigimporten ausradiert wurde –  als Modedesignerin für Kleidung, die z.B. auch in den Victoria Park Markets verkauft wurden, wo heute fast nur noch Ramsch angeboten wird, und später dann langjährig als Managerin (mit ihrem damaligen Mann) bei den Sunbeam Glass Works, einer Glasbläserei in Ponsonby. Daneben zog sie noch zwei Kinder auf, einen Sohn, der heute in dritter Generation die Elam School besucht, und eine Tochter, die in Christchurch einer Karriere als Schriftstellerin nachgeht.

Womit die Brücke, ich meine per Glasbläserei, zum Thema Glasschmuck geschlagen wäre. Die Idee dazu kam Anna 2005 während einer Italienreise u.a. nach Murano bei Venedig, Heimstätte der gleichnamigen Glasfabrikation. Qualitativ hochwertiger Glasschmuck entfaltet einerseits die Faszination echter Edelsteine, und ist andererseits für viele Menschen erschwinglich – Schmuck mit einem sozialistischen Funkeln. Das gilt umso mehr für Annas Hauptmedium, dichromatisches Glas (oft kurz als Dichro bezeichnet), das aus verschiedenen Winkeln betrachtet intensiv und variabel schillert, wie eine Pfauenfeder, oder eben ein echtes Juwel.

Ein paar Bespiele sind auf Annas Webseite abgebildet. Farbgebung und Formen sind deutlich von ihrer pazifischen Heimat inspiriert, und gerade auch Auckland, wo Anna stark verwurzelt ist. Viele ihrer Lieblingsorte wie Tawharanui, Goat Island, und Anawhata sind übrigens auch meine Favoriten, ein Grund mehr Anna einen Platz im Blog zu gönnen :-) Wie auch immer, es dominieren strahlende Blau- und Türkistöne, umso mehr als Anna zeitweise auch auf den Cook Inseln lebt, wo das blaue Leuchten der See die neuseeländische Palette noch übertrifft, und zusätzlich extravagant bunte Blüten und Korallenfische die Wahrnehmung prägen. Es darf geträumt werden.

Technisch läuft der Prozess grob wie folgt ab. Die dichroischen Glasplatten werden in kleinere Stücke geschnitten, als Patchwork zusammen gesetzt, mit durchsichtigem Glas überzogen und anschließend bei hoher Temperatur im Ofen gebrannt und langsam abgekühlt wobei die einzelnen Bestandteile fest miteinander verschmelzen und wie ein Werkstück aussehen. Danach wird noch geschliffen und poliert. Alles natürlich von Hand. Die Resultate hängen von vielen Kleinigkeiten ab, deshalb sieht kein Stück aus wie das andere – was zum Reiz des Ganzen beiträgt. Die beigefügten Bilder zeigen die ‚Schmuckfabrik‘ in Annas Gartenlaube und die Künstlerin beim Hantieren mit einer verwandten Produktlinie, Glasperlen. Sie verbringt etwa 30 Stunden pro Woche im Atelier, arbeitet alleine und berichtet, dass das ganze Suchtpotential habe: die Freude an den immer neuen Ergebnissen drängt dazu, mehr und mehr zu produzieren. Von Massenfertigung kann trotzdem nicht die Rede sein. Die Glasperlen (noch am Stil) im Bild stellen etwa eine Tagesfertigung dar.

Was das Geschäftliche angeht konnte Anna ihre Beziehungen zu Großhändlern nutzen, die sie noch aus Sunbeam Zeiten kannte. Und so verfährt sie bis heute. Die Schmuckstücke sind nicht direkt über Anna zu beziehen („I prefer doing, not selling“), sondern nur über den Handel. Wie erwähnt, Te Papa Shops in Wellington führen den Schmuck, oder in ganz Neuseeland bei den „Real Aotearoa“ Outlets der NZ Post z.B. in der Queens Street in Auckland. International hat Anna eine bescheidene Präsenz in den USA und Kanada – und vielleicht bald in Deutschland? Mal sehen …

Wir erklären Anna zu einem neuseeländischen Taonga, weil ihr Kunsthandwerk vielen Menschen viel Freude macht, eher der Liebe zur Kunst als dem Gewinnstreben entspringt, und weil sie ein durch und durch sanfter und zuvorkommender Mensch ist. Anna, we love you :-)

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