Opinion: Auswanderungsberatung Sloterdijk

Lesedauer: 3 Minuten

Im Großen und Ganzen ist das mediale Einerlei unserer Tage nervig. Sogar in Neuseeland mit seinen liberalen angelsächsischen Wurzeln werden Abweichler vom politisch korrekten Kanon immer rarer, und der politische Diskurs ist dem entsprechend eintönig. In Deutschland ist freie Meinungsäußerung dagegen schon immer ein Luxus gewesen, der es nie wirklich in die gesellschaftliche DNA geschafft hat, und deshalb nicht einmal vermisst wird.

Umso erstaunlicher ist ein Artikel wie „Was darf man in Deutschland sagen – und was nicht?“ von Focus-Money (häh?) Redakteur Thomas Wolf. Ist die Versteinerung Deutschlands einigen Leuten doch zu viel geworden? Sogar vermeintlichen Erbsenzählern? Sind Zeiten in Sicht, in denen verstanden wird, dass anno 2013 – eigentlich – niemand mehr politisch korrekte Blockwarte braucht? Oder wird Peter Sloterdijks Deutschland-Analyse noch länger Gültigkeit bewahren?

„Ob einer sich zur Sozialdemokratie bekennt oder nicht, spielt schon längst keine Rolle mehr, weil es Nicht-Sozialdemokraten bei uns gar nicht geben kann, die Gesellschaft ist per se strukturell sozialdemokratisch, und wer es nicht ist, der ist entweder im Irrenhaus oder im Ausland. Es gibt keine ernsthafte Alternative dazu.“

Alternativlose Sozialdemokratisierung? Auswandern oder Flucht in Psychosen als einziger Ausweg?

Das mit dem Irrenhaus hat noch Zeit, die Option Auswandern – zumal nach Neuseeland – muss ich hier allerdings diskutieren und relativieren, und letztlich dementieren.

Erstens ist Neuseeland auch nur Teil des Gebildes ‚Westen‘, das im wesentlichen ideologisch homogen … sprich Sloterdijk … strukturell sozialdemokratisch-mittig-nirgendwo geprägt ist. Was natürlich nicht heißt, dass Auswanderung ins – sagen wir – der Sozialdemokratie unverdächtige Singapore nicht doch eine Lösung wäre. Neuseeland ist es aber sicherlich nicht.

Zweitens fällt mir bei den deutschen Auswanderern in Neuseeland ein nur unwesentlich erhöhter Freiheitsdrang auf als bei den Daheimgebliebenen. Im Gegenteil, so einige kamen, weil sie offenbar meinten ihre Borniertheit in Neuseeland noch viel ungehemmter ausleben zu können, denn Neuseeland ist ja oh so öko-irgendwas, und weltoffen-tolerant-multikulturell, homophil, d.h noch strammer erzogen als das uncoole Deutschland.

Drittens, was heißt hier überhaupt sozialdemokratisch? Gemeint ist sicher nicht die Sozialdemokratie eines August Bebel oder Friedrich Ebert. Es geht heute dem sozialdemokratischen Lebensgefühl nicht mehr um Arbeit vs Kapital, oder kleine Leute vs Adel und Industrielle bzw. dieser Tage Konzernvorstände und Investmentbankster. Westliche Sozialdemokratie 2013 passt sich schamlos einem scheinbar universellen Wertesystem ein, das historisch verstandener Sozialdemokratie zuwider läuft, zum Beispiel durch die Unterstützung offener Migrationsströme, die den Faktor Arbeit entmachten und verbilligen, oder durch Rettung ‚systemrelevanter‘ Geldhäuser aus den Steuermitteln der Durchschnittsperson in der Straße usw.

Warum Sozialdemokratie trotzdem ein so treffender Name für unseren Zeitgeist ist, dass man Sloterdijk intuitiv zustimmt? Vielleicht weil sozialdemokratisch schon immer für etwas Schwammiges stand, bei dem Emotionen und eine Prise Irrationalität wichtiger waren als ein stimmiges logisches Konstrukt. ‚Solidarität‘, ‚soziale Gerechtigkeit‘ … beliebig füllbare Sprechblasen in die jeder hineinlesen kann was er oder sie gerade will, und je zotteliger desto besser.

Was ist also eigentlich drin, wo Sozialdemokratie draufsteht? Mir fällt hier die Reiseführerserie „Lonely Planet“ ein. Vor 20 Jahren versuchten die Macher alternativ durch die Welt zu reisen, das Wesentliche zu erfassen, dem Trivialen aus dem Weg zu gehen, und auch mal was Kritisches zu sagen. Heute dreht sich alles um Wellness, Cappuccino, Konsum, sprich Oberflächlichkeit und Konformität. Die Umwertung aller Werte. Diese Entwicklung spiegelt die Korruption einer ganzen Generation, die zu allem Überfluß auch noch so zahlreich ist, dass sie schon deswegen eine gewisse Meinungsführerschaft inne hat. Aus Revolutionären sind dekadente Reaktionäre geworden, die ihrem Lustgewinn und Materialismus alles andere unterordnen, diese – banale, eigentlich unspektakuläre – Realität aber ganz entschieden verdrängen, und aggressiv reagieren, wenn irgendjemand oder irgendwas an dem irrsinnigen Kartenhaus  rüttelt. Ihn oder sie gar implizit zur Emigration oder Irrenhäuslertum auffordert …

Meinungsfreiheit und politische Vielfalt werden im Zeichen des gerade erst überwundenen Nationalsozialismus und realexistierenden Sozialismus ebenfalls sehr ernst genommen – solange alle der selben Meinung sind, und es auch sonst nichts kostet oder stört. Ein politisch unbequemes Gegenüber darf, ja muß man ‚ausgrenzen‘. Gemeinsam steuern wir auf ein posthistorisches Gleichgewicht zu, in dem selbstverständlich alle der selben, weil guten und richtigen Meinung sind, einer sozialdemokratischen halt.

Außer dass es natürlich so nicht kommen wird. Allein schon weil es so pervers logisch erscheint. Ein System, das auf Realitätsverdrängung beruht wird sich irgendwann selbst erledigen. Einige Monate vor dem Untergang der Sowjetunion oder der DDR hätten die meisten fest damit gerechnet, dass diese Systeme ewig halten. Und dann ging es ganz schnell. Das Perpetuum Mobile, das wir bewohnen, in dem Wohlstand angeblich aus der Gelddruckpresse kommt (EU), oder dadurch, dass man sich gegenseitig Häuser andreht (NZ) … mich wundert, dass es überhaupt noch hält.

Und so weiter. Im Erfassen von Symptomen sind Wolf und Sloterdijk erste Güte, und in der Formulierung einsichtsreich und amüsant. Beim Aufzeigen von Lösungen, oder auch nur Zwischenlösungen, Irrenhaus und Auswanderung, würde ich dem Paar vorerst nicht unbedingt folgen :)

***

Das nur so am Rande, ‚tschuldigung, ist mir so rausgerutscht :-) … zur Rehabilitierung schreibe ich gleich noch was zu unkontroversen Wandervögeln.

2 Antworten auf Opinion: Auswanderungsberatung Sloterdijk

  1. Werner sagt:

    Lieber Peter,

    ich möchte fragen wie lange Sie schon eig. nicht mehr in Deutschland leben.
    Seit der Sarrazin-Debatte hat sich hier SEHR SEHR vieles geändert.
    Sozialdemokraten werden als blinde GUTMENSCHEN beschimpft.
    Ausländerfeindliche Parolen und Gedankengut ist Mainstream geworden.
    Non-Sozialdemokraten werden in Ihrem Bericht als Außenseiterseiter degradiert.
    Ich fass mich am Kopf.
    Aha deshalb ist die Rechtspopulistische Bild Zeitung und bild.de die auflagestärkste und die meistbesuchteste Zeitung und Webseite Deutschlands!
    Aber man stellt sich schön als Opfer in der Gesellschaft!
    Erinnert mich i-wie an das Weimarer Republik!!
    Das Ende wissen wir Bescheid und deshalb wird es auch nicht soweit kommen.

    Liebe Grüße

    ps: ich weiss dass Sie mein Komm. löschen werden aber bitte, bitte warum können sie einfach nicht sachlich bleiben und müssen poitisch werden. Das macht mich wütend!!!

    DENN GENAU WEGEN SOLCHEN LEUTEN WIE SIE MÖCHTE ICH DEU VERLASSEN WEIL ICH NICHT ANERKANNT WERDE ALS DEUTSCHER OBWOHL ICH HIER GEBOREN BIN UND EINEN DEUTSCHEN PASS BESITZE UND MICH ALS DEUTSCHER FÜHLE!!!!!!

    BASTAAAAAA!!!!!!!

    • Peter sagt:

      Lieber Werner

      Deine Fragen kannst Du auch Herrn Sloterdijk in Karlsruhe stellen … vielleicht muss man wegen dessen dämlicher Politisiererei auch Deutschland verlassen.

      Jedenfalls kenne ich Dich nicht, und weiß nicht wer oder wie „man“ Dich nicht als Deutschen anerkennt.

      Keine Ahnung, was bei Dir los ist, aber viel Glück mit Deiner Auswanderung. Hoffentlich wirst Du im Zielland so behandelt, wie Du es Dir vorstellst. Kleiner Tipp, die Leute lassen sich die Politik auch außerhalb Deutschlands nicht verbieten, und wenn Du es versuchst, dann reagieren die eventuell empfindlich.

      Wahrscheinlich hilft Dir das auch nicht weiter, aber wie man hier so schön sagt, good luck to you! Ich hoffe Du findest Deinen Frieden.

      Peter

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