SideTrack: Interview mit Len Brown – Teil 1

Seines Zeichens Bürgermeister von Auckland, und damit Repräsentant etwa eines Drittels aller Kiwis, und des unbestrittenen Schwerpunkts des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens Neuseelands. Kein Mann mit dem zu spaßen ist … oder doch? Jedenfalls lässt er sich ein breites ‚Guten Tag‘ am Anfang des Gesprächs nicht nehmen, sogar mit akzeptablem Zungenschlag :-) … Len hat ein Jahr in den Niederlanden gelebt, und konnte dabei nicht umhin ein paar Deutschkenntnisse aufsammeln. Try him!

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NZ2Go: Seit der kurzzeitigen Verunsicherung der Finanzmärkte im Jahr 2009 und der damaligen Flucht der Investoren aus Risikoinvestitionen wie dem Kiwidollar, ist nicht nur der Kurs des neuseeländischen Dollar gegen den Euro um 40% gestiegen, auch die Immobilienpreise in Auckland sind nach dem Stillstand der Jahre 2007-09 wieder  auf Rekordniveau geklettert. In Summe können heute deutsche Einwanderer nach Auckland 50 bis 60% weniger Haus für ihr Mitgebrachtes erwerben. Ist der ‚neuseeländische Traum‘ damit für Deutsche aus der Mittel-, oder gar Unterschicht ausgeträumt?

Len Browns Rat zum Thema Dach-überm-Kopf in Auckland ist … Flexibilität. Es muss nicht gleich das freistehende Haus mit Garten sein, und ebensowenig eine Nobel-Gegend zum Beispiel am North Shore usw. Für 400.000 NZD (250.000 EUR) sind in einfachen Vororten Three-Bedroom-Houses (Bestand) durchaus zu haben, und wer gerne in einem besseren Stadtteil oder einer angeseheneren Schulzone leben möchte, der müsse für die magischen 400.000 NZD mit einer Wohnung Vorlieb nehmen. Wie auch immer, mit 400.000 NZD sei man dabei.

Devonport: traditionelle Kiwibehausung, unerreichbar für die meisten

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An dieser Aussage kann man prinzipiell nichts aussetzen – außer vielleicht den Fakt, dass die meisten Deutschen, die von einer Auswanderung in die City of Sails träumen, eben schon gerne ein wenig Meeresflair und Haus-mit-Garten erwarten. Neuseeland hat bei grob gleicher Fläche wie Deutschland schließlich nur ein Zwanzigstel seiner Bevölkerung – ergo sollte es wenigstens Platz geben. Aber sei es drum, „Expectation Management“ gehört zur globalen Realität 2013.

Len weist außerdem darauf hin, dass sein Stadtparlament im „The Auckland Plan“ darauf hinarbeitet ein breiteres Spektrum an Wohnmöglichkeiten in Auckland zu bieten, beginnend bei etwa 200,000 NZD für kleine Einstiegerwohnungen. Im Moment liegt der Fokus der Bauträger auf großen Häusern mit 4 oder 5 Schlafzimmern, die mehr Profit versprechen, aber an den Bedürfnissen eines großen Teils der Aucklander vorbei gehen. Auf die Frage, wann denn der Plan zur Realität werden würde, weichte Len allerdings eher aus. Erste Elemente wären schon implementiert usw. Mag sein, aber Len selbst spricht andernorts von einer Wohnraumkrise in Auckland, im Präsens, d.h. der Plan wird frühestens in einigen Jahren Wirkung zeigen. Inzwischen wächst die Bevölkerung von Auckland – laut Len Brown – um 2% jährlich … wenn das Mal gut geht.

Zusätzlich zum Auckland Plan, und dem Housing Strategic Action Plan gibt es noch einen „Unitary Plan„, der die Bauvorschriften der alten Distrikte von Auckland, die 2010 in die Supercity zusammengefasst wurden, deren erster Bürgermeister Len ist, innerhalb der nächsten 18 bis 24 Monate harmonisieren soll. Die Absicht dahinter ist es Transparenz, Planungssicherheit und damit Kostenersparnis für Häuslebauer zu erreichen.

Als Daumenregel für potentielle Bauherren in Auckland nennt Len die folgenden Eckwerte:

  • Baukosten eines Standardwohnhauses in Auckland pro Quadratmeter Wohnfläche: 1500 – 2000 NZD
  • „Building Levy“, also eine Abgabe auf die Errichtung eines Hauses: 1,3% der Gesamtbaukosten
  • Anschluss an das Waternetz (Erschließungskosten) etc: etwa 20.000 NZD
  • Resource consent„, d.h. die abschließende Genehmigung ein Gebäude der Wohnnutzung zuzuführen: 1.500 NZ.

Bei einem Haus von 100 Quadratmetern Wohnraum am oberen Ende der Baukostenspanne, kostet der Bau selbst 200.000 NZD, und die drei Gebühren zusammen noch einmal 24.000 NZD. Dazu kommen natürlich noch die Kosten für das Grundstück etc.

NZ2Go: Viele unserer deutschen Leser, die sich Gedanken über eine Auswanderung nach Neuseeland machen, sind gut ausgebildete Handwerker, Techniker, Akademiker. Kann der Bürgermeister von Auckland dieser Gruppe guten Gewissens zur Auswanderung nach Auckland raten? NZ2Go erhält auch relativ viele Anfragen von deutschen Rentern, die gerne einigen Jahre in Neuseeland verbringen möchten, aber feststellen müssen, dass die finanziellen Hürden so hoch sind, dass sogar die deutsche ‚Renterelite‘ den Traum vom Lebensabend in Neuseeland effektiv vergessen kann.

Im Zusammenhang mit Migration deutscher Fachkräfte nach Auckland hat mich Len mit seiner Nüchternheit – positiv – überrascht. Da war keine Rede von jeder der möge, solle kommen, sondern dass er deutschen Arbeitsmigranten rät sich schon vor der Ankunft in Neuseeland einen Job zu sichern. Das sehe ich genauso, und in einem früheren Artikel beschreibe ich Wege dahin.

Was die Gründung einer Firma in Neuseeland betrifft – und auch da stimme ich mit dem Bürgermeister überein – geht es kaum einfacher und billiger als in Neuseeland.

Die Anerkennung deutscher Qualifikationen in Neuseeland ist nach Kenntnis von Len Brown ebenfalls kein Thema. Jedenfalls solle ich meinen Lesern mitteilen, dass alle Deutschstämmigen die Tore Aucklands offen stehen :-) … was ich hiermit natürlich gerne tue.

Bei den deutschen Rentnern, die es fast unmöglich finden ein paar interessante Jahre in Neuseeland zu verbringen, war der Bürgermeister über deren Schwierigkeiten mit Immigration NZ erstaunt und meinte, dass ihm das Thema bisher nur im Zusammenhang mit Eltern von Pacific Islandern untergekommen wäre. Er nähme es zur Kenntnis und würde es bei seinen regelmäßigen Gesprächen mit Regierungsvertretern zur Sprache bringen.

Das Anliegen von NZ2Go beim Rentner-Thema ist es zunächst herauszufinden, warum die finanziellen Hürden so ungewöhnlich hoch sind. Ist die Befürchtung groß, dass deutsche Rentner zum Beispiel durch ernsthafte Erkrankungen Kosten im neuseeländischen Gesundheitssystem verursachen, selbst wenn sich diese Rentner verpflichten für sich selbst zu sorgen? Gibt es prinzipiell gar keine Möglichkeit Rentner in neuseeländischen Krankenhäusern abzuweisen, falls sie gegen alle Wahrscheinlichkeit finanziell irgendwie stranden? Ich weiß es nicht, Len auch nicht, aber wir hoffen wenigsten über die Motivation bei Key & Co. Auskunft zu erhalten.

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An dieser Stelle mussten wir das Interview unterbrechen, da die vorgesehene halbe Stunde die Themen nicht unterbringen konnte. Len hat eine Fortsetzung zugesagt, in der wir uns mit der Transportinfrastuktur Aucklands, sozialen Problemen und mehr auseinandersetzen werden. Watch this space!

Eine Antwort auf SideTrack: Interview mit Len Brown – Teil 1

  1. Jenny sagt:

    Wow – das ist genau der Punkt, weshalb alle Europäer NZ so toll finden: einfach mal den Bürgermeister der größten Stadt des Landes interviewen. Wahnsinn!

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