Opinion: Kiwis wachsen Flügel

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Der legendäre politische Haudegen und ehemalige Premierminister Neuseelands ‚Rob‘ Muldoon sagte vor einigen Jahrzehnten: “New Zealanders who emigrate to Australia raise the IQ of both countries.” also, frei übersetzt, Neuseeländer, die nach Australien auswandern, erhöhen den (durchschnittlichen) Intelligenzquotienten beider Länder … *am Kopf kratz* …

Exodus bisher unbekannten Ausmaßes …

Ob es nun stimmt, sei dahin gestellt, bzw. wir verweisen auf einen älteren Artikel aus unserer Schmiede. Ganz sicher können wir uns aber darüber sein, dass der Exodus der Kiwis „across the Tasman“, „across the ditch“ – nach Australien – in den letzten Monaten ganz neue Dimensionen angenommen hat, u.a. auch in meinem Bekanntenkreis, aus dem sich ganze Seilschaften nach Australien verabschiedet haben.

Interessante Einblicke in das Warum hat der New Zealand Herald unlängst in einem Artikel zumindest anekdotisch zusammengestellt, und es sind – für regelmäßige Leser unseres Blogs – alte Bekannte: Überqualifizierung für die meist einfachen Jobs, die in NZ zu haben sind, aufgebläht hohe Preise für Wohneigentum, die den Kiwi-Traum vom eigenem trauten Heim für viele haben platzen lassen, und bei Neumigranten nach NZ wohl auch das Gefühl nicht wirklich willkommen zu sein.

Australien als gelobtes Land … ich habe trotzdem meine Zweifel, ob das Gras am anderen Ende des Meeres wirklich soviel grüner ist, denn die beiden Länder ähneln einander in ihrer Wirtschaftsstruktur so sehr, dass die Unterschiede eigentlich gering ausfallen. Zwar sind die Einkommen in Australien im Schnitt um einiges höher als in Neuseeland, aber relativ dazu sind etwa Häuser noch unbezahlbarer. Trotzdem macht es natürlich Sinn für Leute, die in Neuseeland einfach nicht den Job finden, der ihrer Qualifikation entspricht, nach Australien zu ziehen, denn sie können ihren Verdienst ja – wenn alles glatt läuft – überproportional verbessern. Andererseits gibt es in bestimmten traditionellen „blue collar“ Sektoren im australischen Bergbau und Landwirtschaft im Moment einfach Arbeitskräftemangel, den vor allem Maori für sich zu nutzen wissen.

… trotz eher geringer struktureller Unterschiede zwischen NZ und AUS

Having said that … sowohl Neuseeland als auch Australien sind, was man wohl de-industrialisierte, ‚moderne, dienstleistungsorientierte‘ Gesellschaften nennt, in denen die Industriesektoren bis auf Nischen nicht mehr existieren. Beide haben die Erträge des Rohstoffbooms der letzten Jahre in Hauspreisblasen und Konsum gelenkt, anstatt nennenswerte neue und zukunftsfähige Industrien zu schaffen. Beide könnten auch gemeinsam auf die Nase fallen, falls die Rohstoffnachfrage aus China plötzlich sinkt. Wie wahrscheinlich das ist? Keine Ahnung, aber ich weiß, dass bei vielen reichen Chinesen Absetzmanöver im Gang sind, weil diese nicht daran glauben, dass der traumhafte Wirtschaftsaufstieg Chinas so weiter gehen wird.

Beispiel: überflüssige Dienstleistungen

Als ich neulich in Takapuna die Hauptgeschäftsstraße herunterging, fiel mir noch mehr als früher auf, dass es auf einer Fläche von vielleicht 100×100 Metern sage und schreibe neun Bankfilialen gibt (BNZ, National, Westpac, Cooperative, TSB, ASB, HSBC, Kiwibank, ANZ), jede Menge Läden mit Bettzeug und Handtüchern (natürlich nicht lokal hergestellt), das auch von Deutschland bekannte üppige Sammelsurium an Kleiderläden für Frauen, daneben Restaurants, Cafes und ein paar staatliche Einrichtungen. Kann so langfristig Wohlstand gesichert oder gar aufgebaut werden? Ich bezweifle es, und ich denke, auch Australien wird damit letztlich nicht sehr weit kommen.

Ein Leser des „The Economist“ drückte es neulich einmal wie folgt aus: das grundsätzliche Missverständnis beim – sagen wir – angelsächsischen Wirtschaftsmodell ist der Glaube, dass Jobs im Dienstleistungssektor grundsätzlich höher einzustufen sind und mehr Wert schaffen als Jobs in der herstellenden Industrie. Fakt ist, nach Meinung dieses Lesers, der ich mich anschließe, dass USA, UK, AUS, NZ etc. in den letzten 20 Jahren viele hochqualifizierte Industriejobs durch niederqualifizierte Tätigkeiten im Dienstleistungssektor ersetzt haben, mit denen man nicht die volkswirtschaftlichen Einnahmen generieren kann, die ‚westliche‘ Gesellschaften benötigen, um ihren gewohnten Lebensstandard zu halten, oder gar auszubauen.

Ich gehe sogar noch weiter. Ein zusätzliches Problem an den ‚modernen‘, dienstleistungszentrierten Ökonomien ist u.a., dass viel Nachfrage künstlich zustande kommt, über unsinnige oder fehlgeleitete Gesetzgebung, oder Oligopole, die ihren Kunden ungewollte Dienstleistungen quasi aufdrängen. Beide Mechanismen sind in Neuseeland sehr stark ausgeprägt.

Zur ersten Kategorie gehören sicherlich die bis ins Detail ausgelutschten ‚Verkehrsdienstleistungen‘, über die ich schon geschrieben habe, und die Stilblüten treiben, die selbst den stoischsten Kiwi aus der Fassung bringen können. Im wesentlichen wird ein Heer von Aufsehern angestellt, die durch Vergabe oft kleinkarierter Bußgelder, die eigenen Unterhaltskosten beschaffen, oder soll ich sagen anschaffen. Der öffentliche Dienst in Neuseeland ist gespickt mit selbst-referenzierenden Jobs, ganz nach englischem Vorbild, das nach der zelebrierten Deindustrialisierung unter Lady Thatcher auch nicht mehr wusste wohin mit all den freigewordenen Arbeitskräften und begann, sie in staatlichen Bürokratien unterzubringen. Naja, nicht dass es die nicht auch in Deutschland gäbe, oder eben Australien.

Was wirklich auffällt, sind in NZ aber die Dienstleisterarmeen in privatem Rahmen. O.g. Banken zum Beispiel mit ihren massiven Zweigstellennetzen, in denen sich meistens nicht viel tut, und die sowieso schon um 16:30 schließen. Supermärkte, die sich darin gefallen, polierte Äpfel gleicher Größe zu Pyramiden türmen zu lassen, von vielen fleißigen Händen. An jeder Ecke Manager und „supervisor“, die herum kontrollieren und sich immer neue Prozesse und Umstrukturierungen einfallen lassen, um ihre Existenz zu rechtfertigen (ich muss es wissen, war auch mal einer). Allenortens „Security Services“, die ihre Beliebtheit einem politischen und ökonomischen System verdanken, das einigen Wenigen auf Kosten der Vielen zu kaum nachvollziehbarem Reichtum verhilft. Überflüssig wie Kröpfe, aber die Kosten lassen sich auf die Kunden umlegen, weil es zu wenig Konkurrenz gibt, die es anders machen würde. Schließlich lebt die ‚Elite‘ in Remuera oder Takapuna ganz gut von diesem für Ottonormalverbraucher wenig Laune machenden System. Am anderen Ende der Skala hat man sich in dem großen Niedriglohnsektor durch die Unterstützung mit relativ großzügigen Sozialleistungen auch arrangiert. Dem Rest dazwischen bleibt die Flucht über den Teich, oder Ablenkung per Rugby World Cup und anderem Brot und Spielen.

Neuseeland als Hintertür nach Australien und letztlich in die USA

Zum Teil spielen auch andere Aspekte eine Rolle für die Karawane nach Oz, wie etwa die vorsätzliche Ausnutzung Neuseelands als Sprungbrett nach Australien, nachdem man hier seine Zeit ‚abgesessen‘ hat. Das ist besonders bei asiatischen und indischen Migranten der Fall, die stark auf Status achten, auch was die Migrationsdestinationen betrifft. Neuseeland trägt geringeres Prestige als Australien, und das wiederum weniger als die USA.

Das grünere Gras … vielleicht doch außerhalb des angelsächsischen Strudels?

Jedenfalls fahren viele Kiwis, die den Sprung machen auch in Australien gegen Beton. Weniger Nanny-State, höhere Kosten und Steuern usw. Sind die Stummelflügel der Kiwis vielleicht doch zu kurz, um sich einen echten Unterschied zu erfliegen?

Manchmal denke ich das Undenkbare … sollten sich die Migrationsströme nicht vielleicht umkehren, und mehr Kiwis nach Deutschland kommen? Ausnahmsweise würde ich sie jedenfalls (aus meinem deutschen Blickwinkel) tatsächlich als Kulturbereicherer empfinden, und andererseits wird der deutsche Arbeitsmarkt sowieso gerade für ‚Fachkräfte‘ geöffnet, und Neuseeland hat nun einmal einen Qualifizierungsüberschuss. Da wäre noch die Sprachbarriere, aber dafür gibt es beispielsweise Goetheinstitute. Interessante Idee. Mal sehen, ob sie in einem obskuren Blog versauert, oder vielleicht etwas daraus wird … einige Ansätze dazu beobachte ich tatsächlich – ich werde gegebenenfalls berichten.

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