Pasifika: Märchen aus Vanuatu

Stellt Euch vor ein Deutscher spricht Denglisch und schreibt es dann so auf wie er es ausspricht: das nennt man Bislama, die Lingua Franca des Vanuatu Archipels. Für deutsche Ohren und Augen also ungewohnt vertraute Töne und Muster. Fast unheimlich. Und sie reden gerne und viel, und oft hat man das Gefühl, sie wollen nicht recht zum Punkt kommen, und das stimmt auch, denn Reden und Geschichten haben eine andere Qualität, und Zeit ebenso. Davon gibt es sehr viel, und Zeit ist eine der schönsten Facetten der Inseln. Ihre Leichtigkeit. Man vermisst sie, wenn man wieder in unsere Welt zurückkehrt.

Die Märchen, „Kastom Stories“, die man aufschnappt sind ganz verschieden plausibel und unterhaltsam. Alles zwischen einleuchtend, spannend und einfach nur bizarr ist vertreten. Viele haben irgendetwas mit unartigen Kindern zu tun (Reformpädagogen sollten besser nicht weiterlesen), mit Ritualen, und es ist unverkennbar, dass einige helfen sollen unerklärbare Naturphänomene zu deuten.

Einige dieser Geschichten möchte ich Euch vorstellen. Sooo, liebe Kinder …

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Die Legende von der Insel Tolambe

Vor langer Zeit, im Archipel bei den Inseln Vao und Malekula, gab es die kleine Insel Tolambe. Obwohl die Insel winzig war, bot sie genug Platz für mehrere Dörfer. In einem dieser Dörfer lebten eine Frau und ein Mann, die ganz besonders glücklich waren. Ihr Glück wurde vollkommen, als zuerst ein Junge und dann ein Mädchen das Licht der Welt erblickten.

Das Leben der Familie war einfach und friedvoll. Innige Liebe verband sie. Die Eltern kümmerten sich voller Hingabe um die Kinder, die ruhig und gehorsam waren. Ihr Leben folgte dem Rhythmus der Tage und der Jahreszeiten. Die einzigen Ereignisse, die den Lauf der Dinge unterbrachen waren die „namangki“, Rituale und Feiern, die im Dorf abgehalten wurden, bei denen gesungen und getanzt wurde, und bei denen die Häuptlinge Schweine als Schlachtopfer darbrachten. Von Kindesbeinen an durften die beiden Geschwister an diesen Feiern teilnehmen.

Die Eltern fuhren oft nach Malekula um Essen zu beschaffen. Als die Kinder klein waren, nahmen die Eltern sie mit, und anfangs war die Reise für die beiden ein großes Abenteuer. Als sie größer wurden, setzte langsam Langeweile ein, und die Kinder blieben immer öfter alleine auf Tolambe zurück. Jedoch jedes Mal bevor die Eltern losfuhren, gaben sie den Kinder eine strenge und seltsame Mahnung: „Fasst niemals die beiden großen Steine unten am Strand an!“

Das machte die geheimnisvollen Steine natürlich umso interessanter. Die Kinder musterten die beiden großen Steine am Strand oft und ausgiebig, auch aus der Nähe, wagten es aber nie die Steine zu berühren. Sie gaben sich mit Schauen zufrieden, obwohl Neugier und Ungeduld – besonders beim Jungen – immer stärker wurden. Er hatte seinen Vater immer wieder gefragt, was es mit den Steinen auf sich hatte, konnte aber nichts aus ihm heraus kitzeln. Der Vater sagte ihm jedoch, dass er eines Tages eingeweiht würde.

An einem sonnigen Tag, als die Eltern wieder eine Tour nach Malekula unternahmen konnte sich der Junge nicht mehr beherrschen und entschloss sich ungehorsam zu sein.

Zwar ermahnten die Eltern vor ihrer Abfahrt die Kinder wieder einmal die Finger von den Steinen zu lassen, aber dieses Mal half es nicht. Sobald die Eltern in Kanu saßen, ergriff der Junge seine Schwester bei der Hand und forderte sie auf: „Lass uns nachsehen, was für ein Geheimnis diese Steine verbergen!“. Die Schwester war zuerst entsetzt und meinte: „Du musst verrückt sein. Hast Du nicht gehört, was unsere Eltern gerade gesagt haben?“.

Doch der Junge wurde ärgerlich: „Sei kein Angsthase. Nachdem wir geschaut haben, was unter den Steinen ist, legen wir sie genauso zurück und niemand wird wissen was passiert ist.“ Das Mädchen war unsicher stimmte aber letztlich zu: „Dann lass uns schnell machen, bevor jemand kommt.“

Am Strand angekommen zerbrachen sie sich den Kopf, wie sie die beiden schweren Felsen bewegen konnten, aber weil sie als Kinder erfinderisch darin waren Unsinn zu treiben, fanden sie schnell die Lösung. Zwei Äste als Hebel angesetzt würden den Steinen zu Leibe rücken.

Aber sobald sie die Äste unter die Steine gelegt hatten, nahm das Unheil seinen Lauf. Eine riesige Flut, mehrere hundert Meter hoch schoss in die Luft. Wasser überflutete ganz Tolambe. Panik ergriff das Dorf. Ein paar Einwohner schafften es nach Malekula zu schwimmen, aber die meisten wurden vom Wasser weg getragen und ertranken, und so auch der Junge und das Mädchen, deren Neugier die Katastrophe ausgelöst hatte.

Heute könnt ihr noch immer nach Vao fahren und die Dorfbewohner fragen, wo das Inselchen Tolambe einst war, und wenn sie Euch die Stelle im Meer zeigen, werdet ihr sehen, dass das Wasser dort noch immer sehr seicht ist. Falls ihr dort schwimmt oder taucht werdet ihr vielleicht noch die Reste von Steinhaufen und Tiki erkennen, die damals die Festplätze markierten, auf denen die Bewohner von Tolambe ihre „namangki“ gefeiert hatten.

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Offensichtlich geht es bei dem Märchen um einen gewaltigen Tsunami. Falls das Seebeben, das ihn verursachte sein Epizentrum in der Nähe hatte, gab es eine Vorwarnung, aber das muss nicht so sein und eine riesige Flut kann auch völlig unerwartet auftreten. Wenn man das nicht weiß und rätselt warum so ein Unglück über eine Gesellschaft hereinbrechen konnte, sucht man sicher schnell die Verantwortung bei Tabubrüchen, bei Verstößen gegen die hierarchische Ordnung usw. Es ist erstaunlich wie sehr sich menschliches Denken sogar bis in die entlegensten Winkel der Welt ähnelt. Schuld und Sühne.

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