Taonga: Der Märchenwald von Atuanui

Lesedauer: 5 Minuten

Eigentlich war ich gerade auf dem Weg nach Atiu Creek, als mir ein frisch gelecktes braunes Schild auffiel „Mount Auckland Walkway“ (= Atuanui). Allein der Name klingt schon interessant. Mount Wellington liegt mitten in Auckland. Und Mount Auckland? Mitten im Gebüsch.

Aber langsam. Natürlich fiel mir nicht nur das Schild auf, sondern der prächtig bewaldete Hügel im Hintergrund. Nicht unbedingt alltäglich in einer Gegend die so sehr von Farmen und Nadelholzplantagen geprägt ist, dass einheimischer ‚Urwald‘ ungewohnt geworden ist. Mount Auckland kam auf die To-Do-Liste.

An einem kühlen aber sonnigen Herbsttag war es dann soweit. Ich brach wie üblich in aller Herrgottsfrüh um etwa 12 Uhr auf, nachdem ich pflichtbewusst die Sache auf Machbarkeit auf den DOC Webseiten geprüft hatte. Es hieß dort etwa eineinhalb Stunden, einfach. Kein Problem.

West-östlicher Diwan

Der „Walk“ hat zwei Zugänge, an der östlichen und an der westlichen Flanke des Naturparks, unweit des Weilers „Glorit“. Von Auckland aus auf der SH16 („Kaipara Coast Highway“) von Süden kommend ist der östliche davon, wie gesagt, mit prunkvollem Schild ausgewiesen, und damit unübersehbar. Wenn man sich für diesen Ausgangspunkt der Wanderung entscheidet, muss man dem Schild an der SH16 folgend noch ein paar Kilometer eine ungeteerte Straße hoch fahren, die allerdings sehr gut ist. Der eigentliche Zugang zum Walkway ist dann auf der linken Seite, und das Schild dafür ein wenig mickrig, also nicht zu schnell durch brausen. Der westliche Startpunkt für die Wanderung ist aus Richtung Auckland überhaupt nicht zu erkennen. Sogar nachdem man wendet und in südliche Richtung zurück fährt, kann man ihn leicht übersehen. Hier deshalb die Geodaten: S 36 Grad 27,143, E 174 Grad 26,067. Welcher Zugang ist besser? Ich denke der östliche. Von beiden ausgehend muss der Wanderer erst mal buchstäblich durch Mist waten, sprich Kuhweiden, die mit Kuhfladen übersät sind, recht uneben (Vorsicht, das Gras verbirgt oft tiefere Stellen, in denen man sich leicht verstolpert), und bei entsprechendem Wetter auch matschig und schwer. Kein Vergnügen. Ich fand meine uncoolen Wanderstöcke dabei äußerst hilfreich. Beide Routen sich durch orange Markierungen (Plastikdreiecke, bzw. Pfosten mit orangen Enden) gekennzeichnet, allerdings manchmal mit so großen Abständen, dass man ein wenig Gespür braucht, wo es weiter geht. Für die Kuhweiden-Ost wie -West braucht man je etwa 30 Minuten. Die westliche ist allerdings um einiges steiler, man passiert einige hässliche Hochspannungsleitungen, und – schlimm – man hört den Autolärm von der SH16 noch eine geraume Weile lang. Deshalb empfehle ich die Option Ost. Hier bitte nicht schnurstracks auf den zerfallenden Wellblechhangar zugehen, sondern nach links weg über die relativ rechteckige Grasfläche, eine alte Fluglandebahn.

Eintauchen in das Reich der Tui

Auf beiden Routen werden einem wahrscheinlich Kühe begegnen, übrigens. Nicht notwendig zu schreiben, dass sie völlig harmlos sind. Ansonsten sieht und hört man noch die üblichen Magpie-Krähenvögel, und eventuell Rosellas und gut genährte Fasane. Aber deswegen sind wir nicht hier. Am Ende des Spießrutenlaufs durch Kuhfladenminen, geht die Weide abrupt in den eigentlichen Wald über, der mich von weitem so angezogen hatte. Ein wenig fühlt man sich wie Hänsel und Gretel, die auf der letzten Lichtung vor dem dunklen, kühlen Wald stehend mit seinen Geheimnissen und Gefahren.

Aber wie immer im wunderschönen Neuseeland, betritt man den freundlichsten Wald des Universums. Hier lauern keine wilden Tiere, und nicht einmal eine Mücke, Bremse oder Fliege irritiert. Der Wald um Mount Auckland (mit 304m Höhe, übrigens nur ein besserer Hügel) ist von neuseeländischer Majestät. Prächtige Stände von Nikau-Palmen, mächtige Rimu, Kauri und Taraire strahlen zeitlose Ruhe und Würde aus. Und solange man sich zwischen den Baumriesen bewegt, kann man sich an einem wahren Tui-Konzert erfreuen, unterbrochen nur vom Zirpen einiger Silvereye und Fantail. Ich habe selten eine solche Dichte an Tui erlebt. Wenn man sich die Zeit nimmt still zu verharren, sind sie gut in ihrem Flattern und bei ihren chaotischen Serenaden zu beobachten. Sie sind allerdings an Menschen nicht so sehr wie ihre Artgenossen in den Vororten der Städte gewohnt, und lassen eine Distanz von weniger als 5 Metern kaum zu. Trotzdem, es ist traumhaft, den gediegenen Wanderpfad entlang zu turnen, und dabei all den urneuseeländischen Radau zu hören. Wie traumhaft muss es hier gewesen sein, als die Tui noch von all den Vögeln begleitet wurden, die inzwischen rar, oder gar ausgestorben sind. Der Atuanui Walkway vermittelt uns einen Eindruck davon.

Neben den Tui sind mir noch ein paar Kereru-Tauben aufgefallen, und auf dem Wanderweg selbst Māori-Middens, alte Müllhaufen der Māori, sichtbar vor allem durch die kalkweißen Muschelreste, die sich gegen die braune Walderde abheben. Atuanui hat einst auch ein Pā, also ein Māori-Fort beherbergt, und soll bis zum heutigen Tag eine besondere spirituelle Bedeutung für die lokalen Iwi haben. Ich stehe kaum unter dem Verdacht kulturell entwurzelten Deutschen Māori-Romantik zu verkaufen :-) … aber in Atuanui kann ich tatsächlich ein spirituelles Element fassen.

Das ist der Gipfel

Da auch der Gipfel bewaldet ist, merkt man erst kurz vorher, dass man angekommen ist, etwa an der steigenden Lichtintensität, und auch der höheren Feuchtigkeit, die sich in Gipfellagen sammelt. Es gibt so eine Art Gipfelkreuz, und daneben eine hölzerne Aussichtsplattform, von der man die Baumkronen und den Hotea-Fluss überblicken kann, und entweder Richtung Nordosten in die wogend-grünen Hügel spähen, oder sich Richtung Westen zum Kaipara-Inlet wenden. Alles ganz nett, aber nicht orgiastisch. Ach ja, und ein Tui lässt es sich nicht nehmen den Gipfelsturm mit Radau zu kommentieren :-)

Sinnliche Schlussbetrachtungen

DOC spricht von 90 Minuten für die Gipfeltour, und dann dasselbe Retour oder aber Abstieg in westliche Richtung, wobei die Frage bei dieser Option offen bleibt, wer das Auto vom Startpunkt Ost an den Startpunkt West zaubert. Man kann es auch leicht in 60 Minuten schaffen, will das aber nicht, denn Muße ist nötig um die Magie von Atuanui zu erfühlen.

Eines wird beim Abstieg, und dem Naturschock deutlich, den man beim Verlassen des Waldes und durchwandern der Kuhweiden unweigerlich verspürt, die Einsicht wie sehr der Natur durch die weitflächigen menschlichen Eingriffe Gewalt angetan wurde, und gleichzeitig wie wenig Raum man der Natur einzuräumen braucht, damit sie ein würdiges Dasein fristen kann.

Mount Auckland ist meiner Beobachtung nach relativ intakt. Ich habe keine größeren Bestände an Unkraut gesehen, wie sie in gestörten Wäldern häufig anzutreffen sind. Auch Menschenmassen sind nicht zu befürchten. Obwohl nur eine knappe Stunde von Auckland entfernt, liegt der Zauberberg jenseits der üblichen Touristikrouten, und auch Einheimische kennen diesen Geheimtipp eher wenig.

Praktisches

Gute Wanderschuhe sind obligatorisch, und Stöcke von großem Nutzen.  Von Auckland aus über die Hafenbrücke Richtung Norden auf der Autobahn, bis zur Ausfahrt Silverdale. Westlich Richtung Dairy Flat, aber bald auf die Kahikatea Flat Road nach rechts in Richtung Waitoki und Kaukapakapa abbiegen, alsdann auf die SH16 nach Norden, also in Richtung Wellsford (nicht Helensville). Je nach Zeitplan als Halb- oder Ganztagestour zu schaffen. Viel Spaß!

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