Opinion: 1 NZD = 1 AUD – Zur Kiwidollar / Aussiedollar Parität

Großer Bruder, kleiner Bruder – seit 1983 die Wechselkurse des australischen und etwas später auch des neuseeländischen Dollar freigegeben wurden und dem (angeblich) freien Spiel der Märkte unterworfen sind, hat das Währungspaar Aussiedollar/Kiwidollar die Größenverhältnisse der beiden Nationen treu abgebildet. Der Kiwidollar war schon immer weniger Wert als die Nachbarwährung und alles hatte seine verlässliche Ordnung. Bis Ende letzter Woche, als der Interbankkurs erstmals auf 1 AUD = 1,0001 NZD also praktisch Gleichstand fiel.

Warum beschäftigt uns dieses Ereignis?

Weil es nicht ohne Folgen für das Einwanderungsland Neuseeland bleiben wird, denn das Verhältnis der Währungen in zwei Ökonomien, die sich sonst stark ähneln sagt viel über den Zustand der jeweiligen Volkswirtschaft aus. Da Neuseeland und Australien darüber hinaus so etwas wie eine Mini-EU bilden, in der praktisch Freizügigkeit herrscht, ist eine Umkehr des traditionellen Migrationsstroms von Neuseeland nach Australien nur eine Frage der Zeit. Und es kehren nicht nur Kiwis von der „West Island“ Australien nach Hause zurück, viele waschechte Australier folgen ihnen. Schwabbten 2012 noch fast 40.000 Menschen von Neuseeland nach Australien, waren es 2013 nur noch die Hälfte. Heute herrscht praktisch Gleichstand und das ist ebenso so unerhört wie die Kiwi-Aussie-Dollar Parität.

Extrapolieren wir dieses Szenario, wäre eine Verdoppelung der Migrationszahlen nach Neuseeland innerhalb von ein oder zwei Jahren keine Überraschung. Was das für die ohnehin exorbitant hohen Immobilienpreise und die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt bedeutet muss ich nicht diskutieren. Jedenfalls werden es auch potentielle deutsche Einwanderer (das Gros der Leser von NZ2Go) zu spüren bekommen, die sowieso schon unter dem kapitalvernichtenden abschmelzenden Euro leiden.

Überweisen Sie Geld ins Ausland, zu Kursen die Ihre Bank Ihnen nicht bieten wird

Schwacher Aussie, oder starker Kiwi?

Beides. Der Neuseelanddollar bewegt sich nicht nur gegenüber dem AUD auf historischen Höchstständen. Auch der Euro ist in Neuseeland so billig wie noch nie (momentan um 1,40 NZD pro Doppelmark), NZ2Go hat unlängst zu diesen Währungsturbulenzen berichtet. Grund dafür ist sicher nicht eine kerngesunde, moderne, wettbewerbsfähige neuseeländische Wirtschaft. Die Wirtschaftsstruktur des Landes hat sich in den letzten Jahren nicht merklich verändert. Kiwiland ist wie gehabt eine Agrarökonomie mit etwas Tourismus und Bildungsexport plus gewöhnlicher Dienstleistungsindustrien und einer ganzen Menge Immobilienspekulation. Böse Zungen behaupten gar, Neuseeland sei ein Pyramidenschema, das auf Bevölkerungswachstum beruht 💡  … ganz falsch ist diese Aussage sicher nicht.

It’s the Central Bank, stupid

Kiwiland verfügt allerdings auch über eine Zentralbank, die bisher kein Geld gedruckt hat und die das Zinsniveau (OCR = 3,5%) klar über dem australischen Zins (CR = 2,25%) oder gar dem europäischen Nullzins hält.

Weil Neuseeland außerdem eine relativ niedrige Staatsverschuldung hat und als guter Schuldner gilt, fließt seit Jahren mächtig Kapital ins Land, zum Teil als Carry Trades (= Geld in Niedrigzinsländern borgen und dann in Höherzinsländern anlegen). In Zeiten des globalen Anlagenotstandes sind um die 3,5% Zinsen von einem soliden Schuldner heißbegehrt und wegen der dadurch noch zusätzlich hochgedrückten Währung winken als Bonus Wechselkursgewinne.

Die australische Notenbank RBA dagegen hat sich mit einer übertriebenen Niedrigzinspolitik in die Ecke manövriert. Die Zinsen liegen schon jetzt auf historischen Tiefs, jetzt, da sich der Rohstoffsuperzyklus abkühlt und eigentlich weitere Zinssenkungen anstehen würden. Den Immobilienmarkt hat die RBA anscheinend schon ganz aufgegeben. Trotz wilder Spekulation und Preisexzessen kann oder besser will die RBA nicht mehr durch Zinserhöhungen eingreifen. Es ergibt sich das unschöne Bild einer getriebenen, eher hilflosen monetären Politik.

Milch pfui, Kohle noch mehr pfui

Australien und Neuseeland sind ähnlich, aber nicht identisch. Der von China entfachte Kohle und Eisenerzboom in Australien ist bis auf weiteres vorbei. Mag sein, dass Indien in die Bresche springt, aber im Moment muss sich Australien mit weniger Nachfrage, niedrigeren Preisen und ergo geringeren Geldzuflüssen, die in Aussiedollar zu tauschen sind arrangieren.

Neuseeländischer Molkereiproduktexport leidet zwar auch unter in den letzten zwei Jahren stark gefallenen Weltmarktpreisen aber der Preisverfall liegt ‚nur‘ bei etwa der Hälfte, nicht bei zwei Dritteln wie bei Kohle und Eisenerz.

Geldtsunami aus Fernost

Nun, wäre ich ein korrupter chinesischer Beamter, der angesichts der laufenden Anti-Korruptionskampagne des neuen chinesischen Präsidenten Xi Jinping seine Beute in Sicherheit bringen möchte, wäre eine Investition, typischerweise in eine Immobilie in Neuseeland keine schlechte Option. Kanada hat gerade seine Einwanderungsgesetze für ‚Investoren‘ verschärft, in Australien wird das gesetzliche Verbot des Immobilienkaufs durch Ausländer seit Kurzem konsequenter durchgesetzt. Bleibt Neuseeland.

Genaue Statistiken zur Nationalität der Käufer auf dem neuseeländischen Immobilienmarkt existieren zwar nicht (ein Schuft, der Schlimmes dabei denkt), aber „anectdoctal evidence suggests“, dass viel chinesisches Geld in Neuseeland unterwegs ist, das ebenfalls den hohen Wechselkurs stützt.

Die Mär vom sicheren Hinterwäldlerland

Die frohen Weihnachtsgrüße, die der Islamische Staat über Herrn Man Haron Monis im Martin Square in Sydney an Australien überbringen lies, haben zu keiner Grundsatzdiskussion zur Einwanderung in Australien geführt. Herr Monis wurde für geisteskrank erklärt und der Zusammenhang der Gewalttat mit dem Islam wurde – wie üblich im realitätsscheuen ‚Westen‘ – schlicht ignoriert oder aktiv negiert. Vorerst ändert sich nichts am australischen Einwanderungsprogramm, insbesondere wurden aus Sicherheitsgründen keine verschärften Auswahlverfahren für Immigranten mit Gefährdungspotential eingeführt.

Obwohl auch Neuseeland ein Problem mit muslimischem Terrorismus hat, ist die gefühlte Problematik im Moment noch geringer (bis auch in Neuseeland die ersten Anschläge verübt werden). Neuseeland gilt in dieser Hinsicht als sicher, allemal sicherer als Australien und große Teile Europas.  Natürlich wird im Angesicht universell islamophiler Medienmeinungserstattung kaum jemand in Australien oder sonst wo im libertären Abendland offen zugeben Angst zu haben und nach Neuseeland zu evakuieren. Aber viele Australier schauen sich eben doch schon Mal verstohlen in Neuseeland um und umschreiben ihre Motivation als von vermeintlich ‚besserer Lebensqualität‘ in Neuseeland getrieben. Also auch dadurch erhöhter Immigrationsdruck und Kapitalzufluss.

Die Konjuktur

Als Neuseeland vor ein paar Jahren der kranke Mann der westlichen Ökonomien war, ging es Australien noch blendend. Die Konjunkturzyklen haben schon damals eine Phasenverschiebung durchgemacht und laufen jetzt nicht mehr synchron. Oder einfach ausgedrückt, im normalen Boom-Bust Zyklus angelsächsischer Volkswirtschaften ist Neuseeland im Moment oben auf und Australien im Tal. Es ist zwar nur eine Frage der Zeit, bis sich die Verhältnisse wieder von selbst korrigieren, aber im Moment ist die Realität so wie sie ist.

Übrigens könnte man viel darüber schreiben wie Australien das viele, gute chinesische Geld der letzten Jahrzehnte verschleudert hat. Es wurden keine neuen Industrien aufgebaut, es wurde nicht einmal für schlechte Zeiten gespart. Statt dessen wurden die Löhne im öffentlichen Dienst inflationiert, Immobilienpreise in absurde Höhen spekuliert und die ganze Welt von australischen Touristen mit dicken Geldbeuteln überflutet. Zu allem Überfluss haben sich viele Australier auch daran gewöhnt in relativer Prosperität zu leben und jammern jetzt von der Mühsal der selbst geschaffenen ‚Krise‘ und der eventuellen Notwendigkeit etwas zu ändern.

Neuseeland ist hier keine Spur schlauer. Die derzeit gute wirtschaftliche Lage wird nicht dazu genutzt in den Wohlstand der Jugend zu investieren, z.B. durch den Aufbau nachhaltiger neuer Wirtschaftszweige, die mittelfristig gut bezahlte Arbeitsplätze schaffen. Nein, man verjubelt das Geld mit vollen Händen. Immobilienkredite werden – wie vor zehn Jahren, bevor die große globale Finanzkrise begann – gerne wieder erweitert, um sich neben einem überteuerten Haus auch ein Boot oder eine Weltreise zu gönnen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Party vorbei ist  😯

„Having said that …“ … da die Dinge nun einmal sind wie sie sind und zum Beispiel auch Deutschland die Gelddruckorgien der EZB und das Durchfüttern Griechenlands unterstützt, ist weises Verhalten heute nicht unbedingt klug. Insofern stelle ich nur fest was Australier und Kiwis so treiben und werte es nicht. Es ist – leider – wahrscheinlich sogar schlauer als die unbelehrbare Sparerei und Risikoscheu der Deutschen.

Politische Stabilität

John Key ist in meinen Augen keineswegs ein guter Politiker, aber er hat es geschafft, dass Neuseeland von innen wie außen als Leuchtturm politischer Stabilität gesehen wird, allein schon wegen der Kontinuität seiner bisher drei Amtszeiten.

Sein australischer Gegenpart Tony Abbott dagegen hat mit vielen Kehrtwenden und bizarren Aktionen, wie der Verleihung einer ‚Ritterschaft‘ an den englischen Prinzen Philip sein politisches Kapital vernichtet und sitzt jetzt nicht einmal mehr in seiner eigenen Partei fest im Sattel. In (relativen) Krisenzeiten ist, wie unsere große Vorsitzende Merkel es ausdrücken würde, das Gefühl politischer Instabilität nicht hilfreich. Auch nicht im Kreis internationaler Investoren und Kapitalströme.

***

Trotz allem, meiner Meinung nach (nicht als Anlageberatung zu interpretieren) wird die relative Stärke des Kiwidollar keinen langen Bestand haben bzw. dies wird nicht in Neuseeland entschieden, sondern andernorts. Da die neuseeländische Regierung keine Anstalten macht die wundersame wirtschaftliche Stärke des Landes durch mutige Investitionen abzusichern, wird der nächste Abschwung sicher kommen – es sei denn die EU, Australien, China usw. bauen noch mehr Mist und untermauern damit unfreiwillig die Attraktivität Neuseelands als sicherem Standort für Kapitalanlagen.

Auch interessant:

 

 

 

 

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>