Opinion: Neuseeland Reiseführer – Teil 2: Baedekers Neuseeland

Lesedauer: 7 Minuten

Aus der hinlänglich bekannten Reiseführerserie in rot-blau, die in keinem deutschen Buchhandel fehlt (meinen Dank für das vom Verlag zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar).

Zunächst fällt auf, dass es zu dem Titel keinen Autor gibt. Es handelt sich um ein ganzes Autorenteam, das in hinteren Teil des Buchs aufgezählt wird, darunter auffällig viele Träger eines Doktorgrads. Man kann vermuten, dass Experten zu verschiedenen Sachgebieten konsultiert und das Ganze anschließend zusammengeführt wurde. Stilistisch gibt es keine Brüche, wohl aber eine ziemliche und störende Streuung im Detailgrad.

But first things first …

Die Großstruktur sieht wie immer aus, eine allgemeine Einführung ins Land gefolgt von Informationsmaterial zu einzelnen Reiserouten und -zielen.

Natur und Umwelt – keine Überraschung – wird zu Recht viel Platz zugestanden und insgesamt geht die Darstellung völlig in Ordnung, wenn sie mitunter auch einige seltsame Blüten treibt. Zum Beispiel:

  • Vulkankegel auf der Nordinsel seien bis zu 1900m hoch? Egmont misst meines Wissens 2500m, Tongariro fast 2000 und das Buch selbst erwähnt Ruapehu mit 2797m. Hmmm … oder liegt es daran, wie man ‚Vulkankegel‘ definiert? Jedenfalls bizarr.
  • Mount Cook wird im Bild mit standesgemäßem Lupinenkranz dargestellt. Lupinen sind in Neuseeland allerdings als Unkraut klassifiziert und ihre weitere Ausbreitung wird bekämpft.
  • Rimu(holz) soll als Baumaterial begehrt sein? Mag sein, aber das Fällen der inzwischen seltenen Bäume ist praktisch verboten (mit Ausnahme einiger privater Bestände) und die Aussage somit irgendwie deplaziert.

Trotzdem, zu den natürlichen Dingen Neuseelands wird das Nötige und Wichtige gesagt. Gut.

Zu den Themen Bevölkerung und Politik wird in die übliche Richtung geschrieben, zum Teil arg ins Klischeehafte abgeglitten. Aussagen wie

“… engagiert sich das 1987 zur Atomfreien Zone erklärte Land für Umweltschutz und Rüstungskontrolle.”

dürfen wohl nicht fehlen :-( … Dieses Getue als ob das im Jahr 2013 noch etwas Besonderes wäre ist schon nervig. Neuseeland ist Teil einer globalisierten Welt und passt sich nach Kräften an Vorgaben von außen an, würde es eher treffen.

Schön gelungen sind Übersichtskarten der Regionen und Distrikte, durch die man ansonsten ohne sie besonders zur Kenntnis zu nehmen durchfährt. Auch den Hinweis auf die extreme Urbanisierung Neuseelands, also dass die meisten Kiwis in Städten leben, finde ich wichtig. Er erklärt die ausgeprägte Leitrolle der wenigen Bevölkerungszentren.

Nicht nachvollziehen kann ich Sager wie

„Auch viele Chinesen und Inder leben seit Generationen in Neuseeland …“

Zwar gibt es tatsächlich chinesische und indische Familien, die seit vielen Generationen Neuseeland ihr zu Hause nennen, aber „viele“ sicher nicht. Die vielen kamen erst seit Ausrufung des Multikulturalismus vor wenigen Jahrzehnten ins Land geströmt und sind oftmals kaum integriert.

Zuviel Raum wird – auch das symptomatisch für politisch korrekte Neuseelandführer – der Maori Community eingeräumt, wobei auch hier wieder kein Klischee ausgelassen wird:

„Die junge [Maori] Generation hat sich an das europäische Leben angepasst, aber sie ist oft gegenüber den Nachfahren der Kolonialherren benachteiligt …“

Tatsächlich? Meiner Meinung nach hat sich diese junge (oder auch die ältere) Generation eben nicht an das europäische Leben angepasst. Hätte sie es, gäbe es die schwerwiegenden sozialen Probleme nicht. Andererseits weiß ich nicht woher die Einsicht stammt, dass noch immer systematisch benachteiligt wird. Viele ‚offizielle‘ Maori haben so viele europäische Vorfahren, dass man sie kaum als Maori erkennt. Jedenfalls hilft es nicht die Sage von den armen Maori-Opfern ad infinitum weiterzupflegen.

Und geradezu grotesk sind Pauschalisierungen der Art

„… Wir-Gefühl statt Besitz …“

bestimmten den Alltag der modernen Maori-Gesellschaft, wobei ich nicht einen Mangel an Wir-Gefühl unterstellen will, sondern vielmehr einen ausgeprägten Materialismus. Der Mongrel Mob kocht und vertreibt Crystal Meth, um Geld zu machen und nicht als Wir-Ritual. Mir sind auch keine Fälle bekannt in denen aus ethnischem Stolz die Sozialhilfe der üblen, benachteiligenden Pakeha abgelehnt würde.

Information zur Wirtschaft Neuseelands ist spärlich, aber damit hinreichend beschrieben. Auch in diesem Bereich kenne ich bislang keinen Reiseführer, der über abgegriffene Klischees hinausgeht. Umso besser wenn diese Sparte kurz gehalten wird!

Landwirtschaft im Besonderen wird andererseits angemessen, ausgewogen und nach meinem Dafürhalten korrekt dargestellt. Überraschend fundiert auch die Information zu Industrie, Bergbau und Energie. Geothermie und andere erneuerbare Technologien werden eingänglich und gekonnt präsentiert.

Zu Handel und Dienstleistungen wird ein wenig viel geschrieben, aber auch hier das Richtige.

Ganz toll ist im Prinzip die Abteilung Willkommen im Alltag. Ich finde die Idee sehr gut verschiedene Möglichkeiten aufzuzählen mit ‚echten‘ Kiwis in Kontakt zu treten. Im Grunde ist es ja das Anliegen dieses Blogs einem deutschen Publikum das ‚wahre‘ Neuseeland näher zu bringen, als Kontrastprogramm zu den vielen Blogs bei denen hinter den Kulissen eher auf Konsum und Verkauf abgezielt wird.  Im Resultat bleibt es bei Baedeker beim guten Ansatz. Die Angebote wirken recht willkürlich und zum Teil mit klarer Werbebotschaft.

Zur Geschichte des Landes verfällt Baedeker leider wieder in einen Klischeerausch, teilweise mit rassistischen Untertönen. Auch anderes fällt negativ auf:

„Die Bewohner von Northland … waren mit Kumara bekannt“

Entweder ‚waren mit XYZ vertraut‘, oder ‚war XYZ bekannt‘. In der obigen Form scheint es sich um eine direkte und falsche Übersetzung von „acquainted with“ zu handeln. Wäre interessant zu wissen was die englische Originalquelle war. Hmmm …

Die Auslöschung des Volks der Moriori auf den Chatham Islands durch die Maori wird komplett unterschlagen, wohl um die Bühne für einen lupenreinen Opferstatus der Maori aus Hand der ‚Weißen‘ zu setzen. Überhaupt, ‚die Weißen':

„Weiße Walfänger und Kaufleute nutzten die unbedarften Maori aus, ja verstießen gegen deren Sitten und Bräuche.“

In einer Zeit in der niemand mehr wagen würde Menschen mit dunkler Hautfarbe als ‚die Schwarzen‘ zu titulieren, sind solche Redensarten unangemessen.

Andererseits unterschlägt Baedeker fast komplett die reichhaltigen deutschen Spuren in der Geschichte Neuseelands. Kein Wort zu alten Siedlungsgebieten in Nelson, Entdeckern wie Hochstetter, Somes Island usw. Puhoi wird plötzlich böhmisch (nicht deutsch), obwohl diese Einwanderer meines Wissen deutschsprachig waren. Auch der Abschnitt zu den Abenteuern des Grafen Luckner fällt ziemlich mickrig aus. In einem deutschen Reiseführer ist sowas ein Witz.

Last, but not least, neben all der ‚Schuld und Sühne‘ Debatte im Zusammenhang mit den Maori, sollte vielleicht auch darauf hingewiesen werden, wie wenigen Menschen in der Welt heute noch Rechte aus einem 150 Jahre alten und zwischendurch ignorierten Vertrag zugestanden würden? Fast niemandem.

Insgesamt ist der Abschnitt zur Geschichte Neuseelands unbrauchbar und auch viel zu lang.

Zu Kunst und Kultur noch mehr Maori, Maori, Maori … grausam. Und Gottfried Lindauer aus Pilsen war anscheinend kein Österreicher, sondern wieder Böhme. Ok, alles klar.

Ein Lichtblick sind die Informationen zu Literatur und neuseeländischen Geistesgrößen. Umfassend und liebevoll präsentiert. Das Hobbit-Zeugs wiederum hätte man auch weglassen können :-)

Sehr gut auch – in Einschüben – die Information zur Bedeutung von Tätowierungen und Maraes (Versammlungshäusern).

Essen und Trinken sind auch mir lieb und wichtig und in Neuseeland kann man das inzwischen recht gut. Trotzdem, wenn ich lese

„Vor allem in größeren Städten gibt es immer mehr Bars und Coffee Shops, die auch Espresso und Cappuccino nach italienischer Manier zubereiten.“

scheint das ein Statement aus dem letzten Jahrhundert zu sein. Kaffee ist nach zaghaften Anfängen in den 1990er Jahren inzwischen zu einem Kult in Neuseeland geworden und wird heute allemal besser und vielfältiger zubereitet als in Deutschland.

Dann „… blaue Muscheln …“, ja, die gibt es auch, aber charakteristisch sind doch die grünen. Und

„Eine besondere Spezialität ist die kleine Sardinenart namens Whitebait.“

Es handelt sich um eine ganze Reihe von Arten, nicht nur eine und nicht nur um Sardinen, aber sei es drum.

Feste werden auch in Neuseeland gerne gefeiert und es wird völlig richtig darauf hingewiesen, dass die „Agricultural and Pastoral Shows“ (so etwas wie landwirtschaftliche Lesitungsschauen mit angeschlossenem Rummel) eine ehrwürdige Tradition sind. Man sollte einmal dort gewesen sein, Zustimmung.

Rugby ist gut erklärt und vielleicht hätte man auch ein wenig zu Cricket sagen können.

Die abschließende Liste aller wichtigen Feiertage und Events und auch der Sehenswürdigkeite für Kinder ist nützlich.

Beim Thema Shopping gibt es zu viel Umweltfreundlichkeitsgedöns. Den meisten – Hand aufs Herz – ist die theoretische Nachhaltigkeit doch egal. Und sogar der Reiseführer gibt zu bedenken, dass der Flug von Deutschland nach Neuseeland gerade in den Umwelthades führt!

Im Detail dann noch

„Günstiger als bei uns ist in Neuseeland Outdoor-Kleidung“

Ist mir so noch nie aufgefallen. Ich habe noch einen MacPac Schlafsack aus Christchurch, der Made in New Zealand ist, aber graue Vorgeschichte. Heute ist alles Made in China. Und teuer. Und wenig Auswahl. Nur die üblichen internationalen Marken. Ich rate jedenfalls nicht dazu Outdoor-Gear in Neuseeland zu kaufen.

Super finde ich dagegen die kurze aber prägnante Einführung neuseeländischer Modemacher. Wenig beachtet und doch ein Industriezweig mit viel Potential, der mehr Beachtung verdient.

Unvermeidlich: Manuka Honig, den ich in einem früheren Artikel recherchiert hatte, mit ernüchterndem Ergebnis. Und dann wird noch die Firma „309 Honey“ beworben (die ich zufällig sogar kenne). Jeder asiatische Gemüseladen in Auckland vertreibt genauso guten Honig ohne dass man hunderte Kilometer fahren müsste, um ihn zu holen. Soviel nochmal zum plakativen Umweltgedanken.

Interessanter finde ich da Pohutukawa-Honig. Echter Manuka kommt sowieso eher aus Australien und Pohutukawa ist eine Ikone, die neuseeländischer nicht mehr sein könnte.

Insgesamt überraschend dürftig, der Shopping Teil. Ich glaube, dass meine Artikel zu Souvenirs in Auckland und Wellington interessanter sind.

Zum Ausklang des allgemeinen Teils des Reiseführers sehr wenig und sehr unkritisches zum Thema Übernachten – da lobe ich mir das Konkurrenzprodukt von Michael Müller. Oder meinen eigenen Artikel dazu :-)

Fast fertig. Da gibt es noch Aktivurlaub also whale watching, whitewater rafting, Bungee und Konsorten. So das übliche.

***

Endlich, der Teil des Reiseführers ist erreicht, der Touren und einzelne Reiseziele vorstellt, nach Nord- und Südinsel gegliedert plus Praktische Reisehinweise.

Die Tourenvorschläge sind plausibel aber letztlich sehr abgehangen. Nichts Interessantes zu entdecken. Die Ortsbeschreibungen dagegen sind recht bekömmlich. Gute Balance im Detailgrad und auch eine gute Abdeckung.

Die Reisehinweise wirken altbacken. Lesen sich wie vor 20 Jahren mit ein paar zaghaften Anpassungen an die Moderne zum Beispiel beim Thema Internet.

*** *** ***

Fazit

Ein eher unzusammenhängendes Werk, das in einigen Teilen brilliert und in anderen grauenhaft enttäuscht. Diese Inhomogenität ist wohl den unterschiedlichen Begabungen im Autorenteam geschuldet und kommt beim Leser künstlich, retortenhaft, unangenehm an.

Die faktischen Ungereimtheiten, die ich in dieser Rezension aufzähle finde ich dabei eher unbedeutend. Viel störender ist das politisch korrekte Gebrabbel bei Themen wie Maori oder Umwelt. Man kann es wirklich nicht mehr hören.

Ich würde meinen Lesern lieber eine kürzere, entrümpelte und konsolidierte Fassung von Baedekers Neuseeland empfehlen. Im Moment reicht es nur zu …

… meiner Gesamtbewertung von 2,5 von 5 Punkten.

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