Opinion: Neuseeland Reiseführer – Teil 3: DK Vis-à-Vis Neuseeland

DK, Dorling Kindersley, ist ein britisches Verlagshaus, das in der englischsprachigen Welt für seine reich bebilderten Sachbücher incl. Reiseführer gut bekannt ist und sich inzwischen in Deutschland etabliert hat.

Auch das deutschsprachige Exemplar „Vis-à-Vis Neuseeland“ kann seine angelsächsischen Wurzeln nicht leugnen. Im Autorenteam, alphabetisch zwischen Helen Corrigan und Mark Wright angesiedelt, findet sich kein nicht-Anglo Name. Um es Vorweg zu nehmen, das tut dem Werk (fast) keinen Abbruch. Wir haben es hier mit einem modernen, sehr les- und brauchbaren Reiseführer zu tun und sicher keiner schlechten Übersetzung eines Buchs, das für einen ausländischen Markt gedacht war.

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Voilà …

Die Leser, die sich noch an meine Besprechungen von Höllhubers und Baedekers „Neuseeland“ erinnern können werden jetzt meinen üblichen Einleitungsspruch erwarten, irgendetwas wie ‚… Und jetzt quälen wir uns zuerst duch 100 Seiten Neuseeland-Generika, gefolgt von handelsüblichen Reisezielbesprechungen …‘

Nein. DKs Neuseeland wagt den Sprung in die touristische Neuzeit. Ohne langes Gerede werden zuerst ganz praktisch ein paar Touren vorgestellt, die sich an die zeitlichen Möglichkeiten der meisten Besucher anpassen.

Keine Umschweife: Tourenvorschläge

  • 3 Tage Northland (also den fast subtropischen Nordrand der Nordinsel)
  • 1 Woche Nordinsel (ohne Northland)
  • 2 Wochen Südinsel

Zwar könnte man sich sicher andere interessante Tourenkombinationen ausdenken, aber Faktum bleibt, dass für Leute von heute, die wenig Zeit haben, DK ohne viel Leserei ein paar sehr legitime Grobplanungen vorschlägt. Das finde ich nützlich.

Im Detail sind die Rundreisen was das Timing angeht ziemlich ambitioniert, d.h es bedarf guten Organisationstalents sie wie vorgeschlagen in der geplanten Zeit hinzubekommen. Trotzdem, die Touren sind ein guter Start ins Thema. Und übrigens: ich finde die Auswahl der Reiseziele innerhalb der Touren gut gelungen.

Typisch DK: schöne Bilder und sehr gutes Kartenmaterial

Den Touren folgen ein paar hübsche Karten, die dem Leser einen Überblick verschaffen. Insgesamt ist das Kartenmaterial, teilweise sogar ein bischen Google-Maps-artig 3d-plastisch präsentiert, sehr gut und vielfältig. Auch die Auswahl der Fotos ist abwechslungsreich und gelungen. Mir gefällt darüber hinaus die Einbeziehung von Archivmaterial die – anders als bei herkömmlichen Reiseführern – klarmacht, dass Neuseeland tatsächlich auch schon etwas Geschichte angesammelt hat.

„Ein Porträt Neuseelands“

… auf den Seiten 21 bis 43 schafft es in wenig Raum ein authentisches Gefühl dafür zu vermitteln was Neuseeland denn für ein Ort ist. Eine grobmaschige Informationssammlung zu Geschichte, Gesellschaft, Kultur usw. angereichert mit gekasteltem Material zu ‚Landschaften‘, ‚Flora / Fauna‘, ‚Maori Kultur‘ etc. beweist, dass die Datenschwemme anderer Reiseführer nicht nur unnötig, sondern schädlich ist.

Besonders gut gefällt mir die Abstinenz von abgedroschenen politisch korrekten Sprüchen und statt dessen der Fokus auf die Realität. Auf Seite 23 etwa werden mit der Existenz von

„… ethnische[n] Probleme[n] …“

schlicht Dinge angesprochen, mit dem das Land und seine Menschen sich heute wohl oder übel auseinander setzen müssen. Danke, dass es endlich Mal jemand zugibt.

Andererseits weiß ich nicht, ob ‚ethnische Probleme‘ wirklich eine gute Übersetzung ist. Wenn es im Original „ethnic tensions“ hieß, dann sicher nicht.

Der neuseeländische Wohlfahrtsstaat kommt meines Erachtens in der Beschreibung viel zu gut weg. Heute ist davon nur noch eine elementare Grundsicherung in Gesundheit und Rente geblieben. Nichts mit dem man angeben könnte.

Auf Seite 24 dann leider doch ein Rückfall ins klischeehafte – es ist von kleinen Städten mit geringer Kriminalität die Rede. Tatsache ist, dass Neuseeland trotz seiner geschützten Randlage hohe Kriminalitätsraten aufweist und dass Bandenkriminalität vor allem auf dem flachen Land ein großes Problem ist.

Auch auf Seite 24, etwas zu angeblichen „… biotechnologischen Entwicklungen …“ Neuseelands. Vielleicht ein Übersetzungsproblem, aber mir ist nichts von einer Rolle Neuseelands in der Biotechnologie bekannt. Was Neuseeland gut kann ist die Optimierung von landwirtschaftlichen Abläufen z.B in der Milchproduktion. Ich vermute, dass das gemeint war.

Das Marae, das Versammlungshaus der Maori auf Seite 32 würde ich ein wenig detaillierter aufbereiten. Im Detail die Analogie der Gebäude- zu Körperteilen, die dann auf Seite 135 plötzlich doch noch einmal ansatzweise auftaucht. Außerdem würde ich Te Rauru im Hamburger Völkerkundemuseum unbedingt erwähnen. Es ist schließlich das besterhaltene ‚antike‘ Marae der Welt und steht ausgerechnet in Deutschland.

Ein großes Lob andererseits für die Einleitung in die Architektur Neuseelands. Die Gestaltungsmuster der Häuser und Bauten zu erkennen mag trivial erscheinen, bietet aber meiner Meinung einen wichtigen Zugang zu einem tieferen Verständnis des Landes.

Last, but not least finde ich die Vorstellung neuseeländischer Weine auf Seite 40 praktisch. Zu dem Thema werden in anderen Reiseführern auch unendliche Geschichten erzählt, ohne dass man zum Schluß einen Überblick hätte. DK löst die Sache viel geschickter.

An „Ein Porträt Neuseelands“ schließt sich „Das Jahr in Neuseeland“ an. Eine Art Veranstaltungskalender, der meiner Meinung gründlich daneben gegangen ist. Die Veranstaltungen sind geografisch zu weit vertreut, um für einen normalen Reisenden von Nutzen zu sein. Ich würde diesen Abschnitt anderswo einarbeiten.

„Die Geschichte Neuseelands“

… auf Seite 49 bis 57 ist wieder sehr gut geworden. Fakten, statt Belästigung mit politisch korrekter Ideologie schaffen eine entspannte Atmosphäre, die zum Lesen einlädt.

Die grafische Jahreslinie und die Karte zur polynesischen Eroberung des Pazifik gehören zu den Glanzpunkten dieses Kapitels.

Trotz all des Lobs, zwei wichtige Kritikpunkte:

  • Die historische Rolle der Deutschen in Neuseeland DARF in einem deutschen Neuseelandreiseführer nicht fehlen; das sollte unbedingt nachgebessert werden
  • Ist die große Weltfinanzkrise, die 2007 sichtbar wurde schon Geschichte? Ich denke Ja. Außerdem sollte der Tod des Kiwitraums vom Eigenheim erwähnt werden. Diese Randerscheinung der Krise wird auf das Leben in Neuseeland nicht zu unterschätzende Konsequenzen haben.

Die Regionen: Nordinsel und Südinsel

Nehmen den Großteil des Buchs in Anspruch, Seiten 62 bis 295. Aber keine Angst, wir werden hier keine proportional lange Besprechung abliefern.

Gute Karten, ansprechendes Bildmaterial, sinnvolle Themenwahl: auch der Hauptteil des Buchs ist gut umgesetzt worden.

Auckland beispielsweise, ist in einen Cityteil (S. 71 – 83) und die Umgebung (S. 86 – 97) getrennt worden, was völlig in Ordnung geht. Zur Auswahl der Sehenswürdigkeiten kann man an Details meckern, muss das aber nicht 😉 … ich würde meine Gäste auch nicht sehr viel anders durch die Gegend lotsen und das spricht für sich.

Ärgerlich dann aber doch ein paar Trivialitäten wie die Auckland Shoppingseite 95. Wie kann man Besucher zur „Opal and Jade World“ schicken? Opale kommen aus Australien, Jade aus China. Einem asiatischen Besucher mag es egal sein, aber Deutsche legen ein wenig mehr Wert auf lokale Authentizität der angebotenen Ware. Um Gottes Willen …

Northland incl. Whangerei Heads, Coromandel usw. alles neuseeländische Ikonen, alles da und meistens gut und flott beschrieben und von nützlichem Karten- und Bildmaterial begleitet. So muss Reiseführer! :-)

Es ist unsinnig alle Landstriche Neuseelands im Zusammenhang mit DKs Vis-à-Vis Neuseeland herunterzudeklinieren. Strukturell ist die Sache meiner Meinung übersichtlich präsentiert und erfüllt seine Aufgabe voll.

Wenden wir uns also dem Rest des Buchs zu.

„Zu Gast in Neuseeland“

Zu Hotels und Restaurants in Neuseeland (S. 298 – 326) habe ich selber genug geschrieben und vor allem angemerkt, dass statische Listen auf Papier in der heutigen Zeit mit dem Angebot der Internetmedien einfach nicht mithalten können. Ok, das machen alle – noch – so, aber wenn DK schon in den anderen Rubriken neue, bessere Standards setzt, dann könnte sich das Verlagshaus auch hier etwas Zeitgemäßes einfallen lassen.

So wie sich die Listen der Hotels und Restaurants lesen, sind sie nur als der absolute Backup nützlich, wenn man nachts im Regen am Straßenrand steht und verzweifelt nach einem Hotel sucht und auch noch das Smartphone kaputt ist.

Als besondere ‚Tipps‘ im Kästchen Nobelherbergen zu nennen, ist auch fantasielos. DK, you can do better than that!

Einzig die Information zu typisch neuseeländischen Nahrungsmitteln und Getränken kann wieder überzeugen. Die Restaurantlisten sind insgesamt nützlicher als die der Hotels.

Shopping … naja, ich weiß nicht. Ich denke, dass unsere Artikel zum Einkauf in Wellington und Auckland nützlicher sind, aber ich will nicht leugnen, dass DK hier viel brauchbare Information zusammengestellt hat. Allein, Windjacken, Rucksäcke und insgesamt Outdoors-Artikel „Made in New Zealand“ anzupreisen kommt mir sehr seltsam vor. Ich habe zwar noch einen 20 Jahre alten Daunenschlafsack der Marke MacPac, der wirklich Made in New Zealand ist, ich habe in den letzten Jahren allerdings keine Artikel angeblich neuseeländischer Outdoorsfirmen gesehen, die nicht in Billiglohnländern gefertigt wurden. Man möge mir bitte mitteilen, wo ich noch einen Made in New Zealand Schlafsack kaufen kann – der alte fällt langsam auseinander.

Sportaktivitäten, Adventure etc sind völliger Standard und eigentlich in jedem Reiseführer ordentlich beschrieben. Lassen wir das weg und kommen gleich zum letzten Teil des Buchs …

Praktische Hinweise und Reiseinformationen

Auch alles unaufregend. Hier finden sich die üblichen Informationen zu Visa, Geldtausch, Adressen der Botschaften usw. usw. usw. bis zum Abwinken.

Mir kommt es so vor, als hätte niemand mehr Lust gehabt sich mit diesem eher langweiligen Teil des Buchs auseinanderzusetzen und es bei einer Kopie der alten Fassung des Buchs belassen. Oder wie sonst soll man sich erklären, dass

  • hier die Rede von Wifi-Spots usw. ist, wenn heute die meisten Reisenden einfach eine SIM Karte fürs Smartphone am Flughafen von Auckland kaufen?
  • Listen von Telefonnummern und Webseiten von Fluggesellschaften (kann Google auch) präsentiert werden, aber nicht die Webadressen der vergleichenden Flugportale in denen man heutzutage häufig bucht
  • noch immer die neuseeländische internationale Vorwahl 00 erwähnt wird, wenn das + Symbol heute universell nutzbar ist
  • keine der vielen Neuseeland-Reiseapps, die wie Pilze aus dem Boden schießen besprochen wird?

Auch hier sollte DK eine Überarbeitung erwägen.

***

Fazit

Ein großteils gelungener Neuseelandreiseführer, der in Struktur und Präsentation überzeugt, inhaltlich meistens relevant ist und stilistisch sicher auftritt. Das Buch könnte allerdings weiter gewinnen, wenn der Sprung von reiner Printkultur ins 2.0-Zeitalter in einigen Teilen beherzter gewagt würde.

Das Original ist englischsprachig und die deutschen Übersetzer, Lektoren und Redakteure haben den Band wohlbehalten ins Deutsche übertragen. Trotzdem fände das Buch seinen letzten Schliff, wenn ein in Neuseeland lebender Deutscher das lokale Kolorit stärker ausprägen würde.

Ich frage mich auch, ob die hypermobile und -kommunikative Kundschaft sich auf Dauer mit dem hohen Gewicht der Printedition abfinden wird. Es wäre gut bald eine Version fürs Pad incl. Vernetzung zu dynamischen Reiseressourcen im Internet in Händen zu halten.

Meine Gesamtbewertung: 4 von 5 Punkten.

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Mein Dank an Dorling Kindersley München für die Überlassung eines deutschen Rezensionsexemplars.

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