Pasifika: Apia Court House Blues

Lesedauer: 4 Minuten

Samoa produziert wenig Schlagzeilen, und wenn überhaupt dann meistens Skuriles, wie neulich die Sache mit Flugticketpreis nach Körpergewicht. Zugegeben, ich selbst kenne wenig Samoaner, obwohl in Auckland davon reichlich leben. Aber wenn ich mal wieder am Flughafen von Auckland auf meinen Abflug warte, fallen mir oft die Gruppen breit grinsender, oft rundlicher, und immer glücklich aussehender Polynesier auf, die ihren Weg durch Check-in und Passkontrolle navigieren. Auf der „Departures“-Anzeige ist dann meistens die Hauptstadt West Samoas, Apia, nicht weit.

Dabei könnte ich es belassen, wäre da nicht die Sache mit dem „Apia Court House“, dem letzten halbwegs grandiosen Gebäude aus kurzer deutscher Kolonialzeit (1900 – 1914) in Samoa. Neulich im Hamburger Völkerkundemuseum tauchte es wieder auf.

Anlässlich des 50sten Jahrestags der Gründung des modernen Staatswesens ‚West Samoa‘ werden im Völkerkundemuseum ein paar samoanische Artefakte incl. netter alter Fotos und kolonialer Lebensgeschichten aus deutschen Tagen vorgestellt. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Samoaner, Frauen wie Männer, früher einmal ausgreifenden, hohen Kopfschmuck trugen, die an tahitianische Tracht erinnert (siehe das Bild rechts unten auf dem nachfolgenden Archivfoto). Außerdem sind mir die vielfältigen und grazil geflochtenen Fächer aufgefallen – heute sieht man überall in der Südsee ja nur noch die 0815-herzförmige Art.

Samoaner, ca. 1894 - ATL Ref: PUBL-0061-121

Samoaner, ca. 1894 – ATL Ref: PUBL-0061-121

Am Ende der kleinen Samoa-Ausstellung liegen schließlich Handzettel mit Spendenaufruf aus. Der „Apia Court House Trust“ sucht nach ‚… noblen Spendern …‘, die zur Restaurierung des Gebäudes beitragen, das anno 1903 von der deutschen Kolonialverwaltung als Gerichts- und Verwaltungsgebäude errichtet wurde, in wechselnden Funktionen bis 2010 genutzt wurde, und spätestens seither dem Verfall preisgegeben ist. Da die samoanische Regierung sich nicht in der Lage sieht die geschätzten ca. 5 Millionen Euro aufzubringen, um diesen kläglichen Rest Südseecharmes in Apia vor der Überbauung mit von China gesponserten Betonklötzen zu bewahren, könne nur private Initiative helfen.

Apia Court House Gebäude ca. 1919 - ATL Ref: PAColl-3799-26

Apia Court House Gebäude ca. 1919 – ATL Ref: PAColl-3799-26

Und zwar dalli! Der momentane samoanische Premierminister Tuilaepa Lupesoliai Malielegaoi hat dem „Trust“ nämlich unlängst eine Frist bis Ende 2013 gesetzt die nötigen Mittel zur Sanierung und Umwandlung in ein Kulturzentrum zu sammeln. Ich zitiere aus einem im Deutschlandfunk erschienenen Beitrag:

“ … Unsere Regierung hat nicht die Mittel, dieses Gebäude weiter bis in alle Ewigkeit zu erhalten. Es ist ein extrem teures Unterfangen, an so einem Gebäude nur wegen des nationalen Erbes festzuhalten. … Wir hatten drei ähnliche Gebäude, alte Gebäude, die wir vor Kurzem abreißen ließen, um Platz zu machen für andere Erschließungen. Also, es bleibt sehr wenig Zeit für den Verein. Ihr müsst hart arbeiten und Resultate hervorbringen. …“

Und um die Botschaft abzurunden:

“ … Wir haben unseren Beziehungen zu Deutschland immer Bedeutung zugemessen. Trotzdem warte ich noch immer auf den deutschen Samariter, den guten Samariter, der kommt und das Gebäude rettet.“

Wohlgemerkt, diese Töne kommen vom Oberhaupt einer Regierung, die allein im Jahr 2010 vom deutschen Steuerzahler 4 Million Euro Entwicklungshilfe überwiesen bekam. Der Neugier halber habe ich das BMZ angeschrieben um herauszufinden, wie es finanziell nach 2010 für Samoa gelaufen war (und werde die Daten bei Erhalt hier nachreichen). Das statistische Material auf der Webseite des BMZ kann ja nicht Mal ein Mathematiker enträtseln – und soll es wahrscheinlich auch nicht.

Schockierend ist aber weniger die unverfrorene Dreistheit mit der dieser samoanische Weltpolitiker auftritt, sondern die Reaktion der fleißigen Court Trust Mitglieder und des DLF Berichterstatters Ulli Weissbach, die ich leider auch zitieren muss:

„… Deutschland hat als Kolonialmacht in Samoa eine außerordentlich gute Figur gemacht. Da sollte es doch auch gelingen, ein Gebäude zu erhalten, das diese glückliche Ära wie kein anderes verkörpert.“

Von einer so devoten Haltung kann jeder Politiker wohl nur träumen. Falls die 5 Mio tatsächlich ‚fristgerecht‘ bis Ende 2013 zusammenkommen, wird Herr Malielegaoi hoffentlich so gnädig sein und die Einweihung des renovierten Anwesens mit seiner Anwesenheit ehren. Oh weh …

Aber so sind die Deutschen vielleicht und ich will auch kein Spielverderber sein. Wer immer noch spenden möchte, kann das tun unter:

  • Konto: Apia Court House Trust
  • Bank: Westpac Bank Samoa Ltd
  • Beach Road Apia
  • SWIFT: PCOBWSWS
  • BSB: 039049

Meine Meinung ist erstens, dass einem Deutschen ein Gebäude in Samoa egal sein kann, wenn es den Samoanern auch egal ist. Zweitens verfügt die deutsche Regierung sicherlich über genügend Einflussmöglichkeiten die Sympathien der samoanischen Regierung in Richtung Gebäudeerhalt zu verschieben – wenn sie das wollte. Aber anscheinend ist die Sache der deutschen Regierung auch nichts Wert. Insofern ist es ehrlicher die Realitäten anzuerkennen, und den chinesischen Bulldozern das GO zu erteilen.

In Summe ist diese Geschichte wieder einmal ein Monument für die deutsche Rückgratlosigkeit angesichts irrationaler Verhaltensmuster ausländischer ‚Partner‘.

Aber Schwamm drüber, es geht noch doofer. So gelesen bei unserem Vanuatuausflug diesen Januar in der Vanuatu Daily Post unter der Überschrift „German grant for MSG Secretariat“: BMZ/GIZ finanzieren mit 300000 Euro einen Bürokraten mit dem hübschen Titel „Environment and Climate Change Officer“ beim „Melanesian Spearhead Group“ Sekretariat in Port Vila. Ihr seht, deutsche Entwicklungszusammenarbeit ist eine Peinlichkeit ersten Grades, die einen sogar bis in den Inselurlaub verfolgt :-)

Ich halte es generell beim Thema Entwicklungshilfe mit afrikanischen Intellektuellen wie Auma Obama, der Halbschwester der globalen Lichtgestalt Barack, die das Modell als gescheitert betrachtet. Entwicklungshilfe nach Schema F, die sich Deutschland sage und schreibe 12 Mrd Euro im Jahr kosten lässt, ist ein Rezept für Korruption, das Entstehen von ungesunden Abhängigkeiten und dem Aushalten eines verfetteten Funktionärsapparats. Entwicklungshilfe schadet mehr als sie nützt, und ist in Zeiten, in denen zum Beispiel in Deutschland Bewohner von Pflegeheimen aus angeblichen Kostengründen tägliche Waschzeiten auf ein paar Minuten rationiert bekommen auch sozial und moralisch nicht vertretbar. Punkt.

***

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>