SideTrack: Sex and the Kiwi

Lesedauer: 8 Minuten

Wie soll man soooo einen Artikel einleiten? Ich hatte ursprünglich an eine semi-witzige Zote gedacht, die aufgreift, dass Kiwis (die Vögel) relativ zu ihrer Körpermasse die größten Eier der Welt haben (wer’s nicht glaubt, kann sich bei Wikipedia überzeugen), aber … hahaha … ein bisschen schwach. Also machen wir es einfach ohne Vorspiel.

Im Grunde genommen kreist die ganze Welt um Thema Nummer Eins. Trotzdem wird es in Reiseführern nie angesprochen, es sei denn aus medizinischer Sicht (AIDS etc.), oder aus politisch korrekter Perspektive wenn, zum Beispiel, in der allerheiligsten Lonely Planet Reiseführerbibliothek standardmäßig die Treffpunkte von Schwulen und Lesben registriert werden, die Heteros und deren Machenschaften aber keine Erwähnung finden, als wäre Nichtschwulsein anrüchig.

Trotzdem möchte aber eigentlich jeder wissen, was denn auf dem Gebiet so ‚läuft‘, im Zielland. Obwohl es Zeitgenossen gibt, die besser platziert wären, sich über dieses Thema auszulassen, da meine Sturm und Drang Zeit leider schon ein wenig zurück liegt, will ich dennoch einige Beobachtungen mit meinen gewogenen Lesern teilen.

Da ist zunächst einmal die öffentliche Seite der Dinge. Dort geben sich die meisten Kiwis fest familienwertorientiert (‚family values‘), puritanisch gar. Werbeplakate mit entblößter oder halb-entblößter weiblicher Brust wird man im Gegensatz zu Deutschland und anderen europäischen Ländern nicht finden. Ähnliches gilt für irgendwelche feucht frivolen Shows im Fernsehen, inkl. Werbung für Telefonsex, oder gar die Softpornos, die man im deutschen Fernsehen am Wochenende nachts gezeigt bekommt. Bei ‚normalen‘ im Fernsehen aufgeführten Kinofilmen, die nacktes Fleisch zeigen wird vor und während des Sehvergnügens per kleiner Einblendung gewarnt, dass die Sache „Adults Only (AO)“ ist, und „sexual contents“ beinhaltet, damit Eltern ihre Kleinen rechtzeitig aus dem Wohnzimmer werfen können. Lüsterne Bemerkungen im Stil eines Berlusconi sind im neuseeländischen politischen Leben ebenfalls unmöglich. Im Geschäftsleben gilt eine relativ strenge „sexual harassment“ Etikette, ähnlich wie bei den großen Vorbildern USA und UK, das heißt, dass man in der Arbeit besser sehr vorsichtig ist, wie man einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin anspricht, die einem gefallen. Sexuelle Witze und Anspielungen unterlässt man am Besten ganz. Das gilt im allgemeinen, aber in entsprechenden Situationen, wie bei trinklustigen Firmenveranstaltungen, kann es ganz anders aussehen. Internetsurfen am Arbeitsplatz in Tabuzonen hinein verkneife man sich besser auch (dasselbe gilt selbstredend in Deutschland). Ich habe mehrfach erlebt, wie ertappte Berufskollegen wegen ein paar schmutziger Bildchen am Firmencomputer ihren Arbeitsplatz verloren haben.

Man vermutet es schon: die private Seite der Medaille kompensiert die Frigidität des öffentlichen Lebens mehr als zur Genüge. Die öffentlichen Hemmungen werden dabei allerdings nicht einfach schizophren im Privatleben ins Gegenteil umgekehrt, sondern bedürfen oft einer gewissen Nachhilfe durch Alkohol, oder andere Drogen: es gilt das Motto „get drunk and laid“. Die Kontakthöfe dafür unterscheiden sich nicht wesentlich von den in Deutschland üblichen: Arbeitsplatz (trotz aller Widrigkeiten), Bars, Pubs, Nachtclubs, Partys, und neuerdings auch die vielen Kontaktbörsen im Internet (z.B. www.findsomeone.co.nz). Ob es sich um einen One-Night-Stand oder eine Dauerbeziehung handelt, scheint beim ersten Kontakt meistens keine Rolle zu spielen. Die Dinge entwickeln sich, aber man wird nicht damit warten seinen Spaß zu haben. One-Night-Stands sind übrigens völlig legitim, es haftet kein übler Ruf daran, wie hie und da vielleicht noch in Deutschland. Im Gegenteil, es wird ein gewisses Bravado damit assoziiert, viele sexuelle Eroberungen vorweisen zu können, und das gilt (fairerweise) für beide Geschlechter. „Sleeping around“, Promiskuität ist ein Volkssport. Monogamie eher eine Randerscheinung. Neuerdings beginnen auch die Masken zu fallen, mit der angeblich enthusiastischen Aufnahme von in Deuschland schon lange bekannten Seitensprungportalen, wie HaveAnAffair und anderen.

Mit einem Mythos kann ich an dieser Stelle aufräumen, nämlich dem des Frauenüberschusses in der gesetzt-enthemmten Altersgruppe 30 – 44, von dem manchmal phantasiert wird, zusammen mit der Konsequenz, dass Mann sich zurücklehnen und aussuchen kann. Statistisch gesehen (Statistics New Zealand -> ‚Total estimates of Resident Population and Median Age‘ oder auch  www.socialreport.msd.govt.nz -> People -> Sex Ratio) ist der Frauenüberschuss zwar in den letzten Jahren gestiegen, aber Frauen machen in dieser Kohorte trotzdem nur 52% der Bevölkerung aus. Die Idee einem Heer ausgehungerter Frauen gegenüber zu liegen, kann man sich also abschminken :-) Nichtsdestotrotz sagt meine eigene, ganz subjektive Erfahrung, dass die Kiwis keine Kostverächter sind, weder auf weiblicher noch männlicher Seite. Mit ein wenig Charme und oft auch ein paar Promille läuft einiges, wobei man zur Kenntnis nehmen möge, dass Kiwifrauen oft nicht auf die romantische Tour (Komplimente, Türaufhalten, was-weiß-ich) stehen, sondern lieber selbst in endlicher Zeit zur Sache kommen möchten, ganz ohne Schnörkel.

Wenn es aber ‚ernst‘ werden sollte mit der Beziehung, gar eine Heirat ansteht, dann wird doch gerne durch die Gegend romantisiert, mit Hang zu krasser Symbolik und Drama, der manchmal etwas aufgesetzt wirkt. Auch das scheint von den angelsächsischen Musterländern abgeschaut zu sein, in denen die Feminisierung bzw. Infantilisierung des gesellschaftlichen Wertesystems weit fortgeschritten sind. Was ich damit meine? (Ehe)Mann darf höchstens beim wochenendlichen Angeln oder Fußball, oder vielleicht im Büro beim Geldbeschaffen noch ein wenig Kante zeigen, ansonsten möge er sich bei der Wahl des Brautkleids engagieren, sich mit der Sitzordnung der Hochzeitsgäste beschäftigen, und hat sich nach gelungener Familiengründung, nur noch für die Sprösslinge zu interessieren. In anderen Worten, der Mann hat mit Ausnahme einiger plakativer Aspekte gefälligst so zu sein wie eine mutterrollenzentrierte Frau. So wird es von Medien und Umwelt immer wieder suggeriert, mit einigem Erfolg. Frau wird das gefallen, oder so nimmt man zumindest an, und deren Hauptrolle geht im Kinderkriegen auf. „Having a baby“, wie von unzähligen Hollywoodstars vorgemacht, ist Erfüllung – alternativlos. Und wenn der Mann dazu irgendwie nicht taugt, dann wird er flugs durch ein erfolgreicheres Modell ersetzt, denn Frau hat schließlich ein Recht und Anspruch auf „Having a baby“, wobei dann die gespielte Romantik irgendwie leidet, aber man muss eben Prioritäten setzen! Jedenfalls muss mindestens ein Kind her, sonst gehört man nicht dazu. Auch aufgrund dieses sozialen Drucks ist die Geburtenrate in Neuseeland fast doppelt so hoch wie in Deutschland (wobei die hohe Fertitlität von Maori und Islandern das Bild allerdings etwas verzerrt).

Wenn es allerdings soweit ist, dann – was tun, mit dem Wonnebündel? Es gibt in Neuseeland eine gravierendes Problem mit „parental neglect“, also Kindern, deren Eltern nicht fähig oder willens sind, sie hoch zu ziehen. Und wie in Deutschland gibt es regelmäßig Horrormeldungen zu Kindern, die von den Eltern erschlagen werden, oder sonst zu Schaden oder Tod kommen. Der „Social Report“ (www.socialreport.msd.govt.nz) enthält zum Thema „Child Abuse and Neglect“ (Kindesmissbrauch und Vernachlässigung) leider nur bis zum Jahr 2003 Daten, und in relativ schwer fassbarer Weise. Vergleichbare Zahlen für Deutschland habe ich gar nicht gefunden. Nur im Spezialgebiet ‚Kindesmissbrauch mit Todesfolge‘ scheint sich die gefühlte Problemlage in Neuseeland zu bestätigen, da die Rate in Neuseeland doppelt so hoch wie in Deutschland ausfällt (www.nationmaster.com -> Statistics -> Health).

Auch in normaleren Umständen ist vieles im bürgerlichen Sinne nicht bürgerlich. Die Scheidungsrate ist fast so hoch wie in Deutschland, und die Anzahl der Eheschließungen prozentual in Deutschland und Neuseeland fast identisch, mit einer ähnlichen Stagnation der Zahlen in den letzten Jahren, will sagen, dass immer mehr Menschen gar nicht erst heiraten. Die Anzahl der Kinder, die von einem alleinerziehenden Elternteil aufgezogen werden, liegt in Deutschland bei knapp unter und in Neuseeland deutlich über 20%. Patchwork Familien gehören in Neuseeland inzwischen zum Standard. Ich kenne kaum jemanden, der nicht aus einer interessanten Familienkonstellation stammt, oder noch in ihr lebt. Auch dadurch werden bürgerliche Ideen von ehelicher Treue und monogamer Lebensführung untergraben – wobei es mir fern liegt Biedermeieridyllen als wünschenswert zu bezeichnen. Es ist nur eine Feststellung.

Zurück zum Thema Nummer Eins. Für angelsächsisch basierte Gesellschaften eher ungewöhnlich ist, dass der kommerziellen Verwertung von Lust und Trieben kaum eine Grenze gesetzt ist. Wie beim Thema Hausbau hat man auch hier ganz auf thatcheristische Deregulierung gesetzt, mit dem „Prostitution Reform Act 2003″. Seither sind Zuhälterei, Bordelle und sogenannte „Escort Agencies“ legal, Prostitution für Volljährige ebenso, wie auch die Inanspruchnahme von Prostituierten. Im allgemeinen wird mit dieser Liberalisierung kein gesellschaftlicher Negativeffekt in Verbindung gebracht (wie z.B. von kirchlichen Gruppen prophezeit), obwohl ich selbst meine Zweifel daran habe. Da ist zunächst einmal die Merkwürdigkeit, dass es prinzipiell erlaubt ist, ein Bordell zu betreiben, wo es einem gefällt, zum Beispiel auch in der Nachbarschaft von Schulen, außer die Gemeinde erlässt explizit anders lautende Umsetzungsbestimmungen. Das hat im sozialen Problemgebiet South Auckland zu erheblichen Spannungen geführt. In Manurewa gibt es auch Fälle von Sozialhilfeprostitution, wie in den Ghettos der USA, d.h. kurz vor dem Erhalt der nächsten Sozialhilfezahlung prostituieren sich meist junge Maori-Frauen, um Geld bis zum Eingang der nächsten Zahlung zu verdienen. Es fällt mir auch auf, dass Zuhälter bzw. Bordellbetreiber zu einiger positiv besetzter Prominenz gelangt sind, wie etwa die chinesischen „Chow Brothers“, Michael und John Chow, die gut etablierte und im Straßenbild nicht gerade versteckte Bordelle in Wellington betreiben und Ende 2010 angekündigt hatten 100 Millionen NZD in den Aufbau von Bordellen in Auckland zu „investieren“. Angeblich seien – aufgehorcht – 70% der Kundschaft Touristen, und zum Rugby World Cup 2011 soll es diesen an nichts fehlen. Ich finde es ein wenig unappetitlich, Neuseeland zu einer Destination für den Sextourismus auszubauen. Das „Hurenhaus des Pazifik“ in dem asiatische Touristen ein wenig weißes Fleisch verkosten? Vielleicht hat man nicht das Selbstvertrauen, auf mehr als das zu hoffen. Übrigens gibt es eine Parallele zur Frühzeit Neuseelands, als die Bay of Islands (Russell = Kororareka), damals Hauptsiedlungsort der Europäer in Neuseeland, wegen ungezügelter Prostitution und allgemeiner Gesetzlosigkeit unter dem Beinamen „Hell Hole of the Pacific“ lief. Noch am Rande: Sexshops, Sexmessen usw. sind – wie in Deutschland – in den Großstädten gang und gäbe. Noch mehr am Rand: in den letzten Monaten wurde noch eine Geschichte zu einem rollen-vertauschten Bordell durchs Dorf getrieben, in dem Frauen sich Männer kaufen können. How very exciting … bislang ist es aber noch nicht soweit.

Als ich noch in Indien lebte, lernte ich viel aus dem Kleinanzeigenteil der Tageszeitung „Times of India“. Dort gab es ein verwirrendes Gemisch an Heiratsanzeigen, die nach Kaste und Unterkaste kategorisiert waren (mit den merkwürdigsten Varianten, zum Beispiel, wenn Besitzer von Wäschereien für den Sohn ein anständiges Mädchen aus einer Wäschereibesitzerfamilie suchen), und viel über ein Land aussagten, in dem das Kastenwesen formal illegal ist, und angeblich an der Schwelle zu einer der Supermächte des 21. Jahrhunderts steht. Der Anzeigenteil im New Zealand Herald mit seinem täglich umfangreicheren, offenherzigen Abschnitt „Adult Entertainment“, gibt ebenfalls einigen Aufschluss zur nationalen Psyche. Oben schreibe ich von der Rollenumkehr, wenn Asiaten sich in Neuseeland eine Sextourismusdestination erschließen, während bislang traditionell Europäer auf Lusttouren nach Asien flogen. Oder vielleicht doch nicht so schnell. Im NZ Herald werben überproportional viele der einschlägigen Kleinanzeigen für „Excellent Chinese Lady“, oder „Anna, Hot Friendly Asian Lady“, was andeutet, dass so einige Migratinnen finanziell nicht zurecht kommen und die Einwanderung mit anderen Mitteln fortsetzen. Sogar aus traditionell sehr prüden Communities wie der indischen finden sich überraschend hohe Zahlen an Annoncen. Wenig vertreten sind dagegen Maori und Pacific Islander, ganz im Gegensatz zum Klischee von der freien Liebe in Polynesien, und konterkariert durch Gelegenheitsprostitution auf den Straßen von South Auckland, oder auch um die City Road downtown.

Dies leitet uns zu einem weiteren wichtigen Aspekt über, nämlich dem der multikulturellen Vielfalt. Was ich oben vollmundig als halbwegs fruchtbare Jagdgründe beschreibe, gilt nicht universell. Muslimische Frauen (zumindest die, die man als solche erkennen kann) hängen kaum in Bars herum, und auch Inderinnen fahren weniger auf der Suff-und-Popp-Schiene. In diesen ethnischen Gemeinden sind auch heute und auch in Neuseeland archaische Riten üblich, wie Zwangsverheiratungen, oder das Abkapseln der Töchter von der als ‚dekadent‘ empfundenen neuseeländischen Gesellschaft. Die Söhne sind dafür umso aktiver. Aber das kennen wir unter gering abgeänderten Vorzeichen auch aus Deutschland. Die herablassende Haltung vieler Araber (und anderer Muslime), Inder usw. gegenüber angeblicher westlicher Verdorbenheit, und den Umstand, dass viele Europäer das auch noch irgendwie beschämt akzeptieren, finde ich übrigens mehr als bedenklich. Ich habe mehrere Jahre sowohl in Indien als auch dem Nahen Osten gelebt und habe aus erster Hand erfahren, was sich dort auf sexuellem Gebiet abspielt. And it aint pretty. Das soll mich ein andermal im Detail und in einem anderem Forum beschäftigen, aber soviel vorweg: der mangelnde Zugang zu Frauen wird in diesen Gesellschaften durch einen ausgeprägten Hang zur Homosexualität, Inzest und intrafamiliärer Pädophilie ausgeglichen.

Als hoffnungsvolles Zeichen möchte ich aber abschließend erwähnen, dass es in Neuseeland durchaus Aufweichungserscheinungen in der migrantischen Sexverweigerungsfront gibt. Mischbeziehungen zwischen Ost- und Südostasiatinnen und Europäern sind schon immer weit verbreitet gewesen, aber ich sehe zumindest in Auckland auch immer mehr indisch-europäische Paare flanieren, und das, obwohl die Frauen deswegen Repressalien ihrer Communities befürchten müssen. Dennoch scheinen sie sich das Recht auf eine freie Lebensgestaltung immer weniger nehmen lassen zu wollen, und das ist gut so.

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