SideTrack: Somes Island, SMS Seeadler und andere Kalamitäten

Matiu / Somes Island im Hafen von Wellington ist äußerlich wenig spektakulär (reichhaltiges Bildmaterial gibt es bei DigitalNZ). Der in Neuseeland übliche Flickenteppich von mehr oder weniger ursprünglichem Wald und grasigen Flächen. Und doch birgt die Insel eine reichhaltige Geschichte, die gerade für Deutsche von überraschendem Interesse ist.

Aber fangen wir mit dem Anfang an :-). Bereits in der Maori Mythologie spielt Matiu eine (angesichts ihrer Unscheinbarkeit unwahrscheinliche) Rolle in der Geschichte des polynesischen Urentdeckers Kupe, der Matiu und die kleinere Insel Makoro nach seinen Enkelinnen (in einigen Überlieferungen auch Töchter oder Nichten) benannt haben soll, nachdem er in Seenot geraten war und die Götter anflehte ihn sicher zurück an Land zu bringen – worauf er im Hafen von Wellington landete. Die Rolle Kupes ist in verschiedenen Stammestraditionen unterschiedlich ausgeprägt, er soll im wesentlichen aber Neuseeland auf abenteuerliche Weise entdeckt haben (incl. der üblichen Fehden, geraubten, weggelaufenen und wieder eingefangenen Ehefrauen usw.), in seine polynesische Heimat (wahrscheinlich Cook Inseln – Tahiti) zurückgekehrt sein, und dort mit seinen Erzählungen vom Land der langen weißen Wolke weitere Auswanderer inspiriert haben, mit ihren Kanus nach Aotearoa aufzubrechen. Wie auch immer es sich zugetragen haben mag, Matiu war und bleibt ein wichtiger Ort in der Maoritradition Neuseelands, auch aus praktischen Gründen, da die Insellage in den häufigen Kriegszeiten ein gutes Rückzugsgebiet darstellte. Zwei „Pas“ (Maori Forts) sind auf der Insel nachgewiesen, und die ‚Nation‘ („Iwi“) der Te Ati Awa ist heute an der Verwaltung von Matiu wieder maßgeblich beteiligt.

Auch die Europäer machten sich die Isolation von Matiu zu Nutze. Im späten 19. Jahrhundert diente die Insel als Quarantänestation sowohl für importiertes Vieh, als auch menschliche Migranten, oder einfach an Epidemien erkrankte Neuseeländer. Ein interessantes Zeugnis dazu aus deutscher Quelle ist das Buch ‚Reise durch den Stillen Ozean‚ des deutschen Arztes Max Buchner aus dem Jahr 1878.

… Mitten im Hafen von Wellington liegt Somes Island, die kleine brandungsumtoste Quarantäne-Insel aus einigen 60 bis 80 Meter hohen Hügeln bestehend, … Dorthin führte uns der Lotse, um auf den Besuch der Hafenbeamten zu warten. Mit unserer Typhusepidemie durften wir nicht in die Stadt gehen. …

Die 60 bis 80 Meter stimmen inzwischen übrigens nicht mehr. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Insel abgeflacht, d.h. die Hügel ‚geköpft‘ um genug ebenen Raum für Militärinstallationen zu schaffen. Aber dazu mehr später.

Anders als die ungleich berühmtere Ellis Island nahe New York wurde Matiu meines Wissens aber nicht ‚hauptamtlich‘ zur Verwaltung und temporären Unterbringung von Einwanderern genutzt. Immigrantenschiffe wurden im Hafen von Wellington von Offiziellen in Empfang genommen, die auch untersuchten, ob sich an Bord Menschen befanden, die an ansteckenden Krankheiten litten, oder aber ob während der Überfahrt Krankheit und Seuchen gewütet hatten. Im Zweifelsfall wurden die Neuankömmlinge nach Matiu in Quarantäne geschickt. Auch in Situationen, in denen zu viele gesunde Einwanderer innerhalb kurzer Zeit in Wellington ankamen, wurden die Baracken auf Somes heran gezogen, auch wenn an Somes immer das Quarantänestigma haftete und sich niemand gerne dort unterbringen lies. Die umfassendste Quelle zum Thema Somes ist wahrscheinlich David McGills Island of Secrets: Matiu/Somes Island“ – für Interessierte.

Aber weiter im Text. Neuralgische historische Punkte. Erster und Zweiter Weltkrieg. Als der erste davon ausbrach, hatte Deutschland noch Kolonien im Pazifik, Deutsch-Samoa, und Deutsch-Neuguinea zum Beispiel (dazu gibt es einen sehr informativen Film beim ZDF, Das Weltreich der Deutschen), die aber beide keinerlei militärische Bedeutung im Krieg hatten, da dort praktisch keine deutschen Soldaten stationiert waren. Deutsch-Samoa ergab ich kampflos neuseeländischen Truppen (nichtsdestotrotz hängt im neuseeländischen Parlament eine „Samoa“ Plakette um an den heldenhaften Einsatz neuseeländischer Truppen zu erinnern – *am Kopf kratz*). Die dortige deutsche Kolonialverwaltung wurde in Neuseeland interniert, in einer der beiden Internierungslager Motuihe Island (im Golf von Hauraki, nahe Auckland) für deutsche Truppen und eben Somes Island für deutsche Zivilisten (obwohl ich dazu widersprüchliche Angaben gefunden habe, ich meine im Hinblick auf die Trennung militärisch – zivil: Motuihe wird auch als Lager für Offiziere genannt, Matiu für das gewöhnliche Volk). Irgendwie war so eine Aktion seitens der neuseeländischen Regierung wohl noch nachvollziehbar. Viel umstrittener war die Internierung von ‚enemy aliens‘, die ggf. schon Jahrzehnte davor in Neuseeland eingewandert (oder gar dort geboren waren), aus Deutschland und – interessanterweise – auch umliegenden Ländern, wie Polen und Dänemark, die zu deren Entsetzen irgendwie als quasi-deutsch wahrgenommen wurden. Nicht-eingebürgerte ‚Deutsche‘ traf die Internierung zuerst, aber selbst die Annahme der neuseeländischen Staatsangehörigkeit schien nicht immer vor Internierung bewahrt zu haben. Die britische Propaganda leistete in Neuseeland ganze Arbeit. Es kam zu Ausschreitungen gegen Deutsche und das Eigentum von Deutschen. Eine sogenannte „Women’s Anti-German League“ wurde gegründet. In Wanganui wurde ein deutscher Metzger (schade, dass es den nicht mehr gibt, bei der niederschmetternden Wurst- und Schinkensituation in Neuseeland) für die Kriegsverbrechen Wilhelms II zur Rechenschaft gezogen („Wanganui Chronicle“ vom 17 May 1915):

Ein bisschen vorweggenommener McCarthyismus, oder späte Hexenverfolgung, wie man will. Die kochende neuseeländische Volksseele verschaffte sich in den verbleibenden Kriegsjahren noch genügend Luft. Deutschen wurden Arbeitsplätze verweigert, lutherische Kirchen (Halcombe Lutheran Church), in denen neben englischsprachigen auch Messen in deutscher Sprache abgehalten wurden, abgebrannt, Somes Island mit immer mehr Internierten aufgefüllt. Real sind keine damals in Neeseeland lebenden Deutschen irgendwie also Saboteure, Spione oder sonstige Landesverräter aufgefallen – aber das war wohl schon egal, in der Hitze der negativen Gefühle.

Um diese Episode doch noch in versöhnlichere Bahnen zu lenken, lassen wir jetzt Graf Felix von Luckner die Bühne betreten, den einzigen Deutschen, der im pazifischen Raum tatsächlich für etwas militärischen Aufruhr sorgte, aber natürlich mit den Neuseelanddeutschen nichts zu tun hatte und ironischerweise trotzdem 1917/18 zu einer Art neuseeländischem Volkshelden wurde. Das hochinteressante Leben des Felix von Luckner (genannt der ‚Seeteufel‘ – die ARD widmete ihm in einer deutsch-französischen Koproduktion in den 1970er Jahren sogar die kleine Fernsehserie, ‚Les aventures du Capitaine Luckner‘, 39 Folgen zwischen 1971 und 1974) ist vielfach beschrieben worden, zum Beispiel in einem sehr amüsanten Wikipedia-Artikel, aber auch in Büchern und einer (angeblich mit der Wahrheit ziemlich freizügigen) Autobiografie. Im Schnelldurchlauf endete dieser Hans Dampf in allen Gassen als Kommandant der SMS Seeadler, dem wohl letzten Segler im Kriegseinsatz der deutschen Marine. Es gelang Luckner die britische Seeblockade Deutschlands zu durchbrechen und in sein Zielgebiet, den Pazifik vorzudringen. Dort versenkte oder brachte der Hilfskreuzer mit viel Glück und Geschick eine ganze Reihe – insgesamt mindestens 14 (die Zahl 23 fällt manchmal auch) – vor allem französischer und englischer Schiffe auf, bevor sie mit viel Ungeschick im August 1917 auf der tahitianischen Insel Mopelia im Riff stecken blieb und aufgegeben wurde. Das besondere an dem ganzen Unterfangen: als Gentlemankrieger brachte es Luckner fertig, weder einen seiner Männer noch ein feindliches Besatzungsmitglied zu Tode kommen zu lassen (minus eines englischen Unglücksraben, der aufgrund einer Verkettung misslicher Umstände ums Leben kam). Das allein machte ihn auch den neuseeländischen Patrioten sympathisch, bildete einen Gegenpol zur britischen Propaganda vom kinderfressenden Hunnen. Aber es sollte alles noch viel grandioser kommen.

Ein Gemälde von Luckners Schiff, der SMS Seeadler.

Ein Gemälde von Luckners Schiff, der SMS Seeadler.

Auf Mopelia fanden die kaiserlichen Schiffbrüchigen ein paar tahitiantische Koprasammler vor, nicht genug um unbefristet der Dinge zu harren. Also machten sich Luckner und fünf weitere Seeleute auf (u.a. Navigator Carl Kircheiss, ein Albrecht von Egidy – komisch, mein Münchener Physikprofessor hieß auch von Egidy – und ein gewisser Herrmann Erdmann) um in einem offenen Beiboot ‚Hilfe‘ zu organisieren. Da es weit und breit keine intakten deutschen Außenposten gab, plante man irgendwo ein Schiff zu akquirieren bzw. klauen, das groß genug war um die restliche Besatzung von Mopelia abholen zu können. Mit dem Beiboot ging es 3700 km [19.06.2015: der Leser Werner Fritzsche hat die Zahl von 2300 sm, ca. 4260 km, also noch weiter vorgeschlagen] über Atiu, Aitutaki und Rarotonga nach Wakaya im Fidschi-Archipel wo die Crew von einem Trupp unbewaffneter (!) Polizei gefangen genommen wurde, und – richtig geraten – anschließend in neuseeländische Internierungslager geschickt wurden, Luckner nach Motuihe (im Golf von Hauraki bei Auckland), seine Mitstreiter nach Somes Island, von denen mindestens einer, Erdmann, und offenbar auch der Kadett von Zatorski letztlich wiederum nach Motuihe überstellt wurden.

Die Sicherheitsvorschriften dort waren traditionell neuseeländisch, sprich am 13. Dezember 1917 gelang es Luckner & Co das Boot des Inselkommandanten in ihre Gewalt zu bringen, und einige Tage später damit ein seetüchtigeres Boot, den Holztransporter Moa zu entern. Physisch zu Schaden kam während dieser Aktionen wiederum niemand.

Luckner

Ein Kadett der Seeadler, Walter von Zatorski, hatte während der Internierung auf Motuihe die Zeit genutzt, um aus Abfall und Strandgut (die Angaben zur Herkunft der Materialen variiert mal wieder) einen funktionierenden Sextanten zu bauen, der die Gruppe bis zu den Kermadec-Inseln führte, wo sie nach einer Verfolgungsfahrt mit einem Dampfer nochmals gefangen genommen und nach Neuseeland zurück gebracht wurden, wo sie die verbleibende Kriegszeit absaßen (zum Teil auf der Insel Ripa bei Christchurch). Der Sextant wird heute im neuseeländischen Nationalmuseum Te Papa Tongarewa aufbewahrt, und noch immer für seine Ingenieurskunst unter minimalsten Umständen bewundert. Der Sextant steht im Mittelpunkt von Episode 26 der Fernsehreihe „Tales from Te Papa“. Man bedenke: Te Papa verwahrt das nationale Erbe („national heritage“) Neuseelands; welch eine ungewöhnliche Ehre für den Sextanten eines deutschen Kriegsgefangenen!

Eigentlich gilt es hier die Kurve zurück nach Somes Island zu bekommen. In der wirren Sachlage gar nicht einfach, denn die Quellen widersprechen sich in der Tat kräftig. Zum Schicksal der auf Mopelia Zurückgelassenen gibt es unterschiedliche Angaben. Sie sollen von einem französischen Schiff zur Osterinsel gebracht worden sein, und dann in chilenische Gefangenschaft. Andere berichten davon, dass zumindest ein Teil von Luckners Mannschaft auf Somes endete, es ist aber möglich (gar wahrscheinlich), dass es sich nur um einen Teil der Mopelia-Pfadfinder oder Motuihe-Flüchtigen handelte, und nicht um die in Mopelia verbliebene Originalbesatzung der Seeadler.

Luckner kehrte 1938 noch einmal kurz nach Neuseeland zurück, um Vorträge zu halten, allerdings war die Reise schon vom kommenden Naziunheil überschattet, und deswegen in der neuseeländischen Öffentlichkeit kontrovers. Luckner wurde von einigen als Propagandainstrument der Nationalsozialisten betrachtet, ein Vorwurf, der sich kaum halten lässt, wenn man seine stets bestenfalls gequälte Beziehung zum NS-Regime betrachtet, incl. der durch ihn vermittelten friedlichen Übergabe der Stadt Halle an die amerikanischen Streitkräfte 1945. Während des Dritten Reichs wurde Luckner auch Pädophilie vorgeworfen, aber es lässt sich heute nicht mehr feststellen, ob die Anschuldigung auf Tatsachen beruhte, oder fabriziert wurde um einen unbequemen Luckner zu diskreditieren.

Das Internierungslager Somes Island wurde nach Kriegsende 1918 hastig an die Gesundheitsbehörden zurück gegeben, die dort Internierten fast alle und fast sofort nach Deutschland deportiert, oft ohne ihre verbleibenden Habseligkeiten mitnehmen zu dürfen. Um absolute Klarheit zu schaffen, wurden denjenigen, die die neuseeländische Staatsangehörigkeit angenommen hatten, diese wieder aberkannt, was sie wahrscheinlich formal zu Staatenlosen machte. Deren Familien, darunter auch genügend nicht-Deutschsprachige, kamen in den meisten Fällen wohl oder übel mit nach Deutschland, in eine ungewisse Zukunft in einem darbenden, besiegten Land, in dem die Neuankömmlinge mit hoher Wahrscheinlichkeit als eine Art Engländer nur Feindseligkeit zu erwarten hatten. Eine ganz schlimme Geschichte, aber man wollte diese Leute wohl loswerden, auch im Hinblick auf sonst mögliche spätere gerichtliche Folgen, denn auf Somes war massiv Recht gebrochen worden. Dort hatten Gewalt und Korruption regiert (Briefe Gefangener wurden zum Beispiel gegen Bestechungsgeld nach außen geschmuggelt, was zu einem handfesten öffentlichen Skandal und Untersuchungsausschuss führte), Gefangene wurden erniedrigt und misshandelt, beispielsweise in der berüchtigten „Kultur Bay“ (ist heute leider nicht auf Somes ausgeschildert, irgendwo auf der nördlichen Seite), und die Internierten wurden unter Missachtung internationalen Rechts zur Zwangsarbeit herangezogen. Anders als in den australischen Lagern wurde dafür nicht einmal minimalst bezahlt, was die Betroffenen am Ende des Krieges auch noch mittellos dastehen lies. Die unmenschlichen Lebensbedingungen kamen zum Teil erst später ans Tageslicht, als 1919 Somes zur Unterbringung von Opfern der spanischen Grippe vorbereitet wurde, und Offizielle die vorgefundenen Behausungen und Verhältnisse als unannehmbar einstuften.

Angeblich deutsche Internierte aus Luckners Schiffsbesatzung

Angeblich deutsche Internierte aus Luckners Schiffsbesatzung

Einige Angehörige der Luckner Crew am 19.02.1918

Einige Angehörige der Luckner Crew am 19.02.1918: Ob St Maat H Permier; Ob St Maat K Grun; Ob Herm Erdmann; [Alst] H von Fatosski; W ?; Poulsen; E Klohn; F Wellert

Meines Wissens gibt es zu den Vorkommnissen auf Somes bis dato keine direkte ‚Aufarbeitung‘, weder von neuseeländischer, noch von deutscher Seite. Das heißt, keine offizielle Rehabilitierung der Internierten, keine (posthume) Rücknahme der entzogenen Staatsangehörigkeiten (oder ein Angebot derselben an Nachfahren), kein offizieller Ausdruck des Bedauerns und schon gar keine (wenigstens symbolische) finanzielle Entschädigung für die geleistete Zwangsarbeit. Ich vermute allerdings, dass das Wohlwollen, mit dem heute in Neuseeland der Luckner-Story incl. Sextant begegnet wird, so etwas wie eine zaghafte, indirekte Geste der Wiedergutmachung darstellen soll. Anders herum, von deutscher Seite, gibt es allerdings auch kein Aufbegehren, weder von der heutigen deutschen Community, noch von direkten Nachfahren der Internierten (die es nach Aussage des DOC-Beamten auf Somes durchaus gibt und die in den letzten Jahren immer häufiger die Insel besuchen und Angaben zu Familienschicksalen machen, die dort dokumentiert werden) noch von der deutschen Regierung. Merkwürdig von neuseeländischer Seite, da zum Beispiel an Maori begangenes Unrecht noch viel länger zurück liegt, aber heute Anlass zu viel „soul searching“ und Bedauern gibt. Seltsam von deutscher Seite, da sich Deutschland als Land in dem Unrecht nie vergessen werden darf – einmal mehr – unwillig (oder strukturell unfähig?) zeigt die legitimen Belange der eigenen Bürger zu vertreten.

Somes Island 1938

Somes Island 1938

Was aber alles eine Neuauflage der Internierung auf Somes im Zweiten Weltkrieg nicht verhinderte. Ab dem 3. September 1939, also kurz nach Kriegsbeginn, traten wieder die ‚Alien Control Emergency Regulations‘ in Kraft, und die Festnahme und Internierung ‚Deutscher‘ in Somes Island begann von Neuem. Einen zweiten Luckner gab es diesmal nicht (obwohl ein Mitglied der Crew der Yacht, mit der er 1938 nach Neuseeland reiste, das in Auckland geblieben war und in den DB Breweries arbeitete, auch interniert wurde). Am schillerndsten war vielleicht der Segelphilosoph George Dibbern mit seiner Yacht Te Rapunga, angeblich der einzige Deutsche (vielleicht waren es auch zwei), der es schaffte sowohl im Ersten wie auch um Zweiten Weltkrieg auf Somes einzusitzen. Kurios ist vielleicht auch, dass Somes Island wohl das einzige Internierungslager der Welt war, in dem man sowohl deutsche Nationalsozialisten als auch deutsche Kommunisten und deutsche Juden gemeinsam festsetzte. Alles Deutsche, in den Augen der Neuseeländer, die weggesperrt gehörten, wobei aber deutlich härter bei den vermeintlichen Kommunisten durchgegriffen wurde, was zu viel Verbitterung bei diesen Leuten führte, und zu (unbelegten) Verschwörungstheorien wonach einige neuseeländische Politiker mit einem Sieg Deutschlands rechneten und sich deshalb mit den Onshore-Nazis in Position bringen wollten. Im Klartext waren sie weniger in ihrer Eigenschaft als Deutsche nach Somes gekommen, sondern weil sie Kommunisten waren.

Aus den Skandalen um Somes 1.0 hatten die Behörden allerdings gelernt, und so waren die Gefangenen diesmal sehr viel weniger Schikanen von Wachpersonal und unakzeptablen Lebensbedingungen ausgesetzt, als internen Fehden zwischen den verschiedenen deutschen Fraktionen. Außerdem gab es auf Somes 2.0 auch mehr nicht-Deutsche, etwa Italiener, und Japaner, was ebenfalls zu Spannungen führte z.B. wegen verschiedener Essgewohnheiten. Den auf Somes internierten Italienern (großteils „fascisti“) ist übrigens ein kleines Denkmal gewidmet, siehe Foto. Ein deutsches Analogon habe ich nicht gefunden.

Gedenken an italienische Internierte während des Zweiten Weltkriegs

Gedenken an italienische Internierte während des Zweiten Weltkriegs

Insgesamt war es für alle Beteiligten incl. der Wachen in Version 2 eher eine langweilige als traumatische Zeit. Man vertrieb sich die Zeit mit dem Aufbessern der ohnehin ausreichenden Essensrationen durch Gemüseanbau, Geflügelzucht, Vogeleiersammeln, und vor allem Angeln in den fischreichen Gewässern um die Insel. Es gab einfache Sportanlagen, eine Bibliothek und sogar einen kleinen Laden. Daneben wurden von Internierten Andenken aus Holz und Perlmutt („Paua“) gefertigt, die nach und nach in Zusammenarbeit mit den Wachen in kommerziellen Mengen z.B in Wellington und Auckland unters touristische Volk (amerikanische Soldaten) gebracht wurden, und sich zu einem sehr gewinnträchtigen Geschäft entwickelten – bis die Regierung es unterband. Nichtsdestotrotz legten die Internierten auf Somes den Grundstein der Paua-Souvenirindustrie, die man heute für ur-neuseeländisch halten würde – daran möge man sich beim nächsten Abstecher in ein Andenkengeschäft erinnern.

Von italienischen Internierten während des Zweiten Weltkriegs gefertigte Paua-Andenken

Von italienischen Internierten gefertigte Paua-Andenken

Die Anzahl der gewalttätigen Übergriffe war dem Vernehmen nach gering, und Sagen zu homosexuellen Exzessen eher eine Erfindung moderner Verfilmungen als Wahrheit. Trotzdem: auch dieses Mal wurden Menschen ihrer Freiheit beraubt, meist ohne triftigeren Grund als missgünstigen Nachbarn, oder eines ungewöhnlichen Nachnamens, und das ist bedauerlich genug. Die Anzahl der Nationalsozialisten unter den deutschen Internierten wurde sogar von den anwesenden Kommunisten auf maximal 20% geschätzt. Dagegen wird man abwägen müssen, was echter Kriegseinsatz für die Internierten bedeutet hätte – wahrscheinlich nichts viel Besseres.

Ein Teil der Internierten wurde zwischenzeitlich nach Pahiatua verlegt, als die rasche japanische Expansion nach Pearl Harbor und die japanische Bombardierung des australischen Darwin die neuseeländischen Militärs nervös machte, und deshalb auf Somes u.a. Luftabwehrgeschütze installiert wurden. Deren Betonsockel sind mit schönen orangen Flechten überwachsen heute noch zu sehen. Das machte Somes zu einem potentiellen militärischen Ziel und die Unterbringung von Internierten oder Kriegsgefangenen in der Nähe eines solchen Orts ist nach internationalem Recht nicht gestattet (Stichwort ‚menschliche Schutzschilde‘).

Matiu Somes Reste von Geschützständen

Neuseeländische Soldatinnen, Zweiter Weltkrieg

Neuseeländische Soldatinnen, Zweiter Weltkrieg

Am Ende von Somes 2.0 im Oktober 1945 standen diesmal nicht Aberkennung der Staatsangehörigkeit und Deportation, sondern das Angebot in Neuseeland zu bleiben, das viele annahmen, und das oft in erfolgreiche bürgerliche Existenzen mündete. Oder im Fall Dibbern in der Fortführung einer unbürgerlichen Existenz.

Nichts mit Somes Island zu tun, aber trotzdem gutes Seemansgarn gibt noch die Fahrt des U-Boots U-862 im Zweiten Weltkrieg her, das von Jakarta aus die Küste von Australien unsicher machte, mit dem Ziel möglichst viel Aufruhr zu erzeugen und alliierte Truppen zu binden. Das gelang anscheinend auch. In Australien brach eine regelrechte Panik unter den Militärs aus, und die Bevölkerung wurde bewusst über die Anwesenheit eines deutschen U-Boots in australischen Gewässsern im Dunkeln gehalten. Der ‚Fahndungsdruck‘ auf U-862 wurde schließlich so groß, dass es nach Neuseeland floh und bis in den Hafen von Napier vorstieß (keine Ahnung warum). Es halten sich Gerüchte über nächtliche Landgänge, während derer Schafe mitgenommen und Kühe gemolken worden seien. Ob es stimmt, wer weiß, aber allemal eine gute Geschichte.

Matiu ging 1945 in die Verantwortung des Landwirtschaftsministeriums MAF über, das dort über mehrere Jahrzehnte eine Quarantänestation für Vieh betrieb. Nichts Aufregendes für die Zwecke einer Bloggeschichte, aber von großer Bedeutung für die Entwicklung Neuseelands zu einem potenten Exporteur landwirtschaftlicher Produkte. Nun zum kontemporären Matiu, das wie einige andere unserer Lieblingsinseln (Tiritiri Matangi usw.) eine zunehmend erfreulichere Rolle spielt. Seit 1995 ist Matiu wieder im Besitz der ursprünglichen Maori Eigentümer, wird aber weiterhin vom Department of Conservation (DOC) verwaltet (die genauen Eigentumsverhältnisse kenne ich allerdings nicht). Ein Renaturierungsprogramm läuft bereits seit den 1980er Jahren, es wurden bisher mehr als 100000 Setzlinge gepflanzt. Tuatara-Echsen sind erfolgreich angesiedelt worden, wie auch mehrere Arten von Weta-Rieseninsekten. Kakariki-Papageien und einige seltene Seevögel sieht man wieder häufig (mir ist trotzdem kein gutes Kakarikiportrait gelungen, deshalb füge ich eine alte Zeichnung bei), während die kleinen blauen Pinguine tagsüber mit Fischen beschäftigt und deshalb tagsüber kaum zu bestaunen sind. Der Baumbestand hat sich in der relativ kurzen Zeit natürlich noch nicht erholen können, und ein halbwegs reifer Wald findet sich nur nahe des Landungsstegs. Damit hat Matiu weniger das ‚Schatzinsel‘-Feeling von Tiri (es fehlen in Matiu auch die schönen sandigen Strände), andererseits sind zum Beispiel die Kakariki viel besser zu sehen als auf Tiri, wo sie sich meistens im Schutz der Bäume den Blicken und Kameras entziehen.

Kakariki

Kakariki

Die historischen Gebäude wurden und werden für Besucher zum Teil hergerichtet – obwohl da noch sehr viel zu verbessern wäre bevor man das Ensemble ein kulturhistorisches Highlight nennen darf. Trotzdem: was geschichtliche Dichte angeht gibt es in Neuseeland nur wenige Orte, die mit Matiu Somes Island konkurrieren können.

Matiu Somes Blick über die Anlage heute

Matiu Somes Blick über die Anlage heute

Ein Besuch auf Somes lohnt sich allemal, und ist mit derzeit 11 NZD pro Erwachsenem und pro Einfachfahrt auch erschwinglich. Die Insel wird täglich mehrmals von East By West Ferries angefahren, zu dem auf der Webseite ausgeschriebenen Fahrplan.

[Die in diesem Artikel verwendeten historischen Bilder stammen aus der Alexander Turnbull Library, Wellington, Neuseeland. Für genauen Referenzen bitte vergrößern.]

3 Antworten auf SideTrack: Somes Island, SMS Seeadler und andere Kalamitäten

  1. Peter sagt:

    Kommentar des Lesers und Luckner Experten Werner Fritzsche:
    „Im Artikel haben sich einige Fehler eingeschlichen, die ich wie folgt korrigiere.

    1. Luckners Zielgebiet war der Atlantik. Hier versenkte er 11 unter feindlicher Flagge fahrende unbewaffnete Handelsschiffe. Glück und Geschick gehörte dazu nicht. Das 12. (Cambronne) wurde genutzt, um die bisherigen 263 Gefangenen frei zu lassen. Im Pazifik, wohin er sich um das Kap Hoorn herum begeben hatte (warum blieb er eigentlich nicht im Atlantik?), versenkte er dann noch drei amerikanische Frachter, also insgesamt 14 Schiffe (23 ist absolut falsch).

    2. Der junge englische Seemann von der „Horngarth“ kam nicht durch unglückliche Umstände ums Leben, sondern infolge Beschuß mit den 10,5 cm Schiffskanonen der „Seeadler“ (s. Hans D. Schenk: Graf Luckners „Seeadler“).

    3. Walter von Zatorski war nie Kadett der „Seeadler“, sondern ein zu Kriegsbeginn Internierter von der Handelsmarine. Vor ihm ziehe ich den Hut, als Kadett einen funktionsfähigen Sextanten zu bauen. Sein Leben lang war er bestrebt, seinen Sextanten einmal in Deutschland ansehen zu können, was leider nicht gelang.

    4. Mit dem Beiboot segelte die kleine Crew 2300 sm, das sind ca. 4260 km.

    Mit freundlichen Grüßen
    W. Fritzsche“

  2. Volker sagt:

    Moin aus Hamburg,

    ich fräs‘ mich gerade durch Eure tollen Artikel auf Eurer HP und bin begeistert von Eurer Idee und Umsetzung.

    Nur ein kleiner Hinweis zu diesem Artikel: Der gute Graf Luckner wurde „Seeteufel“ genannt und nicht Seewolf (der Seewolf müsste die Hauptperson in Jack Londons gleichnamiger Erzählung gewesen sein – im Film gespielt von Raimund Harmstorf-).

    Und der Kollege von Luckner, Carl Kircheiss, führt bei Euch ein „s“ zuviel an unprominenter Stelle…denn im besseren Fall wird da aus dem ersten Teil ne Kirsche und aus dem zweiten…nunja…was anderes. 😉

    Danke für Eure tolle Seite!

    Herzlicher Gruß aus Hamburg

    Volker

    • Peter sagt:

      Hallo Volker

      Na gut, dass mal jemand den Artikel aufmerksam gelesen hat! Danke für die Korrekturen. „Seewolf“ statt „Seeteufel“, das ist schon ein dicker Seehund.

      Danke für Dein Interesse, und empfiehl uns weiter :-)

      Bye for now,
      Peter