Taonga: Te Rauru – Von Whakarewarewa nach Hamburg-Rotherbaum

Deutsche Genauigkeit kann nerven, und hat sicher manchen Landsmann ins eher schnoddrige neuseeländische Exil getrieben. Deutsche Genauigkeit kann aber auch ziemlich nützlich sein, zum Beispiel wenn man das am besten erhaltene, authentischste und wohl am reichsten geschmückte Maori-Versammlungshaus („wharenui“) der Welt sehen möchte, in – genau – der Hamburger Rotherbaumchaussee.

Dort begrüßt seit gut 100 Jahren mit „Te Rauru“ ein Versammlungshaus die Besucher, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei Rotorua errichtet und genutzt, dann aber vom Hamburger Völkerkundemuseum gekauft wurde. Normalerweise werden wharenui natürlich nicht verkauft, aber Te Rauru ist ein Sonderfall, denn dessen Vollendung wurde von einem pakeha-Geschäftsmann quasi in Auftrag gegeben, schon in den 1890er Jahren mit dem Hintergedanken einer touristischen Nutzung, und eines eventuellen Verkaufs.

Unbekannte Maori Schönheit ca. 1905 in Te Rauru - ATL Ref: 1/1-006853-G

Unbekannte Maori Schönheit ca. 1905 in Te Rauru – ATL Ref: 1/1-006853-G

Te Rauru Haka - ATL Ref: 1/1-021404-G

Te Rauru Haka – ATL Ref: 1/1-021404-G

Trotzdem ist Te Rauru kein Gegenstand oder gar Konsumartikel im modernen Sinn, sondern stellt den Urahnen des Te Arawa Stammesverbandes in der Bay of Plenty dar und sein Bau wurde traditionell, also nicht-kommerziell begonnen, doch immer wieder unterbrochen und schließlich aufgegeben, denn es waren während der Errichtung rituelle Fehler, Tabubrüche, begangen worden, die im Stil des ‚Fluchs des Pharao‘ Angehörige der Schnitzer und des Auftraggebers dahinrafften. Oder so glaubt man. Auch als Rauru 1900 fertig gestellt und feierlich eröffnet wurde, verstarben die einweihenden Priester bald darauf. Vielleicht waren die ursprünglich mit dem Haus verbundenen Maori froh das Spukhaus für 40000 Goldmark loszubekommen.

Wie dem auch sei, hier etwas zur Anatomie des Vorfahren Te Rauru, das im Flyer des Museums gut erklärt wird:

  • Die Giebelmaske: sein Gesicht
  • Die beiden diagonalen äußeren Planken: seine Arme
  • Die Enden der Planken: die Hände
  • Der äußere Mittelpfosten: die Beine
  • Der innere Mittelpfosten: die Wirbelsäule
  • Die Dachlatten: die Rippen.

Trotz all der Jahre in Neuseeland, so anschaulich und klar ist es mir erst bei Te Rauru bewusst geworden.

Die Wucht der geschnitzten Ornamente im inneren Te Raurus wird durch die lockere, säulenartige Anordnung abgefangen. Die Pracht wirkt dadurch nicht überladen. Die klaren Linien tragen zu einer wohltuenden Symmetrie und Weite bei: man fühlt sich in Te Rauru wohl.

Zu meckern gibt es an der Präsentation eigentlich nichts. Die Lichtarchitektur stimmt, Geräuschuntermalung (Tui usw.) ist dezent, der Himmelsschlitz über dem Haus nimmt das Klaustrophobische. Das Amphitheater vor dem Haus hat sicher auch seinen Sinn, bei Führungen usw. Einzig: der Boden der Loggia könnte stilechter gedeckt sein, und es wäre schön, wenn die Halle in der sich Te Rauru befindet geräumiger wäre. Bei Letzterem gibt es aber sicher wenig Alternativen.

Die äußeren Frontpanele sind durch Glas geschützt, was praktisch ist, da sich viele Besucher auf das Brett darüber setzen um die Schuhe aus- und anzuziehen. Allerdings büßen sie damit auch ihre gesamte optische Wirkung ein, und Fotografieren wird ganz schwer. Das Freskenartige hat mich trotzdem an unsere eigene Klassik erinnert, und in Ermangelung eines gutes Fotos, hier einfach das römische Gegenstück :-)

Insgesamt ist Te Rauru sehr gelungen präsentiert. Ein dickes Lob für die Kuratoren. Ein bischen Neuseeland-Feeling kommt auch tatsächlich auf. Trotzdem muss ich den Maori Repräsentanten Recht geben, die meinen, dass Te Rauru ein bischen einsam und verloren in der Gegend herum steht. Die Ausstellung „Te Ara“ zum ‚Weg der Maori‘ in einem Vorraum macht es nicht besser – im Gegensatz zu Te Rauru finde ich sie ungeschickt modelliert, wenig aussagekräftig, und die Fotos sind zum Teil eine herbe Enttäuschung. Schade.

***

Nichtsdestrotz: Hamburger Neuseelandgroupies sollten die 7 Euro für einen Besuch im Völkerkundemuseum investieren. Neben Te Rauru ist die derzeitige Samoa-Ausstellung interessant (auch wenn sie für mich vor allem unterstreicht, dass tapa aus Tonga die besten sind, und deutsche Entwicklungszusammenarbeit eine Peinlichkeit [dazu vielleicht ein eigener Artikel]), und die Moche-Skulpturen in einem Seitenflügel des Museums sind eine Offenbarung beinahe lebendig wirkender Töpferkunst.

Auch interessant: Toi Whakairo – Die Holzschnitzkunst der Maori

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