Opinion: Übergepäck vs. Übergewicht

Dieser Artikel steht schon länger als Entwurf herum. Ich war mir nicht sicher, ob er wirklich relevant oder wenigstens originell ist. Eine Aktion von Air Samoa (inzwischen auch in Deutschland ruchbar) hat mich davon überzeugt, dass seine Stunde nun geschlagen hat. Voilà.

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Vor etwa zehn Jahren hatte ich in Deutschland einen hübschen Badezimmerschrank per eBay gekauft und wollte ihn in meiner bescheidenen Bleibe in Canberra montieren. Ich lies eine Überseekiste für den Schrank zimmern, und fing erst dann an mir Gedanken über den Transport zu machen. Das Ding war viel zu groß und schwer um es per Post zu verschicken. Also rief ich bei meiner damaligen Airline an, der taiwanesischen China Airlines, erzählte ihnen was von wegen was für ein hervorragender Kunde ich sei, und ob ich bitte ausnahmsweise eine Kiste, die etwa 50 Kilo wöge einchecken dürfe – für umsonst. Kein Problem. Man faxte mir einen Brief aus Taipeh mit der Ausnahmegenehmigung, den ich dem Check-in Personal zeigen solle. Das klappte ohne jegliche Diskussion am Schalter.

Heute wäre ein solches Szenario undenkbar. Die generelle Durch-Ökonomisierung von allem und jedem hat die Kulanz der Airlines bei Übergepäck auf Null geschrumpft bzw. man kommt über das Call-Center gar nicht mehr hinaus um mit jemandem sprechen zu können, der so etwas entscheiden könnte. Mehr als 10% über dem Standardlimit (meistens zwischen 20 und 30 Kilo) sind fast nie mehr drin. Und dadurch, dass der Check-in immer stärker von Maschinen übernommen wird, die auch das freundlichste Lächeln nicht umstimmen kann, wird sich die Situation sicher nicht verbessern.

Was also tun bei Gepäcksorgen?

Die Standardantwort wäre jetzt einfach weniger mitzunehmen. Leichter gesagt als getan. Neuseeland ist nicht gerade um die Ecke. Besucher bleiben meistens lange und wollen einiges mitnehmen, denn gerade in Zeiten eines superniedrigen Umtauschkurses des Euro zum Kiwidollar sind zuhause lassen und in Neuseeland neu kaufen für viele keine Option, ganz abgesehen davon, dass es in Neuseeland so manches gar nicht zu kaufen gibt. Für ‚Pendler‘ zwischen Deutschland und Neuseeland, also Leute die in beiden Ländern leben, ist die Frage auch von Bedeutung, denn da gibt es immer viel zu transportieren, von Geschenken bis zu Einrichtungsgegenständen (siehe oben), die man in Deutschland besser bekommt als in Neuseeland.

Not macht erfinderisch. Und nach all dem Vorspann zu den Themen, die mich eigentlich zu diesem Artikel inspiriert haben. Da wäre zunächst einmal die Idee eines sogenannten

Carry-on coat

Genial, der Carry-on Coat ist ein Mantel mit 30 Taschen, die man mit weiß-Gott-wieviel Zeug vollstopfen kann. In den USA – woher sollte sowas auch sonst stammen – hat das Teil schon ziemliche Furore gemacht. Sicher ein interessanter Fall für Juristen. Gepäck ist der Coat sicher nicht, oder doch? Mal sehen was die entsprechenden Gerichtsverfahren ergeben werden, und vor allem was passiert, wenn deutsche Sparer von dem Coat flächendeckend erfahren.

Übergewicht vs Übergepäck

Zugegeben, erst mal keine praktische Option, denn die in einem Artikel von Peter Singer ausgeführte Idee die Sache rational anzugehen, und nicht nur das Gewicht des Gepäcks, sondern das Gesamtgewicht des Reisenden – also Gepäck plus Körpergewicht – als Maß für das Ticket-Pricing zu nehmen … [hier hörte der Entwurf des Artikels auf]. Nun hat Air Samoa also einen Präzedenzfall geschaffen. Die Idee ist nicht länger Theorie, sondern Praxis, und ich kann mir beim üblichen Herdenverhalten großer Konzerne vorstellen, dass sie bald Schule machen wird.

Die Vorteile liegen auf der Hand. Zunächst mal macht ein System, das auf Gesamtgewicht basiert logisch Sinn, während die Beschränkung auf Gepäck absolut unsinnig ist. Als Nebeneffekt würde eventuell sogar die Volksgesundheit profitieren, weil kostenbewusste Reisende vor einem Flug vielleicht versuchen werden abzunehmen :-) … Andererseits könnten die Leute auch dazu verleitet werden sich durch Dehydrierung kurzfristig zu entschlacken, was potentiell und gerade bei langen Flügen gesundheitsgefährdend sein könnte. Und was ist mit den – wenigen – Passagieren, die tatsächlich an Stoffwechselkrankheiten leiden, und nichts für ihre Fettleibigkeit können?

Natürlich ist das Medienecho auf die neue Firmenpolitik von Air Samoa eher ablehnend. Der NZH benutzt das notorische Adjektiv „controversial“, also ‚umstritten‘, was nichts anderes heißt, als dass der Schreiberling ‚schlecht‘ meint. Es riecht natürlich nach Diskriminierung von Hochgewichtigen, obwohl Gewicht im Gegensatz zu – zum Beispiel – Religion, Ethnie, Rasse eben kein Diskriminierungsmerkmal ist. Trotzdem gehören Mollige zu den gefühlten Opfergruppen, die schützenswert sind, so scheint es.

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Es wird interessant sein zu sehen, ob sich der Ansatz von Air Samoa in der Industrie behaupten kann. Der Zeitgeist, der alles Vernünftige und Faire ablehnt, und fast immer emotional agiert, spricht eher dagegen.

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