Pasifika: Vanuatu – Die Geschichte des Südseekönigs Roi Mata

Lesedauer: 4 Minuten

Südseekönig, das ist heutzutage ja ein von der Zensurbehörde, die Pippi Langstrumpf ins Politisch Korrekte übersetzt hat, offiziell zugelassener Begriff … Nein, fangen wir lieber von vorne an, um die Sensibleren in der Leserschaft zu schonen :-)

Stuart Bedford vom ANU College of Asia and the Pacific, einer der besten, wenn nicht der besten Adresse für „Asia-Pacific“ Fragen (und ganz zufällig Teil meiner Alma Mater), nennt die Entdeckung der Begräbnisstätte des Großkönigs Roi Mata eine der „… wahrhaft großartigen Geschichten der Archäologie des Pazifikraums …“. Denn sie kombinierte mündliche Überlieferungen der Einwohner mit klassischer Ausgrabungsarbeit, um uns so seltenen faktischen Zugang zur Geschichte der Pazifikvölker zu eröffnen.

Und das kam so.

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Die Sage über ein goldenes Zeitalter unter der friedvollen Herrschaft eines weisen Königs, Roi Mata, kursiert seit dem – vermutlich – 13. Jahrhundert (die Zeitschätzungen klaffen spektakulär auseinander) auf den mittleren und südlichen Inseln des Vanuatu Archipels. Dieser König der Könige trat in einer Zeit auf, als viele Stämme miteinander in Streit, Verteilungskämpfen und Krieg lagen, und die hohen Kosten an Mensch und Gut wohl satt hatten.

Roi Mata berief laut Legende Vertreter der verfeindeten Stämme ein, handelte ein umfassendes Friedensabkommen aus und etablierte das ‚soziale Netzwerk‘ Namens „naflak“ (basierend auf matrilinearer Vererbung von Landrechten), und läutete so eine Zeit ein, die noch lange in positiver Erinnerung blieb.

Das persönliche Schicksal des Königs fand kein so gutes Ende. Der König wurde von einem missgünstigen Bruder vergiftet. Das Gift tötete ihn nicht sofort, sondern führte zu längerem Siechtum, so dass der kranke König um ganz Efate von Dorf zu Dorf getragen wurde um Abschied zu nehmen, und als sich sein Leben dem Ende zuneigte, zum Sterben in die Feles Grotte auf Lelepa gebracht wurde. Nach seinem Tod – so die Sage – ging die Begräbnisprozession vom Abschiedspunkt aller Toten in die Unterwelt, heute Devils Point genannt, über ein unterirdisches Höhlensystem nach Eretoka – Hat Island, wo der König bestattet wurde. Allerdings nicht allein. Die Verehrung des Königs sei so weit gegangen, dass viele seiner Unterkönige beschlossen sich zu ertränken, um mit ihrem König begraben zu werden. Die Frauen des Königs und der Unterkönige mussten mitsterben, das war anscheinend Sitte, und zwar unter erschwerten Bedingungen. Während die Männer sich vor dem Selbstmord mit Kava fast bewusstlos trinken konnten, war Kavagenuss Frauen verwehrt. Sie wurden lebendig begraben. Erhaben, aber auch gruselig. Insgesamt seien dem König 46 Untertanen in den Tod gefolgt. Übrigens ist über quasi-Menschenopfer auf Vanuatu überliefert, dass unter irgendeinem Vorwand oft die ‚unproduktiven Elemente‘ der Gesellschaft in den Tod geschickt wurden, also Kranke, Behinderte usw. um die Gemeinschaft zu entlasten. Religion und praktisches Denken ergänzten sich auch in Vanuatu hervorragend.

Nach dem Begräbnis Roi Matas wurde Eretoka für tabu erklärt, d.h niemand durfte sich unter Androhung des Todes auf der Insel aufhalten, obwohl dort gut Fischen und Schildkröteneiersammeln sein soll.

Beim Status einer Legende blieb es bis 1967, als der französische Archäologe Jose Garanger anbot zu überprüfen, ob die Begräbnisstätte real war. Die Ältesten von Lelepa nahmen an. Dabei war hilfreich, dass Hat Island relativ klein ist, und dass die Legende behauptet, dass über dem Grab von König und Hofstaat nie wieder etwas wuchs. In der Tat waren zwei große Korallenfelsbrocken, die sich ganz klar nicht auf natürliche Weise 100 Meter vom Strand weg bewegt hatten auf einer Lichtung von etwa 10 auf 20 Metern Größe zu finden.

Die Grabung legte tatsächlich 47 Skelette frei, mit interessanten Beigaben und Positionierung. Einerseits fällt die verschiedene Ausrichtung der Schädel auf. Die einen, die Guten, blicken Richtung Himmelstür, die anderen entgegengesetzt in Richtung ewiger Verdammnis. Auch die Totenköpfe der Eheleute blicken sich manchmal an, oder sind voneinander abgewandt, was angeblich gute und schlechte Ehen verbildlichen sollte. Bei einigen in Paaren plazierten Skeletten kann man auch beobachten, dass eines in entspannter Pose liegt, während das andere kauert – ein Zeichen für die Lebendbestattung und den qualvollen Tod des weiblichen Parts.

Roi Mata Grabungsskizze - Garanger

Roi Mata Grabungsskizze – Garanger

Erstaunlich ist, dass die Begräbnisstätte auf eine straffe Hackordnung innerhalb der damaligen Gesellschaft Vanuatus hinweist. Solche Hierarchien sind eher aus Polynesien als Melanesien bekannt. Garanger vermutete deshalb, dass Roi Mata aus Polynesien zugewandert war. Außerdem wird spekuliert, dass der Aufstieg Roi Matas mit der sozialen Instabilität zusammenfällt, die der Ausbruch des Vulkans Kuwae vor einigen hundert Jahren verursachte: Land flog schlicht in die Luft oder wurde verschüttet, so dass diejenigen, die rechtzeitig geflohen waren und sich nach der Eruption wieder ansiedeln wollten um einen kleineren Kuchen kämpfen mussten, bzw. sich in den Fluchtgebieten gegenseitig Konkurrenz machten.

Roi Mata Begräbnisstätte - Garanger

Roi Mata Begräbnisstätte – Garanger

Nach Garangers Grabung, Dokumentation der Ergebnisse usw. wurde das Grab unverändert wieder geschlossen. Hat Island ist heute ‚offiziell‘ nicht mehr tabu, jedenfalls nicht am Tag. Aber nachts sollen dort Geister noch immer ihr Unwesen treiben!

Das Gebiet, das die oben aufgeführten Orte historischer Bedeutung im Westen Efates incl. Eretoka und Lelepa abdeckt wird heute Roi Mata Domain genannt und ist UNESCO Weltkulturerbe. Touren nach Hat Island kann man über die umliegenden Dörfer auf Efate und Lelepa unternehmen, zum Beispiel „Touvannah Tours„, oder über Savi in Mangaliliu (Tel. +678 777 2000).

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Wie gesagt, im Pazifik, sogar wenn man Neuseeland mitrechnet, ist eine archäologische Stätte dieser Güte und Bedeutung einmalig. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen.

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