Opinion: Die Deutschen in Neuseeland

Lesedauer: 6 Minuten

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Unser guter Heinrich Heine. Eigentlich schrieb er, wenn man das Gedicht zu Ende liest, vom Heimweh nach Deutschland, aber inzwischen wird sein Bonmot benutzt um damit allgemeinen Deutschlandschmerz aus zu drücken. Ich teile ihn.

Das Thema ist heikel, deswegen machen andere Neuseelandblogs und -seiten wohl immer einen riesigen Bogen darum. Drischt man auf Deutschland und die Deutschen ein, wird man sich damit nicht unbedingt populär bei einer deutschen Klientel machen. Bei Lobhudelei fällt man schnell unter den Verdacht des politisch Unreinen. Einen gesunden Mittelweg zu finden ist nicht einfach.

Ich will es trotzdem versuchen.

Im Artikel „Offenheit der Kiwis“ habe ich schon einen Einstieg ins Thema gewagt. Dort ist das historische Material erwähnt, das die deutsche Besiedlung Neuseelands dokumentiert, und auch die neuseeländische TV Dokumentarserie „Here to Stay“, die den „Germans“ eine Episode widmet. Haken wir bei der letzteren Geschichte ein. Ewen Gilmour, ein neuseeländischer Kabarettist (www.ewengilmour.com) bekennt sich dort etwas gequält zu seiner deutschen Abstammung. Ziemlich gequält. Ewen Gilmour stammt von einem Deutschen aus Böhmen (englisch „Bohemia“) ab, der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Puhoi, nördlich von Auckland auswanderte. Ursprünglich hatte Ewen gehofft, dass sich „Bohemia“ irgendwie auf die französische „Boheme“ bezöge, wurde aber enttäuscht. Und mit Böhmen geht die Misere schon los. Seinerzeit war das kulturell klar deutsches, zumindest deutschsprachiges Gebiet, siehe auch (etwas später) Franz Kafka. Fährt man heute nach Puhoi, einem beliebten Ziel für Aucklanders‘ Kurzausflüge (das Kirchlein ist sehr sehenswert, übrigens), wird „German“ eher nebenbei, zwischen den Nischen erwähnt. Fast gewinnt man den Eindruck die damaligen Böhmer sollen sich nach Tschechen anhören, weil das wohl politisch korrekter ist als Deutsche.

Ganz Mann, begegnet Ewen Gilmour aber der Peinlichkeit seiner Abstammung mit der üblichen Infantilisierung/’Hedonisierung‘ der Dinge: die Deutschen hätten schließlich gutes Bier nach Neuseeland gebracht (angeblich gibt es bei den DB Brewries, Macher des bekannten Tui Biers, eine German Connection, ich habe darüber aber nicht viel Konkretes gefunden). Das Oktoberfest ist schließlich auch sonst das einzig Positive, was den meisten Angelsachsen zum Thema Deutschland einfällt. Ansonsten meint Ewen dann noch, er müsse sich ganz explizit vom Nationalsozialismus distanzieren – kann ja nicht schaden. Insgesamt ein so mühsames, problembeladenes Bild, dass man ihm seinen vorgeblichen Stolz auf die deutsche Herkunft kaum noch glauben mag.

Nun ist Ewen Gilmours kleines bisschen deutsches Erbe ganze fünf Generationen alt, und trotzdem ein „Issue“. Neuankömmlinge haben es – wie es scheint – ungleich schwerer, sich mit ihrer deutschen Abstammung zu arrangieren. Das Buch ‚Keeping a low profile: an oral history of German immigration to New Zealand‘ der Anthropologin Brigitte Bönisch-Brednich (in Auszügen bei books.google.com zu finden) zum Thema deutsche Migration nach Neuseeland anhand von Interviews mit deutschen Migranten mehrerer Einwanderungswellen beginnend nach dem Zweiten Weltkrieg, ist eine wertvolle Quelle zur ‚deutschen Frage‘. Das Buch konzentriert sich zwar nicht auf die Frage der deutschen Identität in Neuseeland, das Thema kommt aber unweigerlich zur Sprache.

Eine deutsche Identität ist schon in Deutschland ein Problem. Man erinnere sich an die unselige Debatte vor einigen Jahren zur deutschen Leitkultur, die es gar nicht geben kann oder darf, oder Johannes Raus Aussage nicht auf sein Deutschsein stolz zu sein, die ohne Widerspruch hin genommen wurde. Ich denke, es ist fair zu sagen, dass in jedem anderen Land der Welt ein Staatsoberhaupt nach einer solchen Bemerkung zum Rücktritt gezwungen wäre. In Deutschland hat man sich mehr oder minder daran gewöhnt einer nicht-Kultur anzugehören, oder bestenfalls einer, die ausgelebt zu Krieg und Holocaust führen würde. Deutsch zu sein, ist klar negativ besetzt. So ziemlich jede andere Kultur wird als mindestens gleichwertig, wenn nicht überlegen betrachtet. Patriotismus darf nur als rechtspositivistischer ‚Verfassungspartiotismus‘ ausgelebt werden. Mehr ist nicht erlaubt. Ich verwende hier bewusst einen die Akteure verschleiernden Passiv, weil es schwer ist, Personen oder Institutionen zu benennen, die explizit die deutsche Kultur verunglimpfen. Es ist eher ein Prozess, der sich im Hintergrund abspielt, der sich aus vielen Quellen nährt. Die permanente Guido-Knoppisierung der deutschen Geschichte in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, im Zusammenspiel mit der systematischen Negierung positiver Aspekte des … *hüstel* … ‚Deutschtums‘ tut sicher das ihrige. Die über Generationen gepflegte Sippenhaftung für das während der nationalsozialistischen Diktatur begangene Unrecht, die unlängst in der Beteuerung ewiger Schuld durch Bundespräsident Wulff kulminierte, kann auch kaum zu einem optimistischen Entwurf deutschen Kulturbewusstseins führen. Die überwiegende Mehrheit der politischen und medialen Eliten Deutschlands verfestigen mit erheblichem Elan eine negative deutsche Geschichts- und Traditionswahrnehmung. Als potentes Gegenkonzept positionieren sie die Läuterung Deutschlands durch innere und äußere Auflösung, einerseits durch forcierte Migration von möglichst kulturfremden Einwanderern nach Deutschland, andererseits durch stetig wachsende Aufgabe der Souveränität durch Einbindung in EU- und andere internationale Mechanismen. Weil das deutsche Volk und deren angebliche Stammtischmeinungen bei diesem Prozess als eher störend empfunden wird, wird die Meinungshoheit der Eliten immer wieder unterstrichen. Störenfriede und Andersdenkende wie ein Martin Walser, Peter Handke oder Thilo Sarrazin werden so oder so zum Schweigen gebracht, oder medial ignoriert. Euro und EU sind als ‚alternativlos‘ proklamiert worden. Zweifel gelten als Anschlag auf den Frieden.

Freiheit sieht anders aus.

Und ohne Freiheit kann sich kein gesundes kulturelles Urvertrauen ausprägen. Dieses Problem meine ich, bei vielen Diasporadeutschen in Neuseeland und Australien zu erkennen. Es gibt Ausnahmeerscheinungen, die die größere Meinungsfreiheit in Neuseeland und die angelsächsische Tradition der Tolerierung von „Freaks“ nutzen, um tatsächlich in deutsch-nationalistische Muster zurück zu fallen. Aber viel häufiger ist eine starke Skepsis gegenüber den eigenen Wurzel zu spüren, die nicht selten in offener Verleugnung endet. Viele Deutsche in Neuseeland fallen über die eigenen Füße, weil sie es gar so eilig haben sich an zu passen. Ich habe schon deutsche Migranten getroffen, die einen fetten deutschen Akzent hatten, und nur holprig Englisch konnten, aber trotzdem mit mir partout nicht deutsch sprechen wollten. Es werden bei deutschen Migranten im allgemeinen nur einige kleine Flecken Deutschseins gepflegt, die oft relativ belanglos sind, zum Beispiel die Sehnsucht nach deutscher Wurst oder deutschem Brot, oder auch Weihnachtsrituale. Im öffentlichen Leben spielt das keine Rolle, und so ‚sieht‘ man die Deutschen auch nicht in Neuseeland. Es gibt genügend Deutsche und Deutschstämmige in Neuseeland. Allein in den Jahren 1990 – 2004 wanderten fast 10.000 Deutsche in Neuseeland ein, und waren damit die bei weitem stärkste kontinental-europäische Migrantengruppe. Es wird geschätzt, dass etwa 5% oder 200.000 Kiwis deutsche Vorfahren haben. Bei einem Zensus im Jahre 2006 identifizierten sich allerdings nur rund 11000 als deutschstämmig. Ich denke diese Zahlen sprechen Bände, weisen klar auf einen Identitätskonflikt hin.

Quelle: Statistics New Zealand („Permanent and Long-term (PLT) Migration by Country of Citizenship“)

Year Arrivals Departures Net
1984 244 96 148
1985 217 101 116
1986 346 128 218
1987 340 138 202
1988 358 152 206
1989 304 164 140
1990 351 179 172
1991 326 181 145
1992 355 205 150
1993 422 179 243
1994 574 154 420
1995 550 196 354
1996 580 231 349
1997 536 219 317
1998 516 259 257
1999 455 249 206
2000 499 281 218
2001 687 318 369
2002 986 344 642
2003 1.118 397 721
2004 1.469 457 1.012

Andere Migranten, zum Beispiel die ‚Traditionellen‘ englischer, schottischer oder irischer Abstammung tun sich keinen Zwang an, wenn es darum geht buchstäblich Flagge zu zeigen. Da werden Fahnen ans Auto geklebt, oder im Vorgarten gehisst. Aber auch die Newcomer aus Indien, China und Korea empfinden es als Selbstverständlichkeit ganze Stadtviertel ihrer Kultur und Tradition an zu gleichen. Ich füge ein paar Bilder bei, die belegen, wie unverkrampft die vielbesungenen Parallelgesellschaften ausgelebt werden.

Nun stelle man sich das deutsche Äquivalent eines Chinatown oder Little India vor, also „Little Germany“ (in den USA gab es sowas tatsächlich früher mal, z.B. in New York City, heute Lower East Side) mit deutschen Geschäften einschließlich deutschen Ladenschildern, die praktisch nur deutsche Waren verhökern, deutschen Restaurants, Brauereien und Biergärten, Menschen die (wenigstens sonntags) mit Dirndl und Lederhosen, Helmut-Schmidt-Mütze oder anderen deutschen Trachten durch die Straßen gehen, und nur deutsch miteinander reden. Im Hintergrund dröhnen deutsche Schlager und Volksmusik. Befremdlich, oder? Bei anderen „Communities“, vor allem indischen, muslimischen und chinesischen aber eine auch von Deutschen akzeptierte, gar als willkommene ‚kuturbereichernde‘ Exotica begrüßte Selbstverständlichkeit.

In meiner persönlichen Erfahrung fühlen sich etwa 70% der Neuseeland/Australien-Deutschen erster Generation mit ihrem kulturellen Erbe unwohl (und kehren ihm so schnell wie möglich den Rücken), 10% gehören dem Gegenlager ‚Deutschland-über-alles‘ an, und etwa 20% finden einen – meiner Meinung nach – gesunden Ausgleich zwischen einem berechtigten Stolz auf die wertvollen Beiträge, die ihre Ursprungskultur zum Projekt Menschheit über Jahrhunderte geliefert hat, und der Offenheit und dem Respekt der neuen Heimat gegenüber, die nötig sind, um sich mit der Zeit in die neue Gesellschaft in positiver Art zu integrieren.

Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Artikel an der Gesamtsituation etwas ändern wird. Trotzdem hoffe ich, meine Leser zum Nachdenken angeregt zu haben. Es wäre meiner Meinung nach eine Win-Win Situation, wenn die Deutschen in Neuseeland und Australien selbstbewusster auftreten und dadurch einen stärkeren Beitrag zur Modernisierung ihrer neuen Heimat leisten würden.

***

Eine Antwort auf Opinion: Die Deutschen in Neuseeland

  1. Markus Kilian sagt:

    Das nenne ich typisch deutsch. Die Deutschen versuchen immer zu verstecken woher sie kommen.

    Grüße
    Markus

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