Taonga: Echos aus Gondwanaland

So vulkanisch und bebengerüttelt Neuseeland sich heute auch präsentieren mag, es ist keine Inselgruppe, die sich wie etwa die hawaiianische irgendwann einmal aus dem Meer erhob und langsam von neuer Fauna und Flora kolonisiert wurde. Neuseeland ist ein Fragment, das sich vor etwa 80 Mio Jahren vom alten Riesenkontinent Gondwana löste, und in Richtung Norden aufbrach.

Ist Neuseeland damit also so etwas wie eine ‚Arche Moa‘, die als Refugium der urtümlichen Bewohner Gondwanas gelten könnte?

Die Antwort dazu gibt der neuseeländische Wissenschaftler George Gibbs in seinem Buch „Ghosts of Gondwana – The History of Life in New Zealand“, das ich hiermit als neuesten Zugang in unserer virtuellen „taonga“ Sammlung begrüße.

Buchcover „Ghosts of Gondwana“ mit freundlicher Genehmigung des Autors George Gibbs

Ghosts of Gondwana ist kein pret-a-jeter Buch von der Stange, sondern ein Kleinod, dem man ansieht, dass es mit viel Liebe zum Detail geschaffen wurde. Das fängt beim Cover an, auf dem sich viele reizende kleine Kreaturen und Pflanzen tummeln, darunter bekannte neuseeländische Ikonen wie Kiwi, Kakapo und Tuatara, aber auch die Schale der weniger bekannten fleischfressenden (!) Riesenlandschnecken, oder gar der längst ausgestorbene Huia. Die hübschen Zeichnungen stammen übrigens aus dem antiquarischen Band „Native Animals of New Zealand“ von einem Herrn AWB Powell.

Auch die vielen Fotos und Skizzen, die dem Text untermischt sind, wurden offenbar mit Liebesmüh zusammengestellt – auch wenn sie qualitativ leider nicht immer ganz überzeugen können.

Ähnliches Engagement spiegelt auch der Text – George Gibbs gibt nicht den nüchternen Berichterstatter zu einem abstrakten Thema, sondern geht ganz darin auf. Er verrät uns viel Neues, Wissenswertes, Kurioses aus der Naturgeschichte Neuseelands, die ich hier nur ganz rudimentär zusammenfassen möchte.

Zunächst mal führt George Gibbs in das Handwerkszeug seiner Zunft ein. Fossilien im landläufigen Sinn sind in Neuseeland eher rar, das meiste kommt aus den Sedimenten eines längst verlandeten Sees (in der Gegend um den heutigen Manuherikia Fluß) im heutigen Otago. Uralte Pollen geben schon mehr her, und genetische Analysen der noch lebenden Nachfahren oder jüngst ausgestorbenen Vertreter der Arche Moa vervollständigen – soweit vorhanden – in vielen Fällen die Abstammungsbäume.

Unverantwortlich vergröbert rekrutiert sich das neuseeländische Biota aus den Nachfahren der Arche, die vor 80 Mio Jahre in See stach, nachdem sie von Antarktika weggebrochen war, sowie aus neu zugewanderten Spezies, die es über Jahrmillionen zu Wasser und Luft schafften Neuseeland zum Beispiel aus Australien, oder Neukaledonien kommend zu erreichen. Vor 25 Mio Jahren, im Oligozän, verschwand Aotearoa dabei fast im Meer – damals müssen viele Nachfahren der Gondwaner den endgültigen Todesstoß erhalten haben – aber eben nicht alle.

Hier ein paar Highlights der stammesgeschichtlichen Durchforstung Neuseelands:

  • Sumpfhühner :-) : Die neuseeländischen Vertreter Takahe (sehr selten) und Pukeko (allgegenwärtig, z.B. an den grasigen Seitenstreifen neben der Autobahn in Auckland) sind beides Sumpfhühner und ähneln sich auch äußerlich, aber während der Takahe (zwar kein Gondwaner) sicher schon 10 Millionen Jahre in Neuseeland unterwegs ist, konnte der Pukeko erst kürzlich – vor ein paar läppischen Millionen Jahren – in Neuseeland Fuß fassen. Übrigens, die Art und Weise wie der Takahe vom windigen und regnerischen Kiwiland geprägt wurde, nämlich in eine wesentlich gedrungenere, robustere Form als der Newcomer Pukeko zu mutieren, spiegelt sich auch ein wenig in den Menschen wider, die offenbar mit weniger Oberfläche pro Volumen bessere Karten im darwinistischen Spiel haben …
  • Papageienstämme: Die kräftigen, aber dafür wenig farbigen Kea, Kaka, Kakapo (nicht verpassen: Glamour-Kakapo Sirocco beim Babymachen mit einem Kameramann!) stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus gondwanischer Ziehstube, während der zierliche Kakariki uns in seiner Farbenpracht eher an ‚normale‘ Papageien erinnert, aber ein relativer Neuzugang aus Neukaledonien ist. Interessant: Kea schafften es anscheinend über Jahrmillionen nicht von der Südinsel auf die Nordinsel überzusetzen. Erstaunlich bei einem so lebhaften wie neugierigen Tier. Übrigens sind die Galahs, Sulphur-crested Cockatoos und vor allem die vielen Rosellas, die man heutzutage in Neuseeland sieht erst sehr kürzlich aus Australien ‚eingewandert‘. [Interessante Übersicht der neuseeländischen Vogelwelt incl. „bird songs“ – für alle ex-NZ-Reisenden, die ein wenig in Nostalgie schwelgen möchten: nzbirds.com]
  • Extrem-Alpinisten: Die relativ spät gefalteten Südalpen waren nah genug an den Bergzügen der Nordhalbkugel – über Brückengebirge in Südostasien und Neuguinea – um pflanzlich naturiert zu werden. Für Tiere waren die Distanzen unüberbrückbar. Deshalb erfolgte die tierische Kolonisation endemisch aus Spezies in den neuseeländischen Tälern. Die alpinen Lebensräume wurden – einmalig in der Welt – u.a. vom einzigen alpinen Papagei (Kea, siehe oben), und den einzigen alpinen Zikaden und Geckos (z.B. „jewelled gecko„, zum Teil auch bei Deutschen sehr beliebt …) besetzt, wobei letztere im Reich der Geckos zu absoluten Freaks mutierten, die lebend gebären, und mit bis zu 40 Jahren etwa 20 Mal älter werden als ihre Brüder und Schwestern anderswo (siehe auch einschlägige Artikel bei New Zealand Geographic)
  • Schiefe Insektenwelt: Die schnuckeligen Weta sind mit hoher Wahrscheinlichkeit authentische Nachfahren von Gondwanern. Ameisen und Termiten sind – im krassen Gegensatz zum Nachbarn Australien – in Neuseeland nur in geringer Artenvielfalt und Anzahl vorhanden, wahrscheinlich weil sie während der Eiszeiten ausstarben. Etwas weit hergeholt, aber ich habe schon in meinem Artikel zum Thema Autofahren darauf hingewiesen, dass sogar mitten im Sommer auf den Windschutzscheiben kaum Insekten kleben. Vielleicht aus ähnlichem Grund wie die relative Ameisenknappheit. Ein bisschen ist Neuseeland wie gerade aus der Eiszeit erwacht, aber wegen der fehlenden Landbrücke in wärmere Gegenden hinein nicht rasch wiederbesiedelt worden, sondern füllt seine ökologischen Nischen mühsam mit Kreaturen Marke Eigenbau.
  • Kiwi und Moa: Apropos Eigenbau. Dass Moa jagenden Maori zum Opfer gefallen sind, wissen wir alle. Dass sie es bis dahin mindestens 80 Millionen Jahre aus gondwanischer Zeit geschafft hatten zu überleben, schon weniger. Kiwi sollen dagegen keine Gondwaner, sondern Zugereiste sein – auch wenn dazu das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen ist. Ein wenig enttäuschend ist dieser Befund bei einer solchen Mega-Ikone dennoch :-(
  • Schuppig-schleimige Echos aus Pangaea: Neuseeland verfügt mit über die urtümlichsten Frösche der Welt, und sie sind in ihrer Mehrzahl nicht einmal aquatisch, sondern leben unter Steinhaufen, und tragen ihre Kaulquappen bis zur quasi-Lebendgeburt mit sich herum. Tuatara sind die letzten Vertreter der Reptilienordnung ‚Sphänodontia‚. Beide können über der verwandten Gondwanareptilien – Geckos und Skinks (darunter der einzige Skink der Welt, der fertige Junge gebiert) – nur müde lächeln, denn die Vorfahren von Tuatara und Fröschen leben schon seit der Zeit des Gigakontinents Pangaea, also mindestens 180 Millionen Jahre auf dem Flecken Land, der Neuseeland werden sollte. [Was Frösche betrifft, ist aus deutscher Perspektive übrigens noch „Hochstetters frog“ zu erwähnen, der einzige neuseeländische Frosch, der in etwa so lebt wie man es sich bei Fröschen vorstellt, nämlich am Wasser, und entdeckt im 19. Jahrhundert vom deutschen Wissenschaftler Ferdinand von Hochstetter – der auch den Takahe und die fleischfressenden Landschnecken Neuseelands beschrieb. Ich werde Hochstetter und seinem bekannteren Kompagnon Julius von Haast wahrscheinlich einen eigenen Artikel widmen.]
  • Gondwanische Süßwasserarmada: Was in den Flüssen und Bächen Neuseelands planscht, ob Insekten, Krebse, Muscheln oder die sagenumwobenen „Whitebait„-Fische, die jedes Frühjahr bei vielen Kiwis Jagdfieber auslösen, ist in allgemeinen ein authentisches Echo aus Gondwanaland, denn zur Überquerung von Salzwasser waren sie definitiv nicht in der Lage.
  • „Southern Beech“ und Kauri: Stammen mit großer Sicherheit aus einer Zeit, als Neuseeland, Australien, Antarktika und Teile Südamerikas noch verbunden waren, sind also mindestens gondwanischen oder älteren Ursprungs. „Beech“ wird mit Buche übersetzt … Southern Beech ist aber etwas anderes, nämlich diese Bäume, die auch individuell sehr alt und knorrig werden können und dem neuseeländischen Wald seine urtümliche Note geben. Es gibt sie auch in Tasmanien und Südamerika, und es ist wahrscheinlich, dass es durch Pollenflug immer wieder genetische Auffrischungen über die Kontinente hinweg gab. Die neuseeländischen Farne sind übrigens mit Sicherheit nicht uralt, und nur wenige davon sind endemisch, also nur in Neuseeland zu finden. Ein anderes Kiwi-Emblem, die mächtigen Kauri sind dagegen ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine Ableitung gondwanischer Zeiten.
  • Grün-weiße Blütenmonotonie: Wie Gibbs ganz richtig bemerkt, kommen viele Besucher Neuseelands mit der Vorstellung eines bunten Südseeparadieses an, um sich ernüchtert über die weitgehende Abwesenheit von Farbe in der Flora zu wundern. Ähnlich wie bei den Ameisen, geht die Lehrmeinung aufgrund der Auswertung von Fossilien davon aus, dass Blütenpflanzen einst in Neuseeland verbreitet waren, dann aber durch die Eiszeiten verdrängt wurden.

Und noch auf ein paar andere Kuriositäten weist George Gibbs Werk hin:

Australisches Neuseeland: zur Zeit als in Otago ein riesiger See die Landschaft prägte (siehe oben), war Neuseeland viel wärmer und trockener als heute und die Flora voller Eukalyptus und Akazien, also nach heutigem Standard für Australien typischen Bäumen. In der Tat war zu dieser Zeit Australien was seine Flora betrifft weniger australisch als heute bzw. als es Neuseeland damals war! Eine witzige Rollenumkehr, und ein Fingerzeig welch unglaubliche Umwälzungen sich in der Natur über die Jahrmillionen abspielen, und wie kurz ein menschliches Leben ist, um diese Dynamik fassen zu können. Erst die Eiszeiten machten dem australischen Neuseeland den Garaus.

Neuseeländische Ur-Säugetiere: Neuseeland, das Vogelimperium ohne ernst zu nehmende Säugetiere – minus ein paar Fledermäusen und Seelöwen? Die Fossilien aus Otago zeigen, dass es vor Millionen Jahren einmal ‚echte‘ neuseeländische Säugetiere gegeben hat – nur haben sie sich nicht durchsetzen können, und starben aus. Nach Fossilien von Schlangen wird übrigens bisher noch erfolglos gesucht. Krokodile sind dagegen schon nachgewiesen worden – siehe australisches Neuseeland.

Zusammenfassend arbeitet Gibbs zwar einige überzeugende Muster und Wegmarken der naturgeschichtlichen Entwicklung Neuseeland heraus:

  • Abbruch des Minikontinents von Antarktika vor 80 Mio Jahren,
  • der Fast-Untergang im Meer im Oligozän vor etwa 25 Mio Jahren,
  • die Ausbildung der Südalpen,
  • die Eiszeiten,
  • die Invasion des Menschen,

die helfen den scheinbar zusammengewürfelten Haufen, der heute Neuseeland bewohnt, besser zu verstehen, aber das Zusammenspiel von originaler Besiedlung aus den Zeiten Gondwanas, Phasen des Aussterbens von Spezies und kontinuierlicher migrativer Kolonisierung bleibt komplex genug, um den Leser noch immer verwirrt zu hinterlassen :-) Das liegt in der Natur der Materie, weniger an der Darstellung.

Was die literarische Qualität der Geister Gondwanas betrifft, tendiert George Gibbs meiner Meinung nach an einigen Stellen des Buchs ein wenig dazu langatmig zu erzählen, und vielleicht auch mit zu wenig System, so dass es schwer ist, sich aus all den faszinierenden Einzelheiten einen bleibenden Gesamtüberblick zu bilden, während er halbwegs abgeschlossene Themengebiete, wie zum Beispiel die Frage warum es in Neuseeland so viele Büsche gibt, die eine fast fraktale Zweigstruktur haben (Antwort: um den Fraß durch Moas zu minimieren) sehr konzentriert darstellt. Drollig, sympathisch – und sehr neuseeländisch – auch seine Art alle möglichen Leute zu erwähnen, die irgendeinen Beitrag zum Thema geleistet haben. Als wären sie Familie, und als würden die Leser sie selbstverständlich kennen. Es ist eben ein kleines Land, in dem man sich kennt.

Die Bezugsquellen für das Buch habe ich ganz unten in meinem 100%-Pure-Artikel genannt, in dem ich auch viel dazu schreibe, wo genau denn all die besonderen neuseeländischen Landschaften und Tiere überhaupt noch erfahren werden können, denn im Alltagsleben spielen die leider fast keine Rolle mehr. Das Buch ist nicht ins Deutsche übersetzt, d.h. nur für Leser zu empfehlen, die gut Englisch können.

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