FactSheet: 100% Pures Neuseeland

„100% Pure New Zealand“ ist der Schlachtruf der staatlichen Fremdenverkehrsbehörde Neuseelands, www.newzealand.com. Hört sich griffig an, und so schön doppeldeutig, weil es nicht nur um 100% neuseeländisches Reinheitsgebot geht, sondern auch die Unberührtheit des Landes hereinspielt. Was ist da dran? Wo kann ich Neuseeland tatsächlich pur und rein erleben?

Die Macher von „100% Pure“ sind Touristik-, und Marketingfachleute. Also schauen wir uns an wohin die – und Ähnliche – uns so schicken würden um es alles pur erlebt zu bekommen.

www.newzealand.com: ist ein professionell gemachtes Besucherportal, zum Teil sogar auf deutsch. Die „internationale“ Version ist allerdings besser, weil man dort den „Travel Planer“ also eine Applikation benutzen kann, mit dem man sich Orte und Sehenswürdigkeiten zusammen suchen und daraus eine Reise planen kann  – jedenfalls wird das behauptet. Daneben kann man noch Meinungen anderer zu bestimmten Themen lesen.

www.lonelyplanet.com/new-zealand: hat neben den üblichen Listen an Hotels, Restaurants und Sehenswürdigkeiten noch ein halbwegs aktives Forum, auf dem man Fragen oder Antworten los werden kann. Ein Klassiker ist auch die Rubrik „Things to Do“. Bei Auckland nimmt dort der White Lady Burger den Spitzenplatz ein, eine Burger-Bude. Wow, dass muss ja eine aufregende Stadt sein, in der, auf einer umgedrehten Bierkiste zu sitzen und einen Hamburger zu mampfen, das Beste ist was man tun kann :-) Lonely Planet ist ein Hedonismus-Outlet in dem es im wesentlichen immer nur um das Eine geht, nämlich Fressen & Saufen. Die „Things to Do“ Listen also besser nicht zu Ernst nehmen.

www.frommers.com/desination/newzealand/: ziemlich abgeschmacktes Zeug, das man in jedem Reiseführer findet

www.jasons.co.nz: wie Frommers.

www.tourism.net.nz: ist ein englischsprachiges Verzeichnis aller möglichen Tourismusveranstalter in Neuseeland – so ein bisschen wie die Gelben Seiten.

www.wanderlust.co.uk: habe ich vor allem wegen des goldigen Namens hier aufgenommen. Andererseits enthält die Seite zur Abwechslung auch mal nützliche Information, zum Beispiel, dass es in Neuseeland (fast) nichts Giftiges gibt, man also im Wald herum springen kann wie in Mitteleuropa, ohne sich in Gefahr zu begeben. Wie der Name schon sagt, geht es eher um Aktivtourismus.

www.tripadvisor.com: spezialisiert sich nicht auf Neuseeland, enthält aber genügend (auch neuseeländische) Hotel- und Restaurantbewertungen, um – in meinen Augen – zu einer unerlässlichen Wissensquelle für den schlauen Reisenden zu werden. Schließlich will Tripadvisor einem nichts verkaufen. Die Seite enthält im Moment etwa 40 Millionen Bewertungen von Reisenden, ist meines Erachtens also statistisch aussagekräftig. Das deutsche Analogon www.holidaycheck.de ist prinzipiell natürlich auch empfehlenswert, enthält aber relativ wenige Bewertungen neuseeländischer Hotels etc.

Und nun zu einigen deutschsprachigen Quellen der Weisheit.

www.neuseeland-news.com: etabliertes Outlet; hier hat man sicher genug Auswahl unter den verschiedenen Anbietern von Touristikdienstleistungen und ihren Anzeigen zu wählen. Dazwischen gibt es auch recht aufschlussreiche und bisweilen witzige Artikel zu Neuseeland-Themen.

www.purenz.de: was mit hier gut gefällt ist, dass nicht lange um den heißen Brei geredet wird. Die Seite ist ein virtuelles Neuseeland Reisebüro, und bietet viele Aktivitäten für Besucher an, die man sich auf der Webseite zusammenstellen und für die man sich letztlich einen Kostenvoranschlag abholen kann.

www.weltwunderer.de: Weltwunderfrau, Weltwundermann, und zwei (kleine) Weltwunderkinder beweisen, dass der Wille sich stets seinen Weg bahnt. Das Blog ist besonders interessant für Neuseelandreisende mit Kindern (ja, das geht!), liefert viel unverschnörkelte Information, und die Fotos gefallen mir besonders gut.

www.360grad-neuseeland.de/ und www.neuseeland-blog.com: gehören zusammen, irgendwie, ersteres enthält viele News-Clips zu aktuellen Themen in Neuseeland, von denen man annimmt, dass sie einen Deutschen interessieren könnten. Durchscrollen lohnt sich, auch wenn dort natürlich nicht mehr drinsteht als im New Zealand Herald oder der Dominion Post, aber man spricht deutsch, und die Webseite sieht gut aus. Das damit einhergehende Blog finde ich etwas unübersichtlich … es richtet sich auch weniger an Reisende als an potentielle Einwanderer, mit vielen Verweisen auf die bewährte englischsprachige Auswandererseite www.emigratenz.com

www.tourismnewzealand.co.nz kümmert sich eher um die Gegenseite, also Touristikunternehmen, die in oder mit Neuseeland Geld verdienen wollen. Die Internetseite enthält trotzdem ausgesprochen interessante Daten, die auch für einen deutschen Besucher in Neuseeland wichtig sein können. Zum Beispiel, dass im Jahr 2010 etwa 45.000 Deutsche in Neuseeland ihren Urlaub verbracht haben, die mittlere (bzw. median) Verweildauer 23 Tage betrug, und pro Kopf und Urlaub etwa 4200 NZD ausgegeben wurde – das sind 182 NZD, oder 100 Euro pro Tag. Wenn man dazu noch die Kosten von Tickets, Versicherungen, Visa usw. addiert, hat ein Neuseelandurlaub den durchschnittlichen deutschen Besucher im Jahr 2010 etwa 5000 Euro gekostet. Donnerwetter. Die Leute lassen sich das Vergnügen etwas kosten.

Mit der Diskussion diverser Tourismus-Webseiten will ich dem gewogenen Leser beim Aufspüren entsprechender Informationen ein wenig behilflich sein. Die Frage bleibt, ob uns diese Seiten wirklich ins pure, reine, unverfälschte Neuseeland führen.

Ich meine Jein.

Es ist toll, irgendwo Bungee zu springen, mit einem Boot herum zu brausen, oder einen mehrtägigen Track durch alpine Landschaften zu unternehmen. Aber das kann man auch in vielen anderen Ländern, es ist nicht wirklich Neuseeland-spezifisch. Was es nur in Neuseeland gibt sind die – ja, genau – ganz besonderen Menschen (vgl. Die Offenheit der Kiwis), und eine einmalige Verbindung von Grandiosität und Lieblichkeit der Naturlandschaften – Grandioses bietet eher die Südinsel, Liebliches die Nordinsel.

Der Süden glänzt mit beeindruckenden Fjorden, hohen, schneegekrönten Bergen, wilden vor Sandfliegen wimmelnden Stranddschungeln. Etwas für raue Männer :-) Es ist kalt, harsch, einsam, unerbittlich. Naja, so in etwa.

Im grüneren Norden sind die Temperaturen angenehmer, es gibt Badestrände, die diese Bezeichnung verdienen, deren Wasser im Sommer warm ist und die sicher genug sind, um zum Plantschen, Surfen, Tauchen und Schnorcheln ein zu laden. Die Wälder sind dicht und üppig grün, und nirgends gibt es gefährliche Tiere (ok, die gibt es im Süden auch nicht), weder Giftspinnen, noch Schlangen, noch Raubtiere, die Menschen angreifen könnten. Hohe Berge wie im Süden sind natürlich Fehlanzeige. Einzig die aktiven Vulkane Mt. Egmont, und die Gruppe um Mt. Ruapehu bilden kleine Ausnahmen.

Egal. Neuseeland wie es als Naturlandschaft aber mal gewesen sein mag, 100% pur, gibt es, realistisch gesagt, weder im Norden noch im Süden.

Anno 1989 habe ich, zum Beispiel, mit ein paar neuseeländischen Kommilitonen den Te Anau Track durchgezogen. Ich glaube, wir waren zu viert oder fünft und die Sache dauerte 3 Tage. Alles prima, ich erinnere mich ja sogar noch daran. Nur dieses Schweigen im Walde. Wie ein Friedhof. Man hätte wirklich eine Stecknadel fallen hören können, so still war es zeitweilig. Ab und zu ein wenig Vogelstimmen, und das war es.

Irgendwas stimmt hier nicht.

Szenenwechsel zum Januar 2011. Ort: Waipoua Forest, der letzte Flecken Kauri-Wald, den die Kiwis nicht eingeschlagen haben. Gigantische Bäume, manche angeblich älter als 1000 Jahre, die sich fast wie mit dem Lineal gezogen gerade in die Höhe stemmen und wie Säulen einer Natur-Kathedrale wirken. Respekteinflößend. Und trotzdem. Bis auf einen oder zwei Tui(-Vögel) und einige aufdringliche Fliegen ist nichts zu hören von einer Ode an die Natur.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: die Wälder Neuseelands sind mit die schönsten, die ich in der Welt gesehen habe. Und, ich wiederhole mich, man fühlt sich wie im Garten Eden. Fast greifbare Fruchtbarkeit wo man hin sieht, und keinerlei Gefahren. Die ursprünglichen Bewohner des Garten Eden sind aber seit spätestens etwa 100 Jahren zum Großteil verschollen, besser gesagt verdrängt und aufgefressen, von einer Armee eingeschleppter und verwilderter Katzen, Hermeline, Hunde, Ratten, Schweine, Ziegen, Opossums etc und das stimmt traurig, und sorgt für die Totenstille. Gott-sei-dank ist das den, zumindest einigen, Kiwis weder entgangen noch egal. Seit einigen Jahren werden die letzten halbwegs intakten ökologischen Inseln geschützt und mühsam wieder auf die Beine gepäppelt. Anfangs waren es im wahrsten Sinne des Wortes ausschließlich den drei neuseeländischen Hauptinseln vorgelagerte Eilande.

Hauturu (Little Barrier Island): Die größte und wahrscheinlich bedeutendste ist Little Barrier Island (Hauturu, www.littlebarrierisland.org.nz, www.doc.govt.nz/parks-and-recreation/places-to-visit/auckland/hauraki-gulf-islands/little-barrier-island-hauturu-nature-reserve/), mit knapp 3000 ha Fläche der ursprünglichste Flecken Natur in Neuseeland (und wahrscheinlich ganz Polynesien) ist. Die Insel betreten dürfen nur Wissenschaftler und Department of Conservation (DOC) „Ranger“ (Wildhüter/Förster). Für die Öffentlichkeit ist der Zutritt untersagt (inklusive Bootslandungen), mit Ausnahme von freiwilligen Helfern (dazu später mehr). Die Insel wurde ursprünglich von einer Abfolge von Maori-Stämmen bewohnt, die auch die polynesische Ratte (kiore) einschleppten. Katzen wurden später von Europäern auf die Insel gebracht und verwilderten. Auch wenn das schlimm genug ist, im Vergleich zu allen anderen neuseeländischen Inseln war Hauturu damit gut bedient. Ein Glücksfall ist auch, das Hauturu schon 1895 unter Naturschutz gestellt wurde, und damit vom Kahlschlag verschont blieb, der riesige Flächen der Hauptinseln in Weideland und Schlimmeres verwandelte.

Die Insel beherbergt einige botanische und zoologische Juwelen, die sonst auf dem neuseeländischen ‚Festland‘ entweder ganz ausgestorben sind, zum Beispiel Wetapunga (Rieseninsekten, en.wikipedia.org/wiki/Wetapunga), und Kakapo (flugunfähige Riesenpapageien, die so alt werden wie Menschen, www.forestandbird.co.nz -> Search ‚kakapo‘, oder en.wikipedia.org/wiki/Kakapo). Riesenwuchs ist übrigens ein typisches Merkmal neuseeländischer Fauna und Flora. Es gibt Nahrung im Überfluss, überwiegend ein freundliches Klima und lange Zeit bestand wenig Konkurrenz um die Nahrungsquellen bzw. kaum eine Bedrohung durch Räuber. Man konnte es sich leisten dick und fett und faul werden. Ironischerweise gilt das auch für Arten, die ursprünglich gar nicht in Neuseeland vorkamen. Die Platanenalleen in Auckland oder Wenderholm, zum Beispiel, suchen in Europa ihresgleichen. Spatzen, oder auch indische Mynah (die ‚Ratten der Lüfte‘, die entlang neuseeländischer Straßen von Autos totgefahrene Insekten aufsammeln) sind auch sichtbar größer gewachsen als in ihren Herkunftsländern. Ein Garten Eden eben. Zurück nach Hauturu. Neben den ‚Stars‘ Wetapunga und Kakapo gibt es dort noch viele andere Arten von indigenen Vögeln wie Kiwi (incl. des weißen Kiwi), Kaka, Kokako, Kereru, Hihi („stichbird“), Tieke („saddleback“), eine große Anzahl von Reptilien incl. Tuatara (ein lebendes Fossil aus einer längst untergegangen Seitenline der Dinosaurier) und mehr. Interessierte, die mehr wissen möchten mögen den Links oben folgen. Es gibt zum Thema eine Unmenge an Ressourcen. Ich möchte an dieser Stelle, zum Beispiel, das Buch „Rare Wildlife of New Zealand“ (von R. Morris, A. Ballance, Random House New Zealand, 2008) empfehlen, und Bände der Reihe „A Photographic Guide to xxx of New Zealand“ (New Holland), mit xxx = „Birds“, „Trees“, „Insects“ etc., die in der Präsentation und Übersichtlichkeit ein wenig angestaubt wirkt bzw. die moderner aufgemachte Reihe (in Neuauflage) „Know Your New Zealand xxx“. Man bekommt die Bücher einfach und günstig über www.amazon.co.uk und sollte sie keinesfalls in Neuseeland kaufen, da sie hier doppelt soviel kosten wie in England bzw. (modulo Versandkosten) in Deutschland. Einwanderer können die Bücher natürlich auch in lokalen Bibliotheken ausleihen.

Andere von eingeschleppten Schädlingen befreite Bioreservate in Neuseeland beherbergen im Vergleich zu Hauturu nur einen kleinen Teil oder eine kleine Zahl der tierischen Urbevölkerung Neuseelands, zum Teil wegen der Winzigkeit der Reservate, oder weil sich die Pflanzendecke erst erholen muss um mehr Tierleben zu unter halten.

Hauturu ist einmalig, und damit es so bleiben kann ist DOC besonders streng bei den Zutrittsbestimmungen. Man kann sich entweder um ein DOC Permit bemühen, oder versuchen als freiwilliger Helfer (Unkrautjäten, Tiere zählen etc – man sollte ziemlich fit sein) auf die Insel zu kommen. Für beides ist die Kontaktadresse die DOC Warkworth Great Barrier Island Area Office, warkworth@doc.govt.nz, für den Freiwilligendienst auch aucklandvolunteer@doc.govt.nz.  Die Volontariate sind sehr beliebt, d.h. die Chance eine Stelle zu bekommen ist minimal. Aber man kann es ja versuchen. Wenn es trotzdem nicht klappt, gibt es aber noch attraktive Alternativen.

Tiritiri Matangi Island, beispielsweise ist ungleich leichter zu erreichen, bietet aber auch weniger Ursprünglichkeit und Artenvielfalt. Es gibt trotzdem mehr als genug zu sehen, um zumindest einen Tagesausflug zu recht fertigen, siehe www.tiritirimatangi.org.nz. Den kann man per Internet organisieren, durch Buchung eines Trips mit „360 Discovery“ (www.360discovery.co.nz -> Timetables & Fares -> Book Now). Es ist auch möglich im Gästehaus von DOC zu übernachten, falls man ein echter Vogelnarr ist und sich das Morgenkonzert nicht entgehen lassen will. Wobei wir schon beim Stichwort wären … die Insel selbst war bis vor etwa 20 Jahren eine Schafweide, und fast ganz abgeholzt. Ein neuseeländischer Mikrokosmos, sozusagen. Die Renaturierung ist in vollem Gange, aber es gibt bis dato nur wenige Flecken, die wirklich wie Regenwald rüberkommen. Das Interessante an Tiri, neben den vielen Vögeln, incl. der prachtvollen Saddlebacks und der Kakariki-Papageien, ist die Schatzinsel-Atmosphäre (die Insel ist klein, kann leicht in 2 oder 3 Stunden durchquert werden), die zum Herumstöbern und Entdecken vieler kleiner Buchten und Klippen einlädt, und die wunderbaren Wanderwege, die fast vollständig mit dichtem, kurzem (weil von den Rangern regelmäßig gemäht) Gras überwachsen sind, so dass man wie über Teppiche wandelt. Es gibt unweit der Anlegestelle auch ein schöne sandige Schwimmbucht. Bei meinem letzten Besuch wimmelte es dort allerdings vor Stachelrochen (kann man in dem klaren Wasser gut vom Hügel nebenan sehen), die zwar nicht aggressiv sind, denen man aber trotzdem Respekt zollen sollte d.h. zumindest nicht ärgern, hinterher schwimmen usw. Übrigens, wenn ein Rochen seinen Stachel anhebt, ist das eine Drohung – spätestens dann dem Tier nicht weiter annähern. Zu Tiri ist neulich auch ein Artikel im NZ Herald erschienen, den ihr hier anschauen könnt.

Tawharanui Peninsula, liegt geographisch nicht weit von Tiri, ist aber eine wesentlich größere Halbinsel, die vor allem durch ihre Vielseitigkeit besticht, siehe www.tossi.org.nz, oder www.arc.govt.nz/ (-> Parks -> Tawharanui). Ohne übertreiben zu wollen, ist Tawharanui in meinen Augen (und denen vieler Aucklander) mit das Beste was die Nordinsel an Naturschönheit zu bieten hat. Tawharanuis sich langsam erholendes Ökosystem wird durch einen Spezialzaun (www.xcluder.co.nz) gesichert, der die Halbinsel quasi abschneidet. Diesseits des Zauns herrschen aber keine urweltlichen Zustände, denn Tawharanui ist ein offenes Schutzgebiet, sowohl was Besucher angeht als auch die Nutzung von Weideflächen für Schafe und Kühe. Renaturierte Flächen wechseln sich mit Weiden und Badestränden, Grillplätzen usw. ab. Teil des Konzepts von Tawharanui ist es den Beweis anzutreten, dass echt neuseeländische Natur, Weidewirtschaft und Naherholung in Harmonie ko-existieren können. Bisher ist diese Rechnung aufgegangen, Tawharanui ist in den Augen vieler Neuseeländer und vor allem Aucklander ein Stück Paradies. Obwohl ich nicht zur Sentimentalität neige, sehe ich es ähnlich. Tawharanui ist ein Garten Eden … allerdings einer, der Gefahr läuft zu Tode geliebt zu werden. Mit zunehmender Popularität wachsen die Probleme, wie überforderte Sanitäranlagen, Besucher, die sich nicht an die Regeln halten usw. Gleichzeitig fließen über TOSSI und Spenden an DOC mehr Gelder in das Projekt, zum Beispiel zur Finanzierung der Nachzucht von Baumsetzlingen. Der Spezialzaun wurde übrigens auch von TOSSI mitgetragen.

Was kann man in Tawharahui real anstellen? Es gibt ein Netz gut ausgeschilderter und erschlossener Wanderwege, die einen – zusammen genommen – leicht einen Tag beschäftigen können. Ich finde beispielsweise den Spaziergang durch den jungen Kauriwald entlang des Ecology Trail und später dem Fishermans Track Richtung Osten folgend traumhaft schön. Es stimmt einfach alles.

Die hellen, sandigen Badebuchten, wie Anchor Bay, sind legendär, und laden zum Schwimmen, Schnorcheln und Tauchen ein. Was Letzteres angeht, muss ich allerdings sagen, dass ich außer ein paar Snapper, Kelp Fish und Stachelrochen noch nicht allzu viel gesehen habe. Schwimmen ist meines Erachtens sicher, d.h. es gibt keine ablandigen Strömungen (wie etwa im viel berühmteren Piha) und ich habe noch nie von Haien gehört oder gar welche gesehen (im übrigen machen sich die Kiwis um Haie keine großen Gedanken, auch wenn fest steht, dass welche in der Gegend sind). Wegen der geschützten Lage wärmt sich das Wasser im Sommer genug auf, um ohne Neoprenanzug längere Zeit im Wasser verbringen zu können. Das können nur wenige neuseeländische Strände von sich behaupten …

Eine echte Attraktion ist der regelmäßige und sanft brechende Surf. Meistens sind die Wellen (im Sommer) um die anderthalb Meter hoch, zum Surfen eher zu klein (aber gut zum Üben für Anfänger!) und außerdem nicht ganz sauber nach der Seite wegbrechend, aber zum Beispiel ideal für risikofreien Spaß mit dem Bodyboard (manchmal Boogieboard genannt) gerade auch für Kinder. Nur an Tagen, die zum Beispiel einem tropischen Sturm vom Norden her folgen, kann es auch größere Wellen für erfahrene Surfer geben.

Rockpools (‚Gezeitentümpel‘) gibt es in großer Zahl und Tiefe auf dem Felsplateau das Anchor Bay östlich begrenzt. Dort kann man dann zum Beispiel kleine Fische, Krebse und Garnelen beobachten. Sehr nett, und auch wieder für Kinder gut geeignet.

Wer längere Zeit in Tawharanui verbringen möchte, kann sich in das „Bach“ (vgl. Artikel über Häuser) einmieten, oder versuchen auf dem Campingplatz unter zu kommen. Man sollte lange vorher buchen, da die Nachfrage vor allem in den wärmeren Monaten enorm ist.

Jeden ersten Sonntag im Monat ist übrigens ‚Freiwilligentag‘ d.h. man kann morgens auftauchen und bei irgendwelchen Aufgaben einfach mithelfen. Wäre es nicht eine schöne Idee ein paar Bäume zu pflanzen, sich deren Position per GPS zu merken, und vielleicht viele Jahre später zurück zu kehren und sich an zu sehen, was aus ‚meinem‘ Stück neuseeländischen Wald geworden ist? Ich denke so ein ‚spirituelles Souvenir‘ ist wesentlich gehaltvoller und letztlich befriedigender als irgendwelchen Krimskrams zu kaufen.

Maungatautari, südöstlich von Hamilton gelegen, etwa 40 km von der Kleinstadt Cambridge ist ein nahezu kreisförmiges Inlandareal (um einen flachen Gipfel herum, maunga = Berg) von etwa 3000 ha Größe und ist zum Schutz gegen Ratten, Katzen, Hermeline usw. von einem 47km langen Spezialzaun umgeben (www.maungatrust.org).  Maungatautari ist erst in der Aufbauphase, d.h. am Anfang des Prozesses: abzäunen der Schutzzone, innerhalb der Schutzzone die störenden Tiere und Pflanzen auslöschen, das Gebiet für sicher erklären, und dann mit dem Einsetzen von Spezies beginnen, die in der freien Natur keine Überlebenschance mehr haben. Anders als die obigen Beispiele hat Maungatautari keinen Zugang zum Meer, bietet also ‚nur‘ Wanderungen in einem Umfeld, das täglich ein wenig mehr „100% pure“ wird. Nichtsdestotrotz gibt es schon einige Highlights, die Maungatautari zu einem lohnenden Ziel machen. Die Wanderwege sind exzellent ausgebaut, zum Teil so gut, dass auch Behinderte mit Rollstuhl damit zurecht kommen würden. Es gibt (anders als sonst in neuseeländischen Naturparks üblich) jede Menge gut und in durchdachter Lage angelegte Sitzbänke (wichtig für Senioren), und eine Vielzahl detaillierter Schilder, die verschiedene Bäume und Sträucher erklären. Die Aufteilung des Südgeheges (= „Southern Enclosure“) in Wanderwege durch Rimu, Rata und Nikau-dominierten Wald macht deutlich wie variationsreich der neuseeländische Busch sogar auf kleinstem Raum sein kann. Durch einen Besuch von Maungatautari lernt man wirklich viel über die neuseeländische Flora.

Das Gros von Maungataurai ist übrigens noch nicht erschlossen. Es gibt einen mehrstündigen Track, auf dem man den gesamten Bergrücken überqueren kann, aber der ist nicht ausgebaut wie die Spielwiese „Southern Enclosure“.

Last but not least haben sich natürlich auch schon die ersten seltenen Vögel und anderes Getier in Maungataurari nieder gelassen, bzw. wurden eingesetzt. Neben der Kiwizuchtstation hängen Ranger zum Beispiel verschiedene Arten von Vogelfutter, und man wird dort deswegen immer fündig incl. der beeindruckend großen Kaka-Papageien. Nicht weit weg davon befindet sich eine Wendeltreppe, die in die Baumkronen hoch führt, damit man auch mal diesen Lebensraum authentisch erleben kann. Im Eingangsbereich treiben sich einige freche Takahe herum. Bitte nicht füttern!

Zum Abschluss noch ein paar Worte zum Zwist der seit einiger Zeit Maungatautari leider umhüllt. In www.savemaungatautari.org haben sich einige ‚Dissidenten‘ organisiert, darunter Farmer, die dem Reservat freiwillig Land überlassen haben, und auch finanzstarke Gönner, die gegen die Maori-Politisierung des Projekts mobil machen. Offenbar ist der lokale Maoristamm nach all der mühevollen Arbeit, die bisher in das Projekt geflossen ist, plötzlich auf der Bühne aufgetaucht und will ein dominantes Mitspracherecht wie bei der Renaturierung von Maungatautari vorgegangen werden soll (ohne wissenschaftliche Qualifikation dafür), und wie man es eventuell touristisch erschließen kann. Das hat zu bösem Blut geführt, da es ein Abzocke Geschmäckle hat. Ich will mich da nicht einmischen. Die Debatte wird leidenschaftlichst geführt und ich hoffe, dass zum Schluss die Natur und Neuseeland gewinnen. Die Affäre wirft allerdings ein Schlaglicht darauf wie – zuallermindest – plump die Maori im öffentlichen Leben oft agieren.

Te Papa Tongarewa, in Wellington – nicht ganz ernst gemeint, klar – weil es ein Museum ist. Immerhin gibt es dort eine Dauerausstellung zum Thema „Wie sich Neuseeland wohl vor der menschlichen Besiedlung anfühlte“, mit einem akustischen Display, das versucht auch Moa-Dröhnen ins Klangbild einzuflechten. Das ist schon ganz interessant, aber hinterlässt auch gemischte Gefühle, weil es ein bischen traurig stimmt, dass Menschen Neuseelands archaische Landschaften so tiefgreifend zu verändern vermochten.

Neben den hier exemplarisch vorgestellten Rückzugsgebieten des 100% puren Neuseeland gibt es noch manche andere, die auf www.sanctuariesnz.org (plus noch das sehr interessante Projekt auf Rangatira Island) präsentiert werden (Matiu/Somes Island ist mir eine extra Story wert, weil dort vor etlichen Jahren einmal eine ganze besondere Spezies unter Verschluss gehalten wurde: der Deutsche!). Mauern und Zäune, so nützlich sie offenbar auch sein mögen, sind politisch nicht korrekt, weil sie so ein bisschen nach Apartheid, Diskriminierung usw. riechen wie der Zaun zwischen den USA und Mexiko usw. und es hat schon seit Beginn der Einzäunungsprojekte in Neuseeland (aber auch Australien) potente Kritiker des Konzepts gegeben, die aus philosophischen Gründen – Natur sei nun mal per Definition ein offener Raum – Zäune ablehnen. Die Alternative dazu ist es ein Schutzgebiet mit einem Flächenraster zu überziehen (siehe z.B. das Kiwi-Programm des Rimutaka Forest Park bei Wellington) und an jeden Knoten des Netzes (alle 100 oder 200 Meter) Fallen oder Giftköder zu setzen, die Ratten, Katzen usw. den Garaus machen sollen, und deren Zahl soweit minimieren, dass die neuseeländischen Originalbewohner wieder eine Chance haben Fuß zu fassen. Auch das bringt einigen Erfolg, ist aber mit hohem Aufwand verbunden, und kann mit Sicherheit den gefährdetsten Spezies nicht helfen, da ein hohes Restrisiko bleibt. Und andererseits können auch abgezäunte Reservate nicht ganz auf Fallen verzichten, da immer die Gefahr der Reinfiltration besteht und man im Ernstfall schnell reagieren muss.

Egal ob durch das Errichten eingezäunter Schutzgebiete, oder Schädlingsbekämpfung mit Gift und Fallen, die „Sanctuaries“ sind meiner Meinung nach die kommenden Stars der neuseeländischen Tourismusbranche, und zu Recht. Die meisten Neuseelandportale (eigentlich alle, die ich kenne) und fast alle Reiseführer scheinen diesen Trend bisher nicht Ernst zu nehmen. Ein Grund mehr Sanctuaries zu besuchen, oder sich dort sogar durch Spenden oder freiwillige Arbeit zu engagieren, denn im Moment sind ausländische Besucher noch eher dünn gesät, so dass man zusätzlich zum Naturerlebnis noch die Gelegenheit hat die menschliche Spezies ‚Kiwi‘ besser kennen zu lernen, und nicht – wie an fast allen der ausgetrampelten Sehenswürdigkeiten – über Deutsche, Briten und Skandinavier nur so zu stolpern. Viel Spaß!

Schlußbemerkung: In „The dying myth of a clean, green Aotearoa“ hat Mike Joy – schöner Name – von der Massey University neulich eine so hitzige Debatte dahingehend los getreten, ob es eher „100% Pure New Zealand“, oder „100% Pure Crap“ heißen sollte, daß sich sogar der Premierminister zur Gegendarstellung genötigt sah … immerhin bewegt sich was, zumal sich die Kiwis selbst langsam von Müll und Verschmutzung belästigt fühlen. Als weiterführende Literatur, die erklärt, warum die neuseeländische Natur so ungewöhnlich, „freakish“ ist, möchte ich auch das Buch „Ghosts of Gondwana. The History of Life in New Zealand.“ von George Gibbs empfehlen – zum Beispiel über Amazon, oder fishpond.co.nz zu beziehen.

2 Antworten auf FactSheet: 100% Pures Neuseeland

  1. Jenny sagt:

    Wow, das sehe ich ja jetzt erst – danke für die Erwähnung in deiner illustren Liste und das Lob! Das gebe ich direkt zurück: Dieser Blog hier ist der mit Abstand informativste und tiefgründigste zum Thema Neuseeland, den ich (auf deutsch) bisher kenne. Chapeau!
    Zum Schluss noch eine Anmerkung: Dieser spezielle Artikel ist zwar (wie die meisten) hochinteressant, aber schon fast unanständig lang. Es würde mich nicht wundern, wenn ich die einzige wäre, die jemals hier unten angekommen ist… 😉
    Gruß aus DD in D
    Jenny

    • Peter sagt:

      Hi Jen, oh danke! Unanständig lang? Ja, Sylvia schimpft auch schon … ich versuche mich zu bessern :-) … Wann geht es aus dem DD-Florenz wieder nach NZ? Gruß, Peter

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