SideTrack: Das ‘P’ in Pur

Lesedauer: 4 Minuten

Tatort Te Aroha. Ich parke am Sonntag Nachmittag vor dem Garagentor einer heruntergekommenen Autowerkstatt, die so aussieht als würde sie nicht mehr genutzt.  Aus der Garage quillt rostiger Unrat ins Freie. Just in dem Augenblick kommt ein junger etwas schmuddliger Typ um die Ecke, führt seinen Pinscher Gassi und glotzt mich irgendwie vorwurfsvoll an. Ich frage, „Are you going out?“, also ob er gerade sein Auto aus der Garage holen will – könnte ja neben dem Müll theoretisch noch in der Garage stehen. Der Typ schaut mich an, sagt „Yeah“ und geht mit seinem Hund weiter. Er ist bekifft und deutet das „Are you going out“, als Frage eines Wildfremden, ob er gerade einen Spaziergang macht. Ich muss heute noch grinsen.

Allmählich im neuseeländischen Alltag angekommen, beginnen kleine Dinge aufzufallen. Zum Beispiel wimmelt es in der Fernsehwerbung vor Schmerzmittel-Commercials. Bekanntes Zeug, Voltaren, Panadol, und so. Warum Schmerzmittel so populär sind weiß ich nicht genau, aber ich kann vermuten, dass es mit den feuchten, zugigen und kalten Häusern zu tun hat, die zu hohen Raten an Rheuma, Arthritis usw. führen. Oder vielleicht auch Wetterfühligkeit wegen der fast ständigen Wetteränderungen in den meisten Landesteilen. Es fällt auch auf, dass Einnahme von Voltarentabletten in der Werbung als ‚Therapie‘ angepriesen wird, und dass Schmerztabletten regalweise in Supermärkten frei erhältlich sind. „Substance abuse“ ist ein schöner englischer Begriff für den leichtfertigen Umgang mit Arzneimitteln und Drogen. In Neuseeland ist der vielleicht nicht hoffähig, und schon gar nicht legal, aber in vielen gesellschaftlichen Gruppen irgendwie klammheimlich akzeptiert, in verschiedenem Ausmaß.

Kronic ist ein anderes Beispiel, und geht einen Schritt weiter. Das Zeug ist synthetisches Cannabis und war bis vor ein paar Monaten in Neuseeland legal, und offen käuflich, z.B in den allgegenwärtigen kleinen Lebensmittelläden, diese Tante-Emma-Dinger, die fast immer von Indern betrieben werden. Die Saga um das Verbot war etwas einsilbig. Die Produzenten versprachen bald mit einem ähnlichen Produkt wieder auf dem Markt zu sein, und weiterhin gute Geschäfte zu tätigen. Die Regierung gelobte darauf hin, wieder Verbote zu erlassen. Aufgeregt hat es keinen. Das ganze wirkte wie eine einstudierte Posse. Vielleicht es ist der Regierung sogar ganz recht, dass sich viele Leute mit irgendeinem Stoff ruhig stellen. Kiffer sind keine Revoluzzer, auch wenn es Ausnahmen gibt.

Ich möchte jetzt nicht die Kette hoch eskalieren, dazu verstehe ich vom Thema auch nicht genug, sondern auf die „P“ Epidemie zu sprechen kommen, die in Neuseeland weitaus mehr zu grassieren scheint als etwa in Deutschland. „P“ ist die lokale Bezeichnung für Methylamphetamine, besser bekannt als „Meth“, „Ice“, „Speed“ usw. Methcon, eine Firma, die sich auf Beratung und Prävention von „P“ spezialisiert, nennt drei überzeugende Gründe für den Siegeszug von „P“:

  • Kiwis haben eine „binge mentality“ also frei übersetzt einen Hang zu Exzess-Verhalten (wie Komasaufen), der in Neuseeland eher geduldet wird als in anderen Kulturkreisen
  • „P“ ist im Vergleich zu herkömmlichem Speed viel reiner („P as in Pure“) und führt damit schneller zur Abhängigkeit
  • der Stoff ist „the ultimate Number 8 wire, DIY-type drug“, wobei Number-8-wire für die stolze Kiwi-Tradition steht sich im Notfall mit irgendeiner unwahrscheinlichen Lösung, nämlich dem Draht Nummer 8, zum Erfolg zu basteln. Ein Drogenhigh Marke Eigenproduktion, seriously Kiwi.

Insgesamt kommt der UNODC Bericht „World Drug Report 2011“ zu dem Ergebnis, dass (Seite 137):

„… The prevalence of amphetamines-group substances in New Zealand is among the highest in the world, where 2.1% of the population aged 16-64 had used amphetamine in the past year (2007/2008). Methamphetamine is also injected. About 0.5% of the population had used prescription stimulants for recreational purposes in the past year. As part of the drug use monitoring among arrestees in New Zealand (NZ-ADAM), amphetamines were reported as the second most common drug (10%) after cannabis, followed by methamphetamine (9%) among those tested for drug use in 2008.

In contrast to Australia, methamphetamine use figures seem to be still rising in New Zealand. …“

und

“ … In Oceania, ATS manufacture has been reported from Australia and New Zealand. Australia reported the dismantling of 316 ATS manufacturing laboratories in 2009. Most of the laboratories were identified as manufacturing methamphetamine and amphetamine. New Zealand reported that a total of 135 laboratories were dismantled in 2009, primarily for methamphetamine. Further increases in the number of laboratories might be recorded in 2010 due to the increased efforts of the Government of New Zealand to tackle methamphetamine. …“

Die Produktion von „P“ geht in sogenannten „P labs“ von statten, oftmals zweckentfremdeten Privathäusern. Motorradbanden („bickie gangs“) sind nicht selten die Betreiber. Das ist für die Nachbarschaft nicht nur ein soziales Problem wegen des Umfelds, das dadurch aufgebaut wird, sondern schlicht auch ein atmosphärisches, denn zur Herstellung von „P“ werden giftige, flüchtige, oft auch brennbare Zutaten benutzt, die in die Umgebung und sogar ins Erdreich gelangen und diese kontaminieren können. Auf der Coromandel Halbinsel ist es beispielsweise schon vorgekommen, dass Betreiber von „P labs“ in ungenutzte Ferienhäuser eingedrungen sind, dort ihr Labor einrichteten und das Haus effektiv chemisch verseucht und damit unbewohnbar zurück ließen, oder es aus Versehen gleich ganz abfackelten. Jedenfalls sind Geschichten zum Thema „P“ und „P labs“ schon fast Teil der neuseeländischen Folklore geworden. Es vergeht keine Woche ohne entsprechende Meldungen in den Medien – ihr werdet sie nicht übersehen können.

Meine Meinung zu dem Ganzen ist, dass die Kriminalisierungsphilosophie im Bereich Drogen gescheitert ist, und deshalb geändert werden muss. Der Status Quo ist, dass zum Beispiel „P“ trotz umfangreicher und teurer staatlicher Gegenmaßnahmen noch immer leicht erhältlich und bezahlbar ist. Kriminelle verdienen prima Geld, Nutzer enden in der Beschaffungskriminalität, oder zumindest in sozialer Ausgrenzung usw. eine lose-lose Situation. Ich denke das Scheitern der Alkoholprohibition in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts, das den Leuten das Saufen nicht austrieb, aber der Mafia eine Anschubfinanzierung bescherte, spricht für sich. An sich habe ich deshalb nichts gegen die neuseeländische Laxheit gegenüber Drogenkonsum – wenn sie sich auch ehrlich institutionell ausdrückt, also Verbote ganz offiziell ersetzt werden durch eine Kombination von Informationskampagnen, praktischen Hilfs- und Therapieangeboten und Auseinandersetzung mit den Wurzeln des Drogenkonsums. Legale Abgabe von Drogen über staatliche Einrichtungen an registrierte Nutzer würde jedenfalls Kriminellen das Geschäft ruinieren, und die Nutzer hoffentlich wenigstens eine zeitlang vor den körperlichen und sozialen Folgen der Sucht bewahren. Gesamtgesellschaftlich ließe sich das Problem auch nicht mehr Schwarz-Weiß malen und auf eine Angelegenheit der Kriminalitätsbekämpfung reduzieren, sondern würde Politiker und andere gesellschaftliche Eliten dazu zwingen mehr Verantwortung für die Zustände zu übernehmen, die zu Drogenkonsum führen. Mir fiele da die in Neuseeland sehr ausgeprägte Spaltung in arm und reich ein, die sich auch unmittelbar auf Bildungschancen auswirkt, eine überbordende Konsumismuskultur, die alle Lebensbereiche nach Geldwert vermisst usw.

Auch interessant:

***

Eine Antwort auf SideTrack: Das ‘P’ in Pur

  1. Pingback: 10 Dinge, die ich nie wieder über Neuseeland hören und sehen will | weltwunderer

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>