FactSheet: Kriminalität in Neuseeland

Lesedauer: 4 Minuten

Das Thema habe ich hier und dort schon kurz angeschnitten. Es ist trotzdem Wert ihm einen gesonderten Artikel zu widmen, denn das Internet ist mit schönfärberischen Mythen zur Thematik geradezu gepflastert: sprich dem Klischee eines Landes, das friedlich jenseits des Übels dieser Welt vor sich hinlebt, wo sich Kiwi und Hobbit „Gute Nacht“ sagen, und in dem die gerechten und gütigen Behörden dafür sorgen, dass es so bleibt.

Stimmt nicht, und es gehört nicht viel dazu das heraus zu finden – wenn man will.

Einschlägige Organisationen wie die neuseeländische Polizei veröffentlichen minutiös Daten zur Situation, absolute Zahlen. Für Außenstehende sind aber internationale Vergleichszahlen interessanter. Genial handlich sind die Statistiken, die Nationmaster anbietet. Eine wahre Schatztruhe an Information.

Auszug aus dem internationalen „Ranking“ (pro Kopf der Bevölkerung!):

  • Mord – in Neuseeland etwa doppelt so häufig wie in Deutschland;
  • Vergewaltigungen – in Neuseeland etwa vier Mal so häufig wie in Deutschland; hier bewegt sich Neuseeland insgesamt an der Weltspitze;
  • Autodiebstahl – in Neuseeland etwa zehn Mal so häufig wie in Deutschland; ziemlich interessant, wenn man bedenkt, dass Deutschland offene Grenzen nach Osteuropa hat, während Neuseeland ungefähr so isoliert ist, wie es nur vorstellbar ist.

In anderen Kategorien, zum Beispiel Drogenkriminalität, steht Neuseeland allerdings besser da als Deutschland. Man kann gegen die Zahlen sowieso viel Prinzipielles einwenden. Vielleicht ist die Mordrate in Neuseeland nur deswegen höher, weil die Polizei und Gerichtsmedizin besser darin sind verdächtige Todesfälle aufzuspüren? Vielleicht ist im politisch oh so korrekten Neuseeland auch die Schwelle zwischen Aufdringlichkeit und Vergewaltigung schneller überschritten, oder neuseeländische Frauen tendieren stärker dazu die Fälle anzuzeigen? Kann man nach persönlichem Gusto hinterfragen, natürlich.

Um die Story aufzulockern übrigens noch eine nette Gerichtsfarce von unlängst, unbedingt lesen, zu einem Kerl in Wanganui, die mit zwei Frauen einen Tauschhandel vereinbarte: eine Woche Autobenutzung, gegen zweimal einen flotten Dreier (warum ausgerechnet zweimal? Keine Ahnung …), und sich dann vor Gericht wieder fand, weil die Frauen, nachdem sie nach der Menage a Trois neben ihm eingeschlafen waren, sich später daran erinnerten vergewaltigt worden zu sein. Wer Neuseeland ein wenig kennt, wird sich das Lachen nicht verkneifen können, so komisch-typisch ist diese Episode … „f_ck_ng hopeless“ :-) Immerhin, wie dieser absurde Fall überhaupt vor Gericht landen konnte, bevor er nach kurzem Prozeß von den Geschworenen rausgeworfen wurde, gibt Rätsel auf.

Zurück zum Erzählstrang. Also nackte Zahlen darf man bezweifeln, wenn man denn will. Mein persönlicher Eindruck aber passt mit den Zahlen zusammen. In South Auckland gibt es veritable „No Go“ Zonen, in denen man sich nachts nicht hinein traut. Wenn man auf dem Land ein Haus kauft, frägt man automatisch bei den Anwohnern nach lokal aktiven Banden – Neuseeland hat die höchste Rate an Bandenzugehörigkeit der Welt. Man bekommt auch einen Blick dafür, ob Kassiererhäuschen bei Tankstellen vergittert sind, oder nicht. Ähnliches gilt auch für normale Wohnhäuser. Und wenn man schon einmal neben einem Mongrel Mob Haus gewohnt hat (Nein, nicht ich, ein Freund von mir), dann weiß man auch, dass da plötzlich ein netter Nachbar im Garten an der Wäscheleine (nicht seiner eigenen!) stehen kann und sich etwas Schönes zum Anziehen aussucht – und man ihn besser nicht dabei stört.

Ich habe schon oft geschrieben, dass es sehr gute Gründe gibt nach Neuseeland auswandern zu wollen – aber die Flucht vor den Ganoven der Welt gehört ganz sicher nicht zu diesen guten Gründen.

Noch kurz zu den Behörden, die gewissenhaft und weise die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten. Gut, dass ich mit denen bisher nicht viel zu schaffen hatte, aber das Wenige deutet darauf hin, dass die Polizei in Neuseeland ungefähr so toll ist, wie in Deutschland. Als ich in Christchurch studierte und U2 gerade ein Konzert gaben, hätte ich fast einen Schlagstock an den Kopf bekommen, für das Verbrechen am Stadium vorbei gegangen zu sein. Die Polizisten schlugen willkürlich um sich, weil ein paar Minuten vor dem Ende des Konzerts einige Kids versuchten über den Zaun zu klettern. Hmmm … not funny.

Und zu den anderen Behörden, die angeblich den Migrationsfluß nach Neuseeland so gut unter Kontrolle haben, dass Terrorismusprobleme nicht denkbar sind – das ist ein Kapitel für sich. Ich denke auch nicht, dass es momentan ein brennendes Terrorismusproblem in Neuseeland gibt. Die Saat ist allerdings in mancherlei Hinsicht gesät, und wird m.E. auch in Neuseeland eines Tages aufgehen. Dazu äußere ich mich eventuell noch einmal gesondert.

Beim Blättern durch die Statistiken von NationMaster beunruhigt mich persönlich eigentlich weniger das Problem der Kriminalität, denn ich habe schon in Ländern und Gegenden gelebt, die in dieser Hinsicht viel unangenehmer sind als Neuseeland, sondern eher der Fakt, dass Neuseeland die weltweiten Selbstmordstatistiken Jugendlicher einsam anführt. Kein Thema, über das viel geredet wird, in NZ, und eines, das man auch hier nicht im Vorübergehen diskutieren sollte.

Würde ich mir von den Tatsachen zur Kriminalität in Neuseeland eine Auswanderung ausreden lassen? Wahrscheinlich nicht. Man muss vorsichtiger sein als in Deutschland, das stimmt, aber es ist – gefühlt – nicht wirklich viel schlimmer. Aber, wie gesagt, wen es nach Neuseeland treibt, weil dort die Welt verbrechensmäßig noch in Ordnung scheint, der/die sollte diesen Artikel dazu nutzen noch einmal in sich zu gehen.

Myth busted, … next please.

Als Nachwort – weil von unserem „regular“ Jenny angesprochen – noch etwas zum Thema Kriminalität im Zusammenhang mit Touristen. Statistische Daten dazu sind mir nicht bekannt, aber besonders gruselig Fälle kommen natürlich immer wieder in die Schlagzeilen, ohne dass man wüsste wie repräsentativ die Vorfälle wären. Im Spiegel ist unlängst ein ziemlich cleverer Artikel zu Verbrechen an Touristen in Australien erschienen. Die Situation dort deckt sich m.E. in Vielem mit der in Neuseeland. Also bitte lesen, und – offenbar – implizit „Aboriginal“ mit „Maori“ substituieren. Traurig, aber wahr. Blättert auch mal durch die Leserkommentare, und die zum Teil empfindlichen Reaktionen angeblicher Australien-Versteher nach dem in solchen Fällen üblichen Schema, also „gibt es in Deutschland auch“, „habe nie irgendeine Negativerfahrung gemacht“ usw. Interessant wie schnell ins Irrationale abgeglitten wird, wenn man ein ganz normales Land, mit ganz normalen Bewohnern und ganz normalen Problemen anscheinend zu einer sinnstiftenden Instanz überhöht. Wer einen „reality check“ sucht, möge zum Beipiel mal einen Abend in einem Loch wie Walgett (NSW) verbringen. Also ich selbst bin so schnell wie möglich wieder weg, bevor es krachte.

26 Antworten auf FactSheet: Kriminalität in Neuseeland

  1. Tanja B. sagt:

    Hallo!
    Ich habe mir deinen Bericht durchgelesen und kann dazu folgendes sagen:
    Ich bin heuer 2017 ganz alleine mit meinen jungen Jahren (unter 30) quer durch ganz Neuseeland gereist und kann als Viel-Reiserin sagen dass ich mich nirgends so sicher gefühlt habe wie dort (nicht einmal in meinem eigenen wunderschönen Land Österreich fühle ich mich so gut aufgehoben wie dort). Es gibt keinen Platz auf dieser Erde wo es gänzlich keine Kriminalität gibt – aber Neuseeland ist mit Sicherheit ein friedliches Land, die mit vielen Problemen, mit denen wir im immer tiefer sinkenden Europa lebenden Menschen klarkommen müssen, bestimmt nicht konfrontiert sind.
    Hinsichtlich des Vergleichs bezüglich „mehr morde/Vergewaltigung als in Deutschland“ kann ich mir sehr gut vorstellen dass die aufklärungsrate gegen 100 % strebt denn wohin soll denn der Täter flüchten? Das nähest gelegene Land ist Australien – mit einer Entfernung von 3 Flugstunden. Ein Täter kommt wahrscheinlich nicht über einen der Flughäfen in Neuseeland hinaus. Und irgendwann kommt der Zeitpunkt wo auch er mal essen besorgen muss…
    Ich weiß nicht aus welcher Angst oder Überzeugung der Artikel verfasst wurde aber ich kann diesem nicht zustimmen.

    • Peter sagt:

      Hi Tanja

      Der Artikel wurde auf Grundlage von Statistiken verfasst und auf Basis von eigenen Erfahrungen. Drogen- und Bandenkriminalität sind – dabei bleibe ich – in Neuseeland stark vertreten, viel stärker als es die gängigen Heile-Welt-Klischees vermuten lassen würden.

      Größtes Manko des Artikels ist natürlich, dass er aus einer Zeit stammt, als in Europa, insbesondere Deutschland und Österreich, die Kriminalitätslage noch eine andere war. Die Anzahl der Gewaltverbrechen ist in den letzten zwei Jahren zumindest in Deutschland stark gestiegen und insofern hat Deutschland wohl Neuseeland inzwischen „überholt“.

      Insofern gebe ich Dir Recht: inzwischen spricht Kriminalität in Neuseeland NICHT mehr gegen eine Auswanderung, sondern eher dafür, wobei man sich natürlich informieren muss, bevor man sich irgendwo in NZ niederlässt. Wenn man kein persönliches Netzwerk hat, empfehle ich einen Besuch auf der lokalen Polizeiwache. Polizisten in NZ sind was sowas angeht i.a. sehr hilfsbereit.

      Es ist schön, dass Du Dich in Neuseeland wohl gefühlt hast und anderen hier mit Information weiterhilfst!

      Gruß,
      Peter

  2. Detlef sagt:

    Das mit der Kriminalität bin ich inzwischen bereit zu glauben. Aus Opferperspektive. In einem Holidaypark in Rotorua haben wir -sorgloserweise- bei offenem Fenster imWohnmobil geschlafen. Auf der Ablage unter dem Fenster lagen Geldbeuel und Handy. Natürlich leichtsinnig von uns. Morgens waren die Teile weg. Der Platzmanager sagte nur: Schon wieder! In der Nacht waren noch zwei weitere betroffen. Beim Absuchen des Geländes wurde der Geldbeutel wieder gefunden, ohne Geld natürlich. Offenbar ist die Masche in der nacht durch offene Fenster zu greifen verbreitet. Nicht umsonst steht an allen Ecken: lock it or loose it!

  3. Elke sagt:

    Hallo Peter,
    Danke für deine Antwort. Ich habe mich den ganzen Tag schon durch deinen Blogg gelesen. Sehr interessant und auch schön zu lesen. daß wir mit unserer Sicht auf die Dinge hier im Merkelland nicht alleine stehen.
    Es fällt schon schwer, die gute Laune am Leben zu halten. Auswandern wird immer verlockender. Leider sind wir altersmäßg raus und die „Rentner-Option ist ein ziemlich teurer Spass.
    Ich werde weiter am Ball bleiben, vielleicht öffnet sich ja ein Türchen.
    lg Elke

  4. Lisa sagt:

    Hallo an alle,

    also ich war über ein Jahr in Neuseeland unterwegs, habe gearbeitet und in den verschiedensten Regionen gelebt.
    Neuseeland hier als kriminelles Land darzustellen ist einfach komplett übertrieben. Man kann es sicherlich mit Deutschland vergleichen, aber hier jetzt Panik zu machen wegen der krassen Kriminalität ist völlig unangebracht. Ich habe mich in Neuseeland als „Single-Frau“ so sicher gefühlt wie nirgendwo sonst und auch Anhalter fahren ist soweit kein Problem.
    Ein bisschen common sense sollte man natürlich trotzdem haben, aber das gilt ja wohl überall auf der Welt.
    Also bitte: In Neuseeland ist es genauso sicher wo anders wo auch. Und Neuseeland als „gefährliches“ Land darzustellen, absolut überzogen. (Nur mal als persönlicher Bericht und für alle, die sich jetzt Sorgen machen). !!!!!

    • Peter sagt:

      Hi Lisa

      Panik macht hier niemand. Man muss doch vor Statistiken keine Angst haben! Oder welche der zitierten Statistiken kannst Du widerlegen und womit?

      Andererseits arbeitet die Zeit zugegebenerweise für Dich. In sehr absehbarer Zeit dürfte Neuseeland tatsächlich relativ zu Deutschland sehr viel weniger unter Kriminalität leiden. Ihr schafft das! :-)

      Gott zum Gruße, Peter

  5. Mirco sagt:

    Hallo Peter,

    danke für deinen interessanten Artikel. Recherchiere gerade für einen längeren NZ Trip. Die hohe oder besser höhere Kriminalitätsrate war mir noch nicht bewusst und wurde mir bis jetzt auch noch von niemandem berichtet, auch nicht von denjenigen die länger dort waren. Von für die nüchternen Zahlen und Beschreibungen. Seit einem längeren Kenia Aufenthalt habe ich gelernt aufmerksam durch die Welt zu gehen, aber auch gekernzt nicht alles und jeden zu verdächtigen, was ich zuerst gemacht hatte… Freue mich darauf einen Eindruck zu gewinnen. Meinen Vorredenern muss ich bzgl. des gefährlichen Viertels Kreuzberg widersprechen… Bin viel in Hamburg und Berlin unterwegs und dort auch viel in den „gefahtlichen“ Vierteln, aber durch gesunden Menschenverstand ist es auch dort eher ungefährlich, auch wenn dort der Muezzin ruft.
    Freue mich auf nenein Trip und Grüße, Mirco

    • Peter sagt:

      Hi Mirco

      Ich wünsche Dir viel Spaß bei Deiner Reise! Natürlich ist Paranoia nicht angebracht. Wer sicher in Kenia unterwegs war, für den wird Neuseeland kein Problem sein.

      Meine Seite wendet sich auch an Auswanderer und die wollte ich dazu anhalten sich dessen bewusst zu sein, dass Neuseeland eben nicht das Paradies ist, das in vielen kommerziell ausgerichteten NZ-Seiten vorgegaukelt wird. Es ist in vielerlei Hinsicht ein Land wie jedes andere. Seinen Verstand ausschalten sollte man nicht :-)

      Gruß, Peter

  6. Ralf sagt:

    Wenn man mal in Köln, Hamburg und Berlin gelebt hat, kann einen so schnell nichts schocken. @polizeiberlin

  7. Sarah sagt:

    Hallo zusammen,

    Endlich einmal ein kritischer Artikel, der mir sehr geholfen hat. Denn auch ich, muss ich ehrlich zugeben, hab mich von der „Neuseeland ist mit das sicherste Land“ blenden lassen.

    Ich plane nächstes Jahr allein nach NZ zu reisen. Work&travel… wenn ich das jetzt alles so lese, bin ich mir da nicht mehr sooo sicher, ob das eine gute Idee ist. Ich bin jetzt nicht unvorsichtig und würde nachts nicht überall allein rumturnen. Campen war jetzt auch nicht geplant, sondern übernachten in Hostels und Hotels. Also alles mit gesundem Menschenverstand. Aber ist das so eine gute Idee allein als Mädel nach NZ zu gehen? Was meint ihr dazu? Würde da auch mit der Option auf Auswandern nach NZ gehen, falls es mir dort gefällt.

    Liebe Grüße,
    Sarah

    • Peter sagt:

      Hi Sarah

      Solange der gesunde Menschenverstand mitreist, sehe ich bei einer NZ-Reise, auch als „single female“, kein wirkliches Problem. Halt die Augen und Ohren auf und bleibe von den kriminellen Hotspots (Teile South Aucklands usw – da gibt es sowieso nichts zu sehen) mindestens abends weg. Frage auch einfach bei den Locals, vor allem bei anderen Frauen, ob es irgendwelche Probleme vor Ort gibt. Dann wird schon alles ok gehen.

      Lass Dir von den Gaunern und Spinnern jedenfalls nicht Neuseeland verderben. Ist immer noch eine Reise wert und je mehr ich über Deutschland nachdenke ggf. auch eine Auswanderung, wenn man halbwegs jung, schlau und risikofreudig ist. Dazu habe ich ja auch genug geschrieben :-)

      Glück auf, und melde Dich, wenn Du in NZ bist,
      Peter

    • Tanja B. sagt:

      Hallo Sarah, kannst dich gerne an mich wenden – bin 26 Jahre jung, war heuer ganz alleine in Neuseeland auf reisen und es war eine der schönsten und besten Zeiten meines Lebens. Habe für nächstes Jahr ein work&travel Visum bewilligt bekommen (erhalten nur 100 Österreicher pro Jahr) und freue mich schon sehr darauf. Also ich kann es die nur empfehlen – bei fragen schreibe mir unter tanja.billek@outlook.com

  8. Harry sagt:

    So traurig es auch ist, meine Freundin und ich können Peter nur beipflichten. Neuseeland ist nicht das Land, das bei uns in Deutschland und in vielen Medien immer als das friedliche Auenland charakterisiert wird. Sicherlich das Land ist wunderschön und unglaublich facettenreich und die (meisten) Kiwis überaus gastfreundlich. Dennoch ist Vorsicht geboten. Ich war jetzt zum dritten mal down under. Zusammen mit meiner Freundin war ich jetzt ein halbes Jahr dort und auch wir haben eine unschöne Erfahrung gemacht. An einem voll besetzten Parkplatz parkten wir unser Auto, um zu Fuß zu einem angepriesenen Wasserfall zu gehen. Als wir nach nicht einmal 20min zurückkamen, war das vordere Beifahrer-Fenster eingeschlagen und etliche Wertsachen inklusive Kreditkarte und Reisepass gestohlen. Dazu sei gesagt, dass wir unsere Sachen ziemlich gut versteckt hatten! Nur leider wohl nicht gut genug…Hinzu kam, dass wir nicht die einzigen Leidtragenden waren – die Autos zwei weiterer deutscher Pärchen waren ebenfalls aufgebrochen und ausgeräumt worden. Das ganze war ein ziemlicher Schock, zumal es 12Uhr mittags war und der Parkplatz vollbesetzt an einer viel befahrenen Straße lag. Viele von Euch werden jetzt vielleicht denken „Dumme Touristen, warum überhaupt Wertsachen im Auto gelassen?“ Nun ja einen richtigen Vorwurf konnten wir uns nicht mal machen. Wer rechnet auch schon unter all diesen Umständen mit so etwas? Auf vielen Schildern in Neuseeland ist zu lesen „Lock it or lose it“ – we locked it and lost it anyway…Immerhin bis auf unsere alten Handys haben wir unsere Wertsachen erstattet bekommen, also das einzig wirklich Ärgerliche war das kaputte Fenster und mein gestohlener Reisepass – beides zusammen unnötige Kosten von ca. $300 – ganz zu schweigen von dem ganzen Aufwand.
    Die Tatsache, dass uns dieses Unglück ziemlich am Anfang unserer Reise ereilt hat, ließ uns im weiteren Verlauf mit offenen und wachsamen Augen weiterreisen. Wir begegneten vielen Campern, von denen einige eine Naivität an den Tag legten, die uns echt bestürzte: Leute, die ihre Luxuscamper mit offenen Türen stehen ließen und für 2 Stunden am 300m entfernen Strand verschwinden. Aber wie kann man diese Leute – meist Europäer – auch kritisieren? Nirgendwo wird bei uns über Kriminalität in Neuseeland berichtet. Klar, Neuseeland ist kein Katzensprung von uns und nicht jede Nachricht mag zu uns durchkommen. Fakt ist aber, dass Neuseeland ein beliebtes Fernreiseziel ist. Und dennoch, erscheint es fast so als würde die neuseeländische Tourismusindustrie einiges dafür tun das Saubermann-Image um jeden Preis zu bewahren. Wir hatten viel Kontakt mit mit den Kiwis und viele haben sich besorgt von der jetztigen Entwicklung ihres Landes gezeigt. So würde die Schere zwischen Reichtum und Armut sich immer weiter auseinander bewegen. „Yeah, only yesterday in the news, we heard about a guy beaten up by…“ waren oft die Worte. Und das war auch das, was wir oft im Radio oder TV mitbekamen. Krasses Beispiel natürlich der Fall aus Whakatane, wo ein deutsches Backpacker-Pärchen nachts beim Zelten grundlos zusammengeschlagen wurde. Sicherlich, solche Fälle gibt es überall auf der Welt, auch in Deutschland. Wir wollen auch niemandem abraten Neuseeland zu bereisen, weil es landschaftlich eines der reizvollsten Länder ist. Und auch die Kiwis haben wir als unglaublich gastfreundlich und zuvorkommend kennengelernt. Man sollte all diese Dinge einfach im Hinterkopf behalten, dann steht einer unvergesslichen Reise auch nichts im Wege. Wir hatten jedenfalls – trotz dieses Zwischenfalls – in Neuseeland die beste Zeit unseres Lebens!

    • Peter sagt:

      Hi there

      Danke für die Schilderung Eures Erlebnisses, auch, oder gerade weil es unangenehm war und andere davon lernen können, wenn ihr die Story teilt!

      Oft heißt es auch, dass man im Auto oder Camper keine Wertgegenstände zurücklassen soll, aber wie soll das gehen? Den Laptop, Smartphone, und was weiß ich jedes Mal in einen Rucksack packen und damit zum Strand laufen? Unrealistisch. Man muss die vielen Einbrüche und Diebstähle in NZ leider als „fact of life“ akzeptieren, vor allem in Northland und an der Bay of Plenty.

      Mich irritiert weniger, dass die staatliche Tourismusbehörde so tut als wäre NZ eine Insel der Seligen. Das wird von denen wohl erwartet und sie tun ihren Job, auch wenn es letztlich nach hinten losgehen kann (siehe Interview mit Oliver Hartwich), weil die ewigen Werbekampagnen den Nebeneffekt haben, dass niemand NZ als Land so richtig voll nehmen kann.

      Was mich echt nervt – und eigentlich habe ich auch deshalb angefangen diesen Blog zu schreiben – ist dass ausgerechnet die inzwischen zahlreichen deutschen NZ-Blogs und -seiten, die es wirklich besser wissen sollten, den Mythos vom ungetrübten Paradies Neuseeland bewußt zementieren. Und die meisten von denen verdienen sich an den Fantasiegeschichten zum Land wahrlich keine goldenen Nasen wie die Manager bei NZ Tourism. Aber es ist halt so einfach den Mitläufer zu machen und so anstrengend eine eigene Meinung zu haben und ggf. zu verteidigen.

      Naja … im Grunde habt ihr mit Eurer pragmatischen Sicht der Dinge aber einen sehr kiwi-haften Zug aus Euren Aufenthalten mitgenommen, wie das echte Reisende so tun. Half-full, nicht half-empty.

      Wenn ihr das nächste Mal in Auckland seid, meldet Euch!

      Gruß,
      Peter

  9. Matthias sagt:

    Und da verfliegt der Gedanke vom Auswandern wieder fast so schnell wie er gekommen ist. Die Sicherheitsfrage war nämlich ein bestimmender Punkt. Wer hätte gedacht, dass – trotz Maori – die isolierten 4,5-Millionen-Inselchen sich so hervortun?

    • Peter sagt:

      Das wundert viele. Irgendwo war/ist NZ halt auch nur ein Ableger der englischen Klassengesellschaft mit all den einhergehenden Konflikten.

      Am meisten stört die ganze Sache mit „guten“ und „schlechten“ Vierteln. Man muss immer genau hingucken wer da so wohnt, den Zustand der Häuser einschätzen, herumfragen usw.

      Schaut Euch alternativ vielleicht mal Australien an?

    • Beobachter sagt:

      Hallo, danke für Deine Ausführungen. Seit Jahren fühle ich mich in D nicht mehr wohl und spiele mit dem Gedanken, in Rente auszuwandern. NZ kenne ich etwas aus einem Urlaub (keinerlei Kriminalität festgestellt) und mir gefiel das schon. Allerdings bin ich nun doch etwas ernüchtert und wundere mich sehr, dass die Obrigkeit hier nicht stringenter das im Griff hat. Nichts leichter als eine abgelegene Insel zu kontrollieren – wenn man will….

      Ja – da gehts mir wie Dir – bin nachdenklich geworden.

      Schaun mer mal…. aber wenn hier in der Pfalz der Muezzin vom Turm schreit bin ich auf jeden Fall weg. Nur wohin – das ist wohl nun etwas offener…

      lg

  10. Denyo sagt:

    Vielen Dank für den infomativen Artikel.

    Ich kann die Rechnung jedoch nicht ganz nachvollziehen. Ich habe gerade die Neuseeländische Kriminalitätsstatistik mit der vom BKA für Deutschland im Jahr 2012 verglichen und in fast allen Bereichen liegt Deutschland in der Zahl StraftatX pro 100 000 Einwohner leicht vorne. Die einzige Ausnahmen bilden Sexualdelikte. Aber sowohl die Mord, Totschlag, Körperverletzungs als auch die Raubrate liegen pro 100.000 Einwohner unter der in Deutschland.

    • Peter sagt:

      Hast Du auch einen Namen?

      Meine Quelle, NationMaster, habe ich genannt. Diese bezieht sich meines Wissens auf Publikationen der UNODC = United Nations Office on Drugs and Crime. Schau dort zB Mal bei http://www.unodc.org/unodc/en/data-and-analysis/statistics/data.html -> Statistics on Crime. Ich habe 3 Arten für das letzte Berichtsjahr 2012 wie im Artikel rausgesucht. Autodiebstahlsindex: 101,4 (D) vs. 457,7 (NZ); Mord usw. (homicide): 0,8 (D) vs 0,9 (NZ); Sexuelle Übergriffe: 14,4 (D) vs 34,6 (NZ).

      Rohe Zahlen miteinander zu vergleichen, ohne methodologische Anpassungen wird selten funktionieren – genau deshalb gibt es bei der UNODC Mathematiker und Statistiker, die analoge, also vergleichbare Zahlenreihen aus den Rohdaten ableiten.

      Wie Nationmaster die Zahlen weiter verdichtet (zB über mehrere Jahre mittelt) weiß ich nicht. Da musst Du mal schauen.

      Was mich übrigens am meisten an den UNODC Zahlen fasziniert – jetzt da Du nach Details frägst – sind die Einbrüche. NZ 1358,1 vs. D 467,8. Da hätte ich nun gedacht, dass D mit seiner Einbruchsepidemie wg. plündernden Banden aus dem Osten und Südosten Europas vorne liegen würde. Dagegen gibt es in D zweimal so viele gefährliche Körperverletzungen wie in NZ. Hätte ich nicht gedacht. Besoffene Kloppereien habe ich immer als etwas typisch neuseeländisches wahrgenommen. Aber vielleicht spielen da andere Sachen auch eine Rolle, zB Gewalt in Beziehungen.

  11. Pingback: 10 Dinge, die ich nie wieder über Neuseeland hören und sehen will | weltwunderer

  12. Ralfie sagt:

    „Ich denke auch nicht, dass es momentan ein brennendes Terrorismusproblem in Neuseeland gibt. Die Saat ist allerdings in mancherlei Hinsicht gesät, und wird m.E. auch in Neuseeland eines Tages aufgehen. Dazu äußere ich mich eventuell noch einmal gesondert.“

    Bitte äussere dich dazu, dass interessiert mich sehr! In Deutschen Medien gibt es ja absolut nix über Neuseeland, ausser wenn die Hobbits kommen oder was besonders grausames wie Mord oder Erdbeben passieren…..

    Stefan

    • Peter sagt:

      Hi Stefan

      Werde ich, „in the fullness of time“ … Im Grunde gibt es momentan zwei Quellen, die indigene – such mal im NZ Herald nach den Urewera Four, und die exogene, die sich ähnlich zu entwickeln schein wie beim Big Bro Australien.

      Danke für Dein Interesse,
      Peter

  13. Werner sagt:

    eine Frage: wo ist es schlimmer papakura manukau oder kreuzberg neukölln?????

    • Peter sagt:

      Hi Werner

      Also zu Manukau bitte in die police.govt.nz Seite schauen, die ich genannt hatte, und zu den Statistiken für Berlin bei berlin.de nach Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2011 suchen. Hoffentlich sind die dort gelisteten Zahlen für Dich von Nutzen.

      Gruß,
      Peter

  14. Jenny sagt:

    Hm, mag ja alles sein – aber No-go-Zonen in Auckland, Bandenkriminalität und Vergewaltigungen (die, nehme ich an, auch in diesen No-go-Zonen stattfinden?) berühren uns deutsche Touristen nicht. Kriegen wir nicht mit, sind für uns nicht relevant. Was uns halt im Vergleich zu Mexiko oder Thailand positiv auffällt, ist die geringe Zahl an Taschendiebstählen, Raubüberfällen, Abzock-Versuchen, Hotelzimmereinbrüchen und so. Es wirkt nicht, als wollten Neuseelands Kriminelle uns Touristen an den Kragen, und DAS finden wir gut 😉 Wie sieht die Statistik denn da aus, und vor allem: Wie ist das persönliche Sicherheitsempfinden bei euch?

    • Peter sagt:

      Hi Jenz

      Das Thema der touristisch relevanten Kriminalität habe ich (vorerst) bewusst ausgeklammert, weil mir (noch) kein gesondertes Zahlenwerk dazu bekannt ist, und der Rest sind so die Geschichten aus der Zeitung über ausgeraubte Touristen, oder der traurige Fall in Turangi vor einigen Monaten, wo ein kleines belgisches Mädchen vergewaltigt wurde, mehr oder weniger aus dem Touri-Campervan heraus – hat riesige Schlagzeilen gemacht. Aber das sind einzelne Geschichten, die es überall gibt.

      Es gibt keine „Beach Boys“, keine Bettler, keine Anpöbler, die einen in eine Bar reinziehen wollen. Das stimmt. Und Touristen kommen kaum in Kontakt mit den „sozialen Brennpunkten“ in den Städten, oder den Kleinstädten, die von Banden kontrolliert werden. Wenn es an diesen Orten eine florierende Tourismusindustrie gäbe, dann würden wohl auch ein paar Gründe entfallen kriminell zu werden, weil es dann auch die typischen low-skilled Jobs gäbe.

      Persönlich ist das Sicherheitsempfinden – habe ich auch geschrieben – in ein wenig schlimmer als in Deutschland, aber der Unterschied ist eher marginal. Man muss halt schauen, z.B nach Glassplittern auf Parkplätzen, nach der Vergitterungssituation der Läden und Häuser, oder ganz banal nach Zusammenrottungen von Leuten, die wie Gangster aussehen :-)

      Ich würde niemandem abraten NZ wegen der Kriminalität zu besuchen, oder nach NZ einzuwandern. Aber – wie gesagt – es gibt Kriminalität, und sie ist zumindest statistisch eher größer als in D.

      Grüß mir Asien,
      Peter

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