Guests@NZ2Go: Oliver Hartwich – warum eine Holzhütte in Auckland wertvoller ist …

… als ein Penthausneubau in Deutschland.

Denkfabriken sind in Neuseeland eher dünn gesät und spielen in der öffentlichen Wahrnehmung bislang keine prominente Rolle.

Der Wellingtoner Think Tank The New Zealand Initiative liefert seit einiger Zeit allerdings medialen Gesprächsstoff, vor allem im Zusammenhang mit dem allgegenwärtigen neuseeländischen Immobilienmarkt. Sein Direktor, Dr. Oliver Hartwich, seines Zeichens auch einflussreicher Europa-Kolumnist und Vordenker beim australischen Business Spectator, muss also etwas richtig gemacht haben.

Da er zusätzlich noch einen ‚deutschen Migrationshintergrund‘ vorweisen kann, haben wir Oliver um ein Interview gebeten, im sicheren Gefühl, dass er uns Interessantes mitzuteilen hat. Wir sollten Recht behalten …

***

NZ2Go: Oliver, Deine Karriere hat Dich bisher von Deutschland nach Großbritannien, Australien und Neuseeland geführt. Woher die Anglophilie? Cherchez la femme, familiäre Vorbelastung?

La femme. Ich habe als Teenager eine Brieffreundschaft mit einer in Malaysia geborenen und nach Australien ausgewanderten Chinesin begonnen, die heute übrigens meine Frau ist. Das lief acht Jahre so, bis ich meine Brieffreundin in Adelaide besuchte und wir beschlossen miteinander leben zu wollen. Das war visa-technisch in den Ländern des alten britischen Empire am einfachsten.

NZ2Go: Ein Werk der Liebe also. Und wie kamst Du zu Deinem jetzigen Posten als Direktor eines Think Tanks in Wellington bzw. zu Deiner Expertise im Bereich Immobilien?

The New Zealand Initiative ging aus der Fusion zweier älterer Think Tanks hervor, des New Zealand Institute und des Business Round Table, der nach dem Ableben von Roger Kerr verwaist war. Für die neue Institution wurde am freien Markt ein Chef gesucht. Ein Headhunter kontaktierte mich und ab Mai 2012 leite ich nun The New Zealand Intitiative. Ich arbeite derzeit mit fünf Analysten und drei Support Staff.

Die Beschäftigung mit Immobilien und deren Preisfindung und Erschwinglichkeit geht auf meine britische Zeit beim Think Tank „Policy Exchange“ zurück. Dort wurde nachgedacht warum in Deutschland und der Schweiz die Immobilienpreise relativ stabil und für die Volkswirtschaften nebensächlich sind, während in Großbritannien, Irland und Australien der Immobilienmarkt wirtschaftlich hochbedeutend ist und sich eine Kultur der Immobilienspekulation breit gemacht hat.

NZ2Go: Mit welchem Ergebnis?

Wir sind der Auffassung – und das gilt auch für den neuseeländischen Immobilienmarkt – dass zu wenig Bauaktivität und damit ein Unterangebot an gutem Wohnraum ein Schlüsselfaktor ist. Strukturelle Probleme in der Verwaltung angelsächsischer Kommunen sind wiederum für den langsamen Wohnbau verantwortlich. Sie haben beispielsweise in Neuseeland kaum die Möglichkeit aus Bauaktivität Wert zu schöpfen, weil die „rates“ [Anm.: kommunale Grundsteuern] viel zu gering sind, um einen echten finanziellen Entscheidungsfaktor darzustellen. Steuern werden vor allem von der Zentralregierung eingezogen und dann in Großbritannien an die Kommunen verteilt, oftmals nicht einmal an der Bevölkerungszahl der Gemeinden orientiert. Bauliche Erschließung bedeutet für die Kommunen deshalb erst einmal Schwierigkeiten, zum Beispiel von Seiten schon vorhandener Einwohner, die nach NIMBY-Prinzip – Not in my back yard – keine Großbaustellen vor ihrer Haustür wünschen, oder einfach ihr semi-ländliches Idyll erhalten wollen. In Deutschland sind die Geldflüsse anders geregelt, was dazu führt, dass im Wesentlichen immer genug gebaut wird.

NZ2Go: Was und wer könnte in Neuseeland Abhilfe schaffen?

Kommunen müssen ein vitales Interesse an ihrem eigenen Ausbau haben, sonst wird es immer zu wenig gute Häuser und Wohnungen und damit unrealistisch hohe Preise geben. Wir haben der neuseeländischen Regierung vorgeschlagen den Kommunen einen Teil der GST [Anm.: Goods and Services Tax = Mehrwertsteuer] an Neubauten zu überlassen.

NZ2Go: Und hört jemand zu?

Durchaus. Der Premierminister, John Key, hat sich mit unseren Argumenten auseinandergesetzt und taucht regelmäßig bei Veranstaltungen von The New Zealand Initiative auf. Zu Finanzminister Bill English habe ich inzwischen eine sehr solide Arbeitsbeziehung aufbauen können. Er ist an unseren Analysen sehr interessiert, wie auch der Dachverband der neuseeländischen Städte und Gemeinden, die LGNZ. Man wird sehen, ob unsere Vorschläge Eingang in zukünftige Politiken finden werden. Für Neuseeland wäre das zu hoffen.

NZ2Go: Wirklich? Es gibt viele Kiwis, die sich mit dem Kauf und Verkauf von Häusern goldene Nasen verdient haben. Ist es politisch nicht fast unmöglich diese Klientel aus ihrem fast paradiesischen Geschäftsmodell zu werfen?

Was für einige Privatpersonen vielleicht gut ist, ist für die Nation insgesamt schlecht. Zu viel Investitionen fließen in den Immobilienmarkt und erodieren gleichzeitig den neuseeländischen Mittelschichtstraum vom eigenen Dach überm Kopf, zu wenig Geld geht in die Etablierung neuer Industrien und anderer zukunftsfähiger Projekte. Das begreifen auch die derzeit relevanten neuseeländischen Politiker. Ihre Kunst wird es sein die verschiedenen Strömungen in Balance zu halten. Ganz normales Politikgeschäft.

NZ2Go: Um weiter Teufels Advokat zu spielen, könnte man auch behaupten, dass die angebotsseitige Theorie nicht funktioniert, denn in den Jahren 2007-09 fielen die Immobilienpreise in Neuseeland, weil die Banken wegen der Schockwirkung der Subprime-Krise in den USA weniger großzügig in der Vergabe von Hypothekenkrediten waren. Im Umkehrschluss läuft das neuseeländische Immobilienpreiswunder seit 2009 wieder auf vollen Touren, seit die großen Zentralbanken die Welt mit gedrucktem Billiggeld fluten.

Ich streite nicht ab, dass die Politik des billigen Geldes eine sehr wichtige Rolle spielt.

Trotzdem: wenn es für die Gemeinden lukrativer wäre, neuen Wohnraum zu schaffen, dann würde das der durch die Zentralbanken verursachten Blasenbildung entgegenwirken und wenigsten die schlimmsten Auswüchse glätten.

NZ2Go: Das überzeugt. Wenn Du also heute 500,000 Euro zur Verfügung hättest, würdest Du dann lieber eine neue Penthauswohnung in Deutschland oder eine Holzhütte in Auckland kaufen?

Rein wirtschaftlich gesehen ist die Holzhütte meiner Meinung die bessere Investition.

Ich bin was die Zukunft Europas betrifft – leider – pessimistisch gestimmt. Man muss nur durch deutsche Innenstädte gehen um zu sehen, dass die Bevölkerung altert und die Infrastruktur langsam aber sicher verkommt. Politisch stimmige Konzepte, um den langsamen Abstieg aufzuhalten gibt es nicht – und sogar wenn es sie gäbe, ist es meiner Meinung fast schon zu spät. Und die derzeitigen Pläne der deutschen Bundesregierung zur Rentenausweitung und anderen Umverteilungsmaßnahmen sind erschreckend und werden sich kontraproduktiv auswirken.

NZ2Go: Leider muss ich dem zustimmen. Bei Reisen in Frankreich und Italien ist mir aufgefallen, dass dort kein Umdenken im Zug der europäischen Währungs- und Schuldenkrise stattgefunden hat. Im Gegenteil, das Modell Dauerstaatsdefizite zu fahren und irgendwann durch zum Beispiel Geldentwertung hinterrücks doch Quasi-Besteuerung durchzusetzen wird jetzt eher nach Deutschland exportiert, als dass sich deutsches Stabilitätsdenken in Südeuropa durchsetzt. Übrigens, die Holzhütte in Auckland … warum sind das überhaupt Holzhütten? Wäre es nicht eine ausgezeichnete Geschäftsidee für deutsche Bauträger in Neuseeland hochwertige Häuser an den Mann zu bringen?

Dazu müsste man wissen, ob die Baumaterialien überhaupt in Australien oder Neuseeland verfügbar sind oder produziert werden können. Wenn nicht, wären die Transportkosten aus Deutschland ein Problem.

Grundsätzlich ist es so, dass die Immobilienpreise in Neuseeland für Normalbürger inzwischen so hoch sind, dass es Priorität ist überhaupt etwas kaufen zu können. Die Qualität ist dabei fast egal und wird wahrscheinlich eher noch sinken um Kosten zu sparen. Es sei denn, man setzt politische Reformen durch.

NZ2Go: Das ist in der westlichen Welt fast ein Ding der Unmöglichkeit. Die sogenannte Schuldenkrise wurde durch noch mehr neue Schulden zugeschüttet. Egal was passiert, es wird einfach Trick 17 wiederholt: billiges Geld und noch mehr billiges Geld. Die Regierung Merkel in Deutschland, ein Mahnmal der Stagnation und Rückwärtsgewandtheit, ist alles andere als ein Alternativmodell. Und überhaupt fällt der „Westen“ nicht mehr durch mutige Visionen auf, sondern weitflächig durch Realitätsverweigerung und Ideenlosigkeit. Ist fantasieloser Stumpfsinn das generelle politische Paradigma des Westens im frühen 21. Jahrhundert? Und ist die neuseeländische Regierung plus deren Opposition nicht auch Teil dieses erstarrten Systems?

Die Politik der derzeitigen neuseeländischen Regierung ist nicht effekthascherisch, das stimmt. Trotzdem hat sie in aller Stille einige wichtige Weichen gestellt, zum Beispiel im öffentlichen Wohnungsbau und der Sozialversicherung. Die Labour-Opposition dagegen finde ich weniger inspirierend. 60 Dollar pro Baby per Gießkanne unters Volk zu bringen ist nicht sonderlich kreativ und bringt nichts.

Insgesamt bewerte ich die neuseeländische Politiklandschaft als nicht so unbeweglich wie Du. Neuseeland ist im Vergleich zu anderen Ländern des Westens sicher überdurchschnittlich gut positioniert. Es hat kaum Staatsschulden, verfügt über eine gesündere Demografie, liegt in einer aufstrebenden Weltregion und seine Terms of Trade [Anm.: Verhältnis von Import- zu Exportpreisen] sind ganz ordentlich. Die sicher vorhandenen Probleme werden zumindest ansatzweise adressiert.

Deutschland dagegen scheint keine Antwort auf die Herausforderungen der Überschuldung und Überalterung zu haben. Wohlgemerkt, auch Deutschland, das gerne als gesunde Ökonomie bezeichnet wird ist mittlerweile jenseits der Schuldentragfähigkeit angelangt.

Die globale Politik des billigen Geldes hat, wie gesagt, auch negative Auswirkungen auf Neuseeland. Würde diese Politik eingestellt, wären gravierende Verwerfungen an den Finanzmärkten, die im Moment auch Neuseeland befeuern, nicht zu vermeiden. Wird die ultralockere Geldpolitik beibehalten bzw. immer wieder und immer radikaler angewandt ist irgendwann eine wirtschaftliche und finanzielle Krise immensen Ausmaßes unvermeidbar. Wann das genau sein wird steht in den Sternen. Die Mißwirtschaften in der DDR und der UdSSR haben auch über Jahrzehnte gehalten.

NZ2Go: Trotzdem zeigen uns die Statistiken von Immigration New Zealand, dass die Zahl von Einwanderungsanträgen aus Deutschland momentan so gering ist wie schon lange nicht mehr. Grund ist der derzeitige Wirtschaftsboom in Deutschland. Hat Deutschland nicht genug Substanz, um sich der strategischen Abwärtsbewegung des Westens zu entziehen? Und scheitert Neuseeland nicht darin sich aus der Abhängigkeit von der Immobilienwirtschaft, Milchpulverexporten und Tourismus zu lösen? Ein „Kiwi Silicon Valley“ ist nicht einmal am Horizont erkennbar.

Was für ein Boom in Deutschland eigentlich? Das Wirtschaftswachstum ist mickrig im globalen Vergleich. Die Überschuldung wächst. Die Eurokrise bleibt ungelöst.

Bei Milch und Tourismus hat Neuseeland einen Wettbewerbsvorteil. Es ist klug, den zu nutzen. Eine High Tech Industrie kann man nicht mittels alter Industriepolitik aus dem Boden stampfen. An sich stimmen die Rahmenbedingungen und es könnte in Zukunft klappen. Vorher müsste aber das Problem der hohen Immobilienpreise gelöst werden. Junge Firmengründer kann man nicht in einem Land halten in dem elementare Wohnbedürfnisse kaum noch bezahlbar sind. Das macht einfach keinen Spaß.

NZ2Go: Ok. Aber zumindest Massenarbeitslosigkeit grassiert momentan in Deutschland nicht. Hans-Werner Sinn meinte unlängst, dass die Deutschen reich an Arbeit und die meisten anderen Europäer reich an Vermögen wären. Niedrige Arbeitslosigkeit bringt nicht viel, wenn sie letzlich nicht zu nachhaltigem Wohlstand führt.

Es gibt einiges, das für Deutschland spricht. Mittelstand, breite industrielle Basis. Nichtsdestotrotz bin ich der Auffassung, dass die Zukunft weder Europa noch Deutschland gehört.

NZ2Go: Wir haben in den letzten 60 Minuten viele interessante Themen diskutiert. Gibt es noch etwas, das Du den Lesern von NZ2Go auf den Weg mitgeben möchtest?

Apropos Tourismus. Da sind Neuseeland und Australien leider Opfer der eigenen Kampagnen geworden, hier „100% Pure New Zealand“ Hobbit-Infantilismus, dort „Where the bloody hell are you?“. In Deutschland entstand so der Eindruck, dass unsere Region nur der Bespaßung dient und kein ernsthaftes Potential für wirtschaftliche Entwicklung und geschäftlichen Erfolg hat. Das ist tragisch falsch. Es wäre schön, wenn man unsere Länder in Deutschland angemessener bewerten würde.

NZ2Go: Nichts weniger als das, also eine realistische Darstellung Neuseelands in der deutschen online-Sphäre zu etablieren, versucht unser Blog zu leisten. Danke für die Ermunterung!

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Wie immer, herzlichen Dank an Oliver Hartwich für dieses facettenreiche Gespräch. Es hat viel Freude bereitet.

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2 Antworten auf Guests@NZ2Go: Oliver Hartwich – warum eine Holzhütte in Auckland wertvoller ist …

  1. Patrick sagt:

    Sind wir ehrlich, Neuseeland hat ja nichts ausser Milch und tourismus! Und selbst Mallorca, was viel kleiner ist als Neuseeland zieht pro Jahr mehr Touristen an als Neuseeland! Es wandern immernoch viele Kiwis nach Australien ab, oder gleich nach USA oder Dubai oder UK.
    Deutschland hat auf längere Sicht keien Zukunft, ja aber Neuseeland auch nicht! Im Jahr 1998 hatte das Land noch 3,5 Mio Einwohner, im Jahr 2013 sind es knapp 4,2 Mio Einwohner!Das Wachstum der Bevölkerung ist zu gering! Und es gibt auch anderen Staaten die ihre Agrarprodukte nach Asien exportieren werden, Kanada oder Brasilien fangen zum Beispiel erst damit an! An Rohstoffen wie Öl, Gas, Seltene Erden hat Neuseeland sehr wenig und auch die Industrie ist kaum vorhanden, nimmt man mal Boots bauen aussen vor! Silicon Kiwi braucht keiner, weil Singapur und Tokyo und Seoul in der Nähe sind und auch die Aussies haben in Sydney da mehr zu bieten was IT angeht als Neuseeland!

    Neuseeland wird noch vieleö Jahre von seinen Agraexporten und seinen Touris, die doch recht viel geld dort lassen profitieren, aber im Jahr 2050 wird Neuseeland nicht besser darstehen als Deutschland, ausser das Land erfindet sich völlig neu!

    • Peter sagt:

      Hi Patrick

      Interessanter Kommentar. „… außer das Land erfindet sich völlig neu …“. Vielleicht passiert genau das, wenn zum Beispiel die Asiaten die Bevölkerungsmehrheit zumindest in den urbanen Zentren stellen. Vielleicht passiert auch das Gegenteil, weil Inder und Chinesen sich nicht einigen können wer zukünftig den gesellschaftlichen Ton angeben wird. Oder vielleicht legt ein Erdbeben Wellington bald in Schutt und Asche und die Sache erledigt sich halbwegs von selbst. Ich wollte ich könnte es voraussagen, dann wäre zumindest meine eigene Zukunft gesichert :-)

      Im Moment – da gebe ich Dir Recht – ist überbordender Optimismus was NZ angeht fehl am Platz. Allerdings sehe ich für Deutschland auch keine blühenden Landschaften voraus. Mich stimmen in D vor allem der Abbau von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus unter der Ägide von Merkel sehr nachdenklich. Dazu bald ein „Opinion“ Artikel, auf den Du sicher was zu antworten weißt :)

      Salut,
      Peter

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