Opinion: Neuseeland und die globale Finanzkrise 2007 – 20xx

Lesedauer: 8 Minuten

The Great Financial Crisis

Neuseeland hat, wie Deutschland, die Große Krise (in Neuseeland und Australien GFC = „global financial crisis“ genannt) in mehreren Phasen erlebt, die allerdings in den beiden Ländern nicht synchron verliefen.

2007 und 2008 hat Deutschland erst mal die Existenz einer globalen Krise negiert. „Subprime mortages“ also Hypotheken, die an eigentlich nicht kreditwürdige Schuldner vergeben wurden, um damit Häuser zu kaufen, die ‚garantiert‘ im Wert steigen würden (mit diesen Wertsteigerungen wären dann die Kredite leicht zu bedienen bzw. um zu schulden), waren ein Problem in den USA und vielleicht noch Großbritannien und ging uns Deutsche nichts an. Schließlich hatten ‚wir‘ vernünftig gewirtschaftet, es gab keine Blase am Immobilienmarkt. Sollen die USA sich doch um ihre Probleme kümmern und uns nicht behelligen.

Doch dann gab es ein Problem. Das Geld, mit dem die Schuldner ausgestattet worden waren, kam ja gar nicht aus den USA. Die USA haben eine miserable Sparquote, und geben ihr Geld lieber sofort wieder aus, oder … nehmen Kredite im Ausland auf, um ihren Konsum zu finanzieren. Das Geld kam, ergo, von anderswo und zu einem ganz gehörigen Anteil aus Deutschland. Natürlich nicht einfach so: ich gehe zur Stadtsparkasse und bitte den Schalterbeamten darum, meinen Spargroschen in Immobilienkredite in Detroit zu investieren. Das wäre zu einfach, und es wäre auch jedem sofort klar, dass das Ganze mit Risiken behaftet ist. Also wurden Zwischenhändler eingebaut: eine Subprime Mortgage will ohne Fassade niemand haben, denn es stehen dem verliehenen Geld keine Sicherheiten gegenüber, sondern  nur die Annahme, dass die Immobilienpreise weiter steigen werden. Also „securitized“ man Subprime Mortgages, d.h. man vermischt sie mit Schulden oder Anleihen guter Bonität (grob gesprochen). Wenn das Mischungsverhältnis stimmt, dann ist die durchschnittliche Gesamtbonität auch wieder ziemlich gut, und das Risiko der Subprime Mortgages hat sich scheinbar in Luft aufgelöst (keine der großen Rating Agenturen, Fitch, Moodys und S&P bemängelte damals diese Logik). CDOs (Collateralized Debt Obligations) und MBSs (Mortgage-Backed Securities) sind Formen dieser Paketierung, deren verheerende Spätwirkungen am Anfang der Krise viel diskutiert wurde. Ein Nebeneffekt der „securitization“ ist, dass anders als im klassischen Verhältnis von Bank (Hypothekengeber) und Schuldner (Hypothekennehmer) die Verbindung zwischen Kreditnehmer und -geber verloren geht, weil CDOs und MBSs frei gehandelt werden können. Das ist alles ziemlich verwickelt und irgendwo auch ein wenig langweilig, doch das Resultat war eine finanzielle Nahrungskette, die bis in deutsche Banken reichte, da diese am Hauspreisboom in den USA teil haben wollten, und deshalb zum Teil kräftig CDOs und MBSs eingekauft hatten. Am schlimmsten betroffen waren die staatlichen Landesbanken, und die Hypo RealEstate, die bekanntlich alle vom deutschen Steuerzahler vor dem Ruin gerettet wurden.

Neuseeländische Sonderrolle

Neuseeland war mit diesem Auswuchs finanzieller Innovation zunächst nicht konfrontiert, weil die australischen Großbanken (die den Kapitalmarkt Neuseelands kontrollieren) kaum in den USA mitspekuliert hatten. Allerdings sind die ‚Märkte‘ psychologischen Herdenphänomenen unterworfen, und als 2007 und 2008 die Banken sich gegenseitig nicht mehr über den Weg trauten, weil sie nicht wussten, ob die andere Bank nicht schon morgen pleite wäre, und sich deshalb untereinander keine Kredite mehr bewilligten, kamen auch Downunder die Geldflüsse ins Stocken. Außerdem verkehrte sich die Risikofreude der Anleger in eine übertriebene Risikomeidung. Neuseeländische Dollar, bis dahin ein Lieblingsspielzeug der Carry-Traders – also Spekulanten, die in einem Niedrigzinsland (z.B. Japan) einen Kredit aufnehmen und in einem Hochzinsland (z.B. Australien, Neuseeland) anlegen – sahen plötzlich zu riskant aus, und im übrigen kam man nicht mehr so leicht an Kredite. Innerhalb von Monaten sackte der NZ-Dollar auf historische Niedrigstände gegenüber Euro und Dollar, weil er nicht mehr durch Carry Trades künstlich hoch spekuliert wurde. Importe verteuerten sich dadurch und verschlechterten die ohnehin seit Menschengedenken anämische Handelsbilanz der Kiwis. Es wurde weniger konsumiert, dadurch gingen Arbeitsplätze verloren, dadurch wurde noch weniger konsumiert usw.

Im Zuge der Großen Krise flogen der neuseeländischen Regierung auch ein paar Investment- und Immobiliengesellschaften um die Ohren, am bekanntesten war das „South Canterbury Finance“ (SCF) Desaster. Ende August 2010 überwies die neuseeländische Regierung knapp 2 Mrd NZD an SCF um Investitionsausfälle zu verhindern. In anderen Worten: bail-out! Dieser Schritt war – wie analoge Bail-outs in Deutschland – umstritten und unpopulär, unter anderem, weil der Bail-out eine der reichsten Familien Neuseelands vor signifikanten finanziellen Verlusten bewahrte. Wie in Deutschland änderten die öffentlichen Beschwerden natürlich nichts.

Intakte Immobilienblase und zweifelhafte Kreditwürdigkeit

Es ging außerdem die Angst um, dass die hausgemachte Blase am Immobilienmarkt (siehe: Factsheet: Wohnen, Häuser) bald platzen würde, und dass es einen Sturm auf die Banken geben würde, die schließlich auf haufenweise fauler Immobilienkredite sitzen würden. Also schritt die Regierung nach bekanntem Muster ein. Guthaben auf Banken wurden garantiert, Kiwis die zum ersten Mal ein Haus zur Selbstnutzung kaufen wollten, bekamen einen (mageren) Zuschuss (www.hnzc.co.nz), und es wurden trotz des miesen Arbeitsmarktes mehr Migranten ins Land gelassen, um die Hauspreisblase zumindest nicht kollabieren zu lassen. Dito in Australien, wo die Regierung den Leuten Cheques schickte, um einkaufen zu gehen, und Erstkäufern von Immobilien mit Zehntausenden Dollar unter die Arme griff. Seit 2009 beruhigte sich die Lage wieder. Australien versank sogar in einem regelrechten Boom, um den von staatlichen chinesischen Konjukturprogrammen angeheizten Rohstoffbedarf Chinas zu stillen. Neuseeland profitiert vom chinesischen Boom auch ein wenig, zum Beispiel durch gestiegene Lebensmittelpreise (Fonterra ist der größte Fabrikant von Molkereiprodukten in der Welt), und fährt im Windschatten des großen australischen Bruders mit. Trotzdem: im Gegensatz zu Australien ist der neuseeländische Arbeitsmarkt noch immer klamm, die Hauspreise explodieren nicht wie gewünscht weiter, sondern sind außerhalb Aucklands gesunken und in Auckland stabil, und … plötzlich hat man erkannt, dass man, was Schuldenquoten angeht, nicht besser dasteht als Griechenland, Irland und Portugal. Standard & Poor haben Ende 2010 wissen lassen, dass, falls keine Maßnahmen ergriffen werden, um die Verschuldung unter Kontrolle zu bringen, die Kreditwürdigkeit Neuseelands herab gestuft werden wird.

Am 01.02.2011 verkündete der Vorsitzende der von der neuseeländischen Regierung eingesetzten Arbeitsgruppe zur Untersuchung der geringen Sparquote in Neuseeland („Savings Working Group“), Kerry McDonald (www.nzherald.co.nz/business/news/article.cfm?c_id=3&objectid=10703400, www.listener.co.nz/issue/3688/features/16777/edge_of_a_crumbling_cliff.html):

“ …  If New Zealand fails to act credibly and effectively it increases the risk that many of the required adjustments will be imposed by market forces, probably in an abrupt and damaging way …“, und

“ … The last decade was absolutely unsustainable it was a pattern of behaviour and economic activity that simply couldn’t be sustained and New Zealand isn’t the only economy that has suffered from that. …“

Mit anderen Worten: wenn Neuseeland es nicht schafft, vom Schuldentropf zu kommen, dann werden irgendwann – wie in Griechenland – die Märkte dafür sorgen, dass Neuseeland keine günstigen Kredite mehr bekommt und Neuseeland damit in eine schwerwiegende Wirtschaftskrise schliddert. Seither tobt die öffentliche Debatte, wie dem neuseeländischen Schuldendilemma bei zu kommen sei. Der neuseeländische Premierminister John Key, vorher ein millionenschwerer Banker aus dem Hause Merrill Lynch (jetzt Bank of America), will zumindest die staatlichen Schulden durch einen Verkauf staatlicher Anteile an Firmen und Infrastruktur (SOE = „state owned enterprises“) senken. Wie er der Sparfaulheit der Kiwis bei zu kommen gedenkt, hat er noch nicht durch scheinen lassen, denn am 26.11.2011 steht die nächste Parlamentswahl an, und bis dahin wird kaum mit Maßnahmen zu rechnen sein, die irgendwem weh tun. Insgesamt herrscht eine Kopf-im-Sand Situation. Keiner will wirklich wahr haben, dass sich etwas ändern muss. Also wartet man bis die Karre vor die Wand gefahren ist, und erfreut sich der Galgenfrist. Nebenbei profitiert Neuseeland neuerdings auch noch von der Chaosveranstaltung names ‚Euro': seit die EZB auf das massive Drucken von Geld setzt, um die Zinsen spanischer und italienischer Staatsanleihen nach unten zu manipulieren, ist klar, dass auch im Euroraum die Stabilität des Geldwerts einen niederen Stellenwert hat, und so ist – man fange nicht an zu lachen – nun der Kiwidollarraum, unser kleines Neuseeland mit seinen 4 Millionen Einwohnern, von denen die Hälfte nie da ist, zu so etwas wie einem Fluchtraum internationaler Anleger geworden. Man sieht es am Höhenflug des NZD und auch daran, dass sich die neuseeländische Regierung kaum vor Abnehmern ihrer Schuldscheine retten kann.

Status Quo & Perspektiven

Wo befindet sich Neuseeland also am Ende dieser Rede im Krisenzyklus? Solange die Arbeitslosigkeit hoch ist, und die Hauspreise keine neue Blase ausbilden, ist man wohl noch in einer gefühlten Krise. Die Menschen bleiben verunsichert und konsumieren nicht auf Pump wie sonst. Da auch der Aktienmarkt nicht wie in den USA aufgrund der Gelddruckerei der Federal Reserve eine neue Blase bildet (auf Basis derer sich die Menschen reich fühlen, und auf Einkaufstour gehen können) fehlt auch hier der Konsumansporn. Schizophrenerweise wird darüber von allerlei Volkswirten gemeckert, implizit also gewünscht, es möge so weiter gehen, wie vor der Krise. Allerdings setzt im Moment auch so etwas wie „crisis fatigue“, Krisenmüdigkeit, ein. Man kann das Krisengerede nicht mehr hören, und verdrängt die Sache soweit es geht. Die neuseeländischen Banken haben zudem wieder angefangen beim Hauskäuferplebs aggressiv Schulden zu bewerben. Noch sind die Kiwis in ihrer neuseeländischen Bauernschläune nicht wirklich darauf eingegangen, wenn sie aber eines Tages doch wieder verstärkt zugreifen sollten, dann wird die neuseeländische Wirtschaft noch mehr in Schulden versinken als sie es sowieso schon ist, und der Urknall am Ende der Blase wir umso lauter durchs Universum hallen.

Wie soll das alles weiter gehen? Ich denke, dass die gesamte Welt sich in einer wirtschaftlich wesentlich volatileren Situation befindet, als es die meisten Zeitgenossen wahr haben wollen. China treibt Preise, die US Federal Reserve und inzwischen leider auch die EZB drucken Geld, das in allerlei Märkten wieder auftaucht, nicht zuletzt in Aktien- und Rohstoffbörsen, und dort schon wieder Blasen bildet (www.cnbc.com/id/41459941: „We think Mr. Bernanke is as determined as ever to create a ‚wealth effect‘ by blowing up a stock market bubble,“ Trim Tabs research analysts wrote in their weekly market commentary.), oder wegen der Mickerzinsen für Anleihen in riskante Kreditvergabegeschäfte drängt (www.cnbc.com/id/41459106). Die Banken wurden nicht wirklich reformiert, und benehmen sich was Risikofreude betrifft (sie werden ja sowieso vom Steuerzahler gerettet, wenn etwas schief geht) wie vor 2007. Die EU schiebt Schulden von A nach B und wieder zurück, und denkt sich immer neue Tricks aus, um zu verschleiern, dass letztlich Kleinsparer durch Minizinsen und Inflation gepfändet werden, um Schuldenmeistern wie Griechenland aus der Klemme zu helfen.

Ich denke deshalb, dass Neuseeland früher oder später einen wirtschaftlichen Zusammenbruch a la Griechenland, Irland, eventuell Italien erleben wird (und es gibt keine EU, die Neuseeland heraus pauken wird, nur den IWF) – ich weiß aber nicht, ob das in 6 Monaten, oder 6 Jahren der Fall sein wird. Ich hoffe natürlich auf das Gegenteil, dass sich Politiker und Wirtschaftsführer verantwortungsbewusst zeigen und die Gunst der Stunde (wenn sich alle Welt mit den Euro-Pleitiers beschäftigt) nutzt, um Neuseelands Schuldenberge abzutragen, und die Kapitalflüsse nicht mehr in unproduktive Hausspekulation versickern zu lassen, sondern dem Aufbau einer Wirtschaft jenseits von Kühen, Schafen und Touristen zu Gute kommen zu lassen. Wie ich meine Kiwis kenne, wird es so nicht kommen. Dazu sind sie zu bequem, wollen lieber einen guten Tag genießen solange es noch geht, statt sich den Kopf zu zerbrechen, oder gar den Ehrgeiz zu entwickeln sowas wie das „clever country“ Nokia-Finnland des Pazifik zu werden. Und um diesen besseren ‚Lebensstandard‘, also ein weniger an Konkurrenzdenken, Druck effizient zu arbeiten etc. zu leben kommen ja tatsächlich viele Westler nach NZ – kann man sich hinterher kaum beschweren.

Taktisch treibt die Systemkrise in den USA und Europa natürlich auch neuseeländischen Vordenkern die Sorgenfalten ins Gesicht. Bisher hat für Neuseeland alles mehr oder weniger gehalten, es waren keine schwerzhaften Anpassungen nötig. Weiter so, war das Motto. Wenn die Welt eine neue Runde des GFC einläutet, so der Gedankengang, wird NZ wohl nicht mehr so glimpflich davon kommen.

Die Wurzel allen Übels

Zum Abschluss noch ein paar allgemeine Worte der Weisheit, abseits von Kiwiland. Meiner Meinung begann die Große Weltfinanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2001, genau gesagt am 11.09.2001, oder sogar schon am 23.09.1998, dem Tag des Zusammenbruchs des Hedgefonds LTCM (siehe Wikipedia). Im Fall LTCM kam es zu einem ersten Bail-out dieser großen Finanzinstitution durch andere Marktteilnehmer, unter anderem, Goldman Sachs, als sich LTCM mit hoch riskanten und auf Krediten basierenden Geschäften („leverage“) in den Bankrott spekulierte. Manche Kenner der Szene sehen diesen Vorgang heute als einen ersten Sündenfall. Hätte man LTCM pleite gehen lassen, wären andere Finanzakrobaten (siehe oben) wahrscheinlich vorsichtiger geworden. Der 11. September erschütterte die Kurse an der Wall Street soweit, dass das Gespann Bush – Greenspan es für nötig erachtete, durch ultralockere Geldpolitik den Terroristen die Genugtuung zu rauben, das amerikanische Wirtschaftssystem nachhaltig geschädigt zu haben. Folge waren aufgeblähte Kreditvergaben, Hauspreisblase, Subprime Mortgages, den Rest kennen wir (übrigens rühmt sich al-Qaida heute, die Große Krise ausgelöst zu haben, und zum Teil stimmt es auch). Krisenauslösend in diesem Geschehen waren eigentlich immer kurzsichtige Interventionen von Regierungen und Notenbanken. Die eigentliche Krise war eine „governance“ Krise, und fand in den Jahren 2001 – 2007 statt, als es zu extremen Fehlallokationen von Kapital kam. Die Marktkorrektur, die 2007 einsetzte, wird nun wiederum durch massive regierungsamtliche Eingriffe behindert. Durch skrupellose Ausweitung der Geldmenge („Qantitative Easing“) versuchen die USA und die EU, ihre Schuldenberge weg zu inflationieren und riskieren dadurch weltweite Inflation und neue Verwerfungen auf den internationalen Märkten. Ob in Deutschland oder Neuseeland, es ist unwahrscheinlich, dass das alles gut geht, zumal für nicht-Banker, die nicht ständig gerettet werden.

Hoffen wir trotzdem aufs Beste, und für die Pessimisten (nein, nein, ich bin keiner!) unter uns bleibt immer noch die Möglichkeit, schnell vor dem Weltwirtschaftskollaps nach Neuseeland zu ziehen, sich eine kleine Farm zu kaufen, dadurch selbstversorgend zu werden und gelassen dem Endspiel des globalen Finanzkapitalismus von der Seitenlinie zu zu sehen :-) Uns allen Viel Glück, wir können es brauchen.

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