Taonga: “An Indescribable Beauty”

Lesedauer: 4 Minuten

Neulich hörte ich im Radio eine Sendung über die Zukunft des (Papier-) Buchs. Die Zukunft würde die Vergangenheit spiegeln, hieß es, und Bücher sich wieder zu den Kunstobjekten entwickeln, die sie vor ihrer Vermassenwarung einst waren. Die restliche Literatur wäre zukünftig nur noch elektronisch präsent.

Dem stimme ich im wesentlichen zu. Zentnerschwere private Bibliotheken machen in Zeiten von Tablets und e-Readern keinen Sinn mehr für Bücher, die man wahrscheinlich nur einmal in die Hand nimmt und dann ins Regal stellt. Dieser Teils des Regals kann gerne virtuell sein. Bleiben werden Bücher, die durch ihre Bedeutung einen besonderen Rang einnehmen, oder so schön sind, dass man sie gerne in die Hand nimmt und darin blättert.

Das Büchlein „An Indescribable Beauty“, herausgegeben von Mary Varnham, gehört für mich zu den Vertretern des würdigen Papierbuchs. Es gibt in englischer Übersetzung die Briefe eines von Marys entfernten Vorfahren, Herrn Friedrich August Krull wider, die dieser in den Jahren 1859 und 1862 von Wellington an seine Mutter in Mecklenburg schickte, plus einer Vielzahl von historischen Erklärungen und gut gewählten Bildern und Fotos aus Krulls Zeit.

Die Briefe bilden – leider – keine ununterbrochene Chronologie, denn der Großteil der Korrepondenz muss wohl verloren gegangen sein, aber doch höchst interessante punktuelle Einblicke in das Leben der europäisch-neuseeländischen Pioniere, in Krulls eigene Erfahrungswelt, in die Gedankenwelt eines gebildeten Gentleman und Abenteurers (Humboldt erscheint vor dem geistigen Auge) im Kontext seiner Zeit, in die ‚unbeschreibliche Schönheit‘ einer noch halbwegs intakten neuseeländischen Naturlandschaft, und – last but not least – in die scheinbar funktionierende Welt der Maori einige Jahrzehnte nach deren Kontakt mit den ersten europäischen Siedlern.

Was mich persönlich am meisten fasziniert sind die kleinen Dinge des Lebens mit denen Krull & Co. nach ihrer Ankunft im Dorf Wellington umgehen mussten: Knappheit an Wohnraum, oder hohe Preise für Dinge des täglichen Lebens, zum Beispiel. Als ich die Liste der Preise für Butter etc auf Seite 51 sah, musste ich fast schon brüllen. Krull als Protoblogger, dem es – wie mir in einem meiner Dauerbrennerartikel – unter den Nägeln brannte die unvernünftig hoch erscheinenden Preise in Neuseeland publik zu machen :-) Freilich gibt es einen großen Unterschied zwischen damals und heute in der Kausalität: leitet Krull die Preise von ungewöhnlich großzügigen Löhnen wegen einer Arbeitskraftknappheit in der jungen Kolonie ab, so sind die Löhne heute sehr niedrig, und dafür die Margen der Unternehmen umso höher. Ich wage zu bezweifeln, dass das einen Fortschritt darstellt.

Daneben genieße ich Krulls ehrfürchtige Beschreibung der ihn umgebenden Natur:

Kakariki (-papageien), die damals so etwas wie die Spatzen Neuseelands waren, überall und immer anzutreffen. Heute müssen wir uns mit tatsächlichen Spatzen, und Mynahs abfinden.

Bäume, die in ihrer urtümlichen Knorrigkeit kaum mit denen an einem anderen Ort der Welt vergleichbar sind. Zugegeben, die Abholzung und Brandrodung hat den neuseeländischen Busch dezimiert, aber das Gefühl – ‚Wow, was für Bäume‘ – flößen auch die Restbestände der neuseeländischen Wälder ein.

Muscheln erwähnt Krull als am Strand allgegenwärtig und in großer Vielfalt vorhanden – etwas, das man heute eigentlich nicht mehr antrifft. Ich frage mich, was zu dieser Veränderung geführt hat. Vielleicht einfach, dass es viel mehr Menschen gibt, die die Muscheln sofort nach deren Strandung absammeln?

Viel Platz räumt Krull seinen Begegnungen mit Maori ein, die damals nicht nur die klare Bevölkerungsmehrheit stellten, sondern – ein wenig überraschend – keineswegs materiell und sonst wie benachteiligt vor sich hin vegetierten. Maori werden ambivalent dargestellt, einerseits schlau und körperlich schön, andererseits als materialistisch, geizig und letztlich etwas unzivilisiert. Maori besaßen Ländereien, trieben großflächig Landwirtschaft (auch mit eingeführten Nutzpflanzen), besaßen Vieh und trieben Pferdezucht. Von Armut keine Spur. Man frägt sich unweigerlich, wieviel Schlechtes passiert sein muss seit diesen Tagen.

Auffällig ist in dem Buch auch der selbstverständliche Stolz der damaligen Neuseelanddeutschen auf ihre Herkunft – gleichwohl keiner der Migranten in deutsche Gängelung und relative wirtschaftliche Minderstellung zurückkehren wollte – und die anscheinend unkomplizierten Beziehungen zu den britischen Siedlern. Man beachte auch die Zeilen auf Blatt 4 des Buchs, oder die vielen Mischehen, die die Kinder Krulls eingingen. Wieviel Schlechtes auch hier passiert sein muss, seit diesen Tagen.

Nach soviel Lob, allerdings auch ein wenig Kritik.

Die Bilder sind oft einfach zu klein geraten, als dass man noch viel erkennen könnte, trotz so einigem papierweiß um die Bilder herum. Wahre Glanzlichter wie etwa das Foto der Maori vor ihrem Schlaf-Whare, Seite 36, kommen dadurch nicht genug zur Geltung.

Das Buch wurde – O-ton Awa Press – in Würdigung der neuseeländischen Ehrengastrolle an der Frankfurter Buchmesse 2012 herausgegeben. Wenn dem so ist, würde sich eine englisch-deutsche Parallelfassung geradezu aufdrängen, oder wenigstens die Bilder einiger Seiten der originalen deutschen Briefe.

Nichtsdestotrotz, das Büchlein verdient das Prädikat „Taonga“, und Liebhaber sollten sich die Lektüre nicht entgehen lassen. Das Buch kann direkt bei Awa Press bezogen werden, oder – ganz banal – bei amazon.de.

***

Übrigens ruft Mary Varnham etwaige Krull Nachfahren dazu auf mit ihr in Kontakt zu treten. Falls es Deutsche gibt, die diesen Artikel lesen und irgendetwas über ihre neuseeländischen Verwandten wissen, dann gilt dieser Aufruf mit Sicherheit auch ihnen.

Eine Antwort auf Taonga: “An Indescribable Beauty”

  1. Y sagt:

    Die Netze der Fischer fangen leider auch zuviele Muscheln, töten alles im Meer auf Dauer ab..

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