FactSheet: Pilze Sammeln in Neuseeland

Warum gibt es in Neuseeland eigentlich keine Pilze?

Vom wissenschaftlichen Standpunkt gibt es sie natürlich sehr wohl und die exotisch-blauen Entoloma Pilze (im Titelbild) sind sogar eine neuseeländische Ikone und wurden auch noch vom deutschen Forschungsreisenden Ferdinand Hochstetter im 19. Jahrhundert zum ersten Mal beschrieben.

Nur … trotz des meist regnerischen und feuchten ozeanischen Klimas, das bekanntlich in vielen neuseeländischen Häusern zu Schimmelproblemen führt, finden sich im Herbst der Südhalbkugel keine von ‚richtigen‘ Pilzen bedeckten Waldböden wie wir sie aus Europa kennen und bekannte Speisepilze wie Pfifferling, Röhrlinge und Steinpilz oder zumindest Ähnliches sind schon gar nicht dabei, oder doch nur in sehr begrenztem Umfang  (bei Te Anau kann man z.B. wirklich Waldböden voller Pilze bewundern) – dazu später mehr.

Für die vergleichsweise bescheidene Pilzflora gibt es einen nachvollziehbaren Grund. Die meisten neuseeländischen Baumarten funktionieren, was ihre Symbiose mit Pilzen angeht, ganz anders als die Bäume der Nordhalbkugel. Sie formen Endomykorrhizen (arbuskuläre Mykorrhizen) mit Pilzen, die in die äußeren Zellen der Baumwurzeln eindringen aber nur mikroskopisch groß sind. Die Pilze sind also da, aber zu klein für das menschliche Auge und sie leben auch nicht unbedingt am Waldboden. Arbuskuläre Mykorrhizen und die damit assoziierten Glomeromycota-Pilze stellen stammesgeschichtlich eine ältere Lebensform dar als die uns geläufigen Basidiomycota (großen Ständerpilze), die Ektomykorrhizen ausbilden, bei denen die Wurzeln vom Pilzgeflecht nur umwoben aber nicht penetriert werden. Die Andersartigkeit der neuseeländischen Natur, auch im Hinblick auf Pilze, ist also wieder einmal Folge der sehr frühen Abtrennung und langen Isolation des neuseeländischen Archipels von anderen Landmassen und deren evolutionären Neuerungen. Neuseeländische Pilze sind Ureinwohner von Gondwanaland. Europäische Pilze kamen erst als blinde Passagiere mit den frühen Siedlern in Pflanzentrögen per Schiff nach Neuseeland.

Und doch ist die Situation für Pilzesammler nicht hoffnungslos, denn die Tröge transportierten mit deren Wirtsbäumen auch einige beliebte europäische Speisepilze nach Neuseeland.

Schwammerl Sammeln im Neuseeländischen Herbst

Also Februar bis Mai. Wobei die Saison allerdings – wie in Deutschland – auch vom Wetter bestimmt wird. Die besten Herbsterträge gibt es nach einem heißen, trockenen Sommer, gefolgt von einem nassen April.  Wenn es dagegen im Sommer viel regnet, findet man immer wieder kleinere Pilzblüten schon ab Weihnachten, aber die große Herbstbonanza bleibt dann aus. Und wenn sowohl der Sommer als auch der Herbst trocken waren, folgt eine schwache Pilzsaison im Juni und Juli.

Körnchen-Röhrling (Suillus granulatus) und Butterpilz (Suillus luteus) wachsen in Neuseeland oft unter (nicht-einheimischen) Nadelbäumen bzw. Weißbirken. Wegen ihrer schleimigen Konsistenz und des erhöhten Putzaufwands sind sie in Europa nicht die beliebtesten Speisepilze, genauso wie der im Geschmack indifferente Rotfußröhrling (Xerocomellus chrysenteron bzw. cisalpinus), den man in Neuseeland unter europäischen Laub- und Nadelbäumen findet. Birkenpilze (Leccinum scabrum) dagegen schmecken sehr gut, verfärben sich beim Kochen allerdings in ein unansehnliches Grau.

Trotzdem ist das alles besser als nichts und man kann sich in Neuseeland außerdem damit trösten, dass diese Pilzsorten z.B. in Plantagennadelwäldern recht häufig zu finden sind, ungewöhnlich groß werden können und dass sie wegen der spärlichen Insektenfauna Neuseelands oft in gutem Zustand sind.

Der in Deutschland wahrscheinlich am häufigsten gesammelte Waldpilz, der Maronenröhrling (Imleria badia), ist in Neuseeland dagegen nicht belegt. Ich habe zwar schon Fotos von angeblichen Rotfußröhrlingen gesehen (deren Erscheinungsform extrem variabel ist), die mir sehr nach Maronenröhrling aussahen, aber einen wissenschaftlichen Nachweis gibt es bis dato nicht. Auch der europäische Allerwelts-Perlpilz (Amanita rubescens) ist überraschenderweise noch nicht nach Neuseeland eingeschleppt worden.

Daneben gibt es im Röhrlingsbereich noch ‚Austroboleten‘, also native Röhrlinge, die nur in Neuseeland bzw. nur in Neuseeland und Australien vorkommen, Austroboletus lacunosus und niveus, und die dementsprechend in Symbiose z.B. mit heimischer Kauri und Manuka wachsen. Über diese Pilze ist wenig bekannt, auch nicht deren Genießbarkeit. Wenn ihr das Glück habt welche zu finden, lasst sie am besten stehen.

Die weiße oder gelbe Variante des Anis-Champignon (Agaricus arvensis) oder „horse mushroom“ kann wie in Europa auf Wiesen und Weiden in Parks und Gärten, jedoch nicht in Wäldern gefunden werden und erscheint oft in kreisförmig angeordneten Gruppen, sogenannten Hexenringen. Die Pilze riechen nach Anis und lassen sich damit gut von ähnlich aussehenden giftigen Arten unterscheiden.

Der Schopftintling (Coprinus comatus) oder „shaggy ink cap“, dürfte jedem ernsthaften deutschen Pilzsammler bekannt sein und wächst oft auf Wiesen und am Wegrand. Die jungen Exemplare werden in Neuseeland gerne gesammelt und noch am selben Tag zubereitet, bevor sie sich in eine schwarze tintenartige Substanz verflüssigen. Im Mittelalter soll diese Flüssigkeit übrigens tatsächlich als Tinte gedient haben.

Der Steinpilz (Boletus edulis) oder „porcini“ und seine kaum unterscheidbaren Verwandten sind in Parkanlagen im Großraum Christchurch in beträchlicher Zahl und Größe zwischen Februar und Mai unter Eichen, Birken und Buchen zu finden, wobei Hagley Park im Zentrum von Christchurch (an dem ich selbst einmal gelebt habe, allerdings ohne die guten Steinpilze zu bemerken :-( ) wohl ein Epizentrum der neuseeländischen Steinpilzpopulation darstellt. Auch in die Nadelwälder bzw. Nadelbaumplantagen in der Provinz Canterbury sollte man einen Blick werfen, an den Hängen des Mount Thomas, zum Beispiel. Meines Wissens wurden Steinpilze auf  der Nordinsel bislang noch nicht gesichtet.

Original neuseeländische Pilze: ‚haheke‘ und ‚werewere kokako‘

Woods ear Pilz; (c) Shirley Kerr, mit Genehmigung / with permission

Woods ear Pilz; (c) Shirley Kerr, mit Genehmigung / with permission

Am bekannteseten und trotzdem fast in Vergessenheit geraten ist sicherlich „woods ear“ (Auricularia polytricha aka „Taranaki wool“), von den Māori haheke genannt, das auf verrottenden Stämmen einheimischer Baumarten das ganze Jahr über nach Regenfällen wächst und von Maori als wenig geschätzte Notnahrung genutzt wurde. Haheke ähnelt Auricularia auriculajudae, dem Judasohr Eurasiens, das in China als Medizin und Nahrung dient. Die neuseeländische Variante wurde lange Zeit von chinesischen Händlern vor allem in Taranaki in Massen aufgekauft und nach Hong Kong verschifft. Der Handel mit haheke dauerte fast ein Jahrhundert an, von 1871 bis in die 1950er Jahre, als man in Asien begann den Pilz kostengünstiger anzubauen. Heute importiert Neuseeland das asiatische Judasohr, das getrocknet in jedem Asialaden angeboten wird.

Zeitgleich mit dem Ende des woods ear Geschäfts begann in Neuseeland übrigens der großangelegte Anbau weißer Champignons, Agaricus bisporus, „button mushrooms“, die man aus jedem Supermarkt kennt und die das Überleben der neuseeländischen Pilzindustrie sicherten.

Entoloma hochstetteri im Abel Tasman National Park in seiner ganzen Exotik; Quelle: Flickr User little-tomato unter CC2.0

Entoloma hochstetteri im Abel Tasman National Park in seiner ganzen Exotik; Quelle: Flickr User little-tomato unter CC2.0

„Werewere kokako“ ist der in der Einleitung erwähnte leuchtend blaue Vorzeigepilz Neuseelands, ist auf dem 50 Dollarschein abgebildet – und trotzdem weiß man praktisch nichts über ihn, also ob er essbar, giftig oder gar bewusstseinserweiternd ist. Der Pilz sieht jedenfalls total bewusstseinserweiternd aus :-) … Sein Potential als Nahrungsmittelfarbstoff wurde bzw. wird von Molekularbiologen der Universität Auckland erforscht. Ergebnisse sind bisher nicht publik geworden.

Trotz seiner ungewöhnlichen Erscheinung ist Pilz ist zum Beispiel auf der Coromandel-Halbinsel bei Auckland nicht selten.

Verbotene Früchte: Magic Mushrooms

Magic mushrooms (Psilocybe) wurden wahrscheinlich Ende der 60er Jahre von Verfechtern freien Drogenkonsums aus Australien nach Neuseeland eingeführt, obwohl einige Arten anscheinend auch ihre natürliche Heimat in Neuseeland haben. Anbau, Sammeln, Konsum oder gar Verkauf sind Straftaten. Auch wegen der Verwechslungsgefahr mit ähnlich aussehenden giftigen Pilzen und wegen potentieller ‚horror trips‘ also von den Pilzen ausgelösten extremen Angstzuständen sollte man die Finger von der Frucht lassen.

Trotzdem, habe ich mir sagen lassen, werden die Pilze in erheblichem Ausmaß und typisch neuseeländischer Anarchie gesammelt, vor allem in Taranaki.

Giftpilze in Neuseeland

Neben den guten Speisepilzen wurden auch bekannte Giftpilze wie der Knollenblätterpilz Amanita phalloides nach Neuseeland eingeschleppt. Ian Hall hat auf seiner Pilz-Webseite übersichtliche Warnposter zu neuseeländischen Giftpilzen zusammengestellt, die man sich gut anschauen sollte.

Es ist im übrigen selbstredend, dass dieser Artikel nicht dazu animieren soll wild Pilze zu sammeln und essen. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.

Pilze im Eigenanbau: Austernpilze, Trüffel und vielleicht bald Steinpilze

In Deutschland kann man sich in jedem Gartenmarkt zum Beispiel Saatgut des beliebten Austernpilzes (Pleurotus ostreatus) kaufen, in Wasser getränkte Holzstämme oder Strohballen einpflanzen und auf die Ernte warten. In Neuseeland ist der Anbau von Austernpilzen verboten, weil sie als Risiko für die Holzwirtschaft des Landes gesehen werden, denn er Pilz kann auch gesunde Hölzer angreifen.

Schwarzer Périgord Trüffel

Schwarzer Périgord Trüffel

Anders verhält es sich mit dem König der Pilze, dem Trüffel, der inzwischen in vielen Truffieren, Trüffelfarmen in ganz Neuseeland in eigens dafür angelegten Baumplantagen angebaut wird. Wenn der Boden nicht von Natur aus basisch und gut wasserdurchlässig ist –  die meisten neuseeländischen Böden sind in der Tat sauer oder lehmig –  wird er mitunter aufwändig durch Beimischung von Kalk alkalisch gemacht, um den Trüffelanbau zu ermöglichen. Wenn ihr ein geeignetes Stück Land habt oder einen großen Garten und einen Eichenhain mit Trüffelbefall anlegen möchtet, dann könnt ihr über Ian Halls Firma Truffles & Mushrooms mit Trüffelpilzen bevölkerte Setzlinge beziehen oder die Setzlinge wenigstens genetisch auf das sichere Vorhandensein des Pilzes prüfen lassen, wenn ihr anderswo einkauft. Zur Auswahl stehen in Neuseeland schwarze Périgord-Trüffel (Tuber melanosporum), weiße Bianchetto-Trüffel (Tuber borchii), und Burgund-Trüffel (Tuber aestivum).

Ian Hall hat es außerdem geschafft Baumsetzlinge mit Steinpilzen zu ‚infizieren‘. Wer Lust hat an seinem Steinpilzzuchtexperiment teilzunehmen kann sich bei Ian melden. Er bzw. ihr wärt auf alle Fälle die ersten in der Welt, die erfolgreich Steinpilze kultivieren.

Interessante Links zu Pilzen in Neuseeland

***

Zum Abschluss noch einmal die Warnung auf keinen Fall Pilze zu konsumieren, die ihr nicht genau kennt. Kontaktiert lieber Experten über einen der aufgeführten Links, bevor ihr euch auf Experimente einlasst.

Ansonsten, wie immer der Appell sich gerne bei mir zu melden, wenn ihr eure neuseeländischen Pilzsammelgründe und – erfahrungen mit anderen teilen möchtet.

*** *** ***

Wir bedanken uns bei Shirley Kerr, Geoff Ridley und Ian Hall für die Information und das Material, das sie uns freundlicherweise zu Verfügung gestellt haben.

*** *** *** *** ***

Auch interessant:

Eine Antwort auf FactSheet: Pilze Sammeln in Neuseeland

  1. siegmar sagt:

    Vielen herzlichen Dank für diesen sehr informativen Beitrag !!
    Beste Grüße aus dem Pfälzerwald
    Siegmar

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>