FactSheet: Verschärfte Auswahlkriterien für Einwandernde Fachkräfte

Nun also doch. Nachdem die Regierung Key lange Zeit versuchte den Zusammenhang von eskalierender Wohnungsnot – vor allem im Großraum Auckland – und den seit 2012 fast monatlichen Rekordmeldungen aus dem Einwanderungsministerium zu leugnen, haben fallende Umfragewerte und die anstehenden Wahlen 2017 die Regierung nun offenbar zu ‚Anpassungen‘ bei den Auswahlkriterien für einwandernde Fachkräfte bewogen.

Einwanderungsminister Woodhouse verkündete am 11. Oktober 2016, dass mit Anbruch des folgenden Tages, also dem 12. Oktober 2016, einige technische Stellschrauben angezogen würden, um die Einwanderungszahlen besser im Planungsrahmen, der in den letzten Jahren regelmäßig überschritten worden war, zu halten. Dazu würden insbesondere im Programm für Fachkräfte folgende Änderungen umgesetzt:

  • Die Anzahl der Einwanderungspunkte, die Bewerber erreichen müssen, um einen Einwanderungsantrag stellen zu können ist auf 160 angehoben worden; vor dem 12.10 lag diese Zahl bei 140 bzw. bei 100 – 139, wenn zusätzlich ein Arbeitsangebot in Neuseeland vorlag
  • Englischkenntnisse werden ab dem 21.11.2016 nicht mehr ausschließlich über den Standardtest IELTS oder Alternativnachweise z.B. auf Grundlage der Rolle, die Englisch im Heimatland oder in Ausbildung und Beruf gespielt hatten und deren Beurteilung dem Sachbearbeiter bei Immigration NZ oblag bewertet; statt dessen werden – sinnvollerweise – nun insgesamt fünf international verbreitete Englischtests anerkannt (neben IELTS auch TOEFL iBT, PTE: Academic, FCE / FCE for School und OET), im Gegenzug wird allerdings der Ermessensspielraum der Immigration NZ Mitarbeiter, was die informellen Sprachnachweise betrifft, stark beschnitten. Leben, Arbeiten und Studieren wird an Stelle einer Sprachprüfung nur noch unter klar definierten Voraussetzungen akzeptiert, und explizit auf entsprechende Aktivitäten in Australien, Großbritannien, Irland, Kanada, die USA und natürlich Neuseeland selbst eingeschränkt.

Der Minister übte sich bei seiner Ankündigung in angelsächsischem Understatement. Die Anhebung um 20 Punkte und weniger Ermessensspielraum bei der Bewertung von Englischkenntnissen sind nicht – wie behauptet – nebensächliche Feintarierung, um ein paar Statistiken einige Prozentpunkte nach unten zu korrigieren. Sie werden für viele potentielle Migranten die Einwanderung erheblich erschweren und die demografische Mischung der Neuzugänge neu ordnen.

Bewusst Unehrlich

Nicht nur bei NZ2Go, auch im medialen Mainstream Neuseelands wurde in den letzten Monaten immer häufiger und lauter der systematische Missbrauch des Einwanderungssystems für Fachkräfte durch Scheinstudenten angeprangert. Anders als früher – als alles besser war :-) – und Studenten nach Abschluss ihrer Ausbildung fast immer Neuseeland wieder verlassen mussten, um sich dann eventuell aus dem Ausland für eine echte Einwanderung erneut zu bewerben, wurde in den vergangenen Jahren der Grundsatz der Trennung von Studium und Einwanderung des lieben Geldes willens aufgegeben. Im Gegenteil, in Neuseeland erworbene Qualifikationen wurden mit einer erhöhten Punktezahl im Einwanderungssystem belohnt und damit erst attraktiv gemacht, der Anschlussantrag auf eine dauernde Aufenthaltsgenehmigung konnte ohne vorherige Ausreise eingereicht werden und – der Clou – seit 2012 wurde Studenten, auch das in früheren Jahren ein Tabu, erhebliche Erwerbsarbeit neben dem Studium gestattet.

Besonders potentielle Einwanderer aus der 3. Welt sahen diese Aufweichung als Einladung irgendein Studium zum Schein aufzunehmen und die Studiengebühren sozusagen als erhöhtes Eintrittsgeld abzuschreiben, wobei die Erlaubnis neben dem Studium zu arbeiten die Ausgaben für Studiengebühren noch partiell kompensieren konnte. Auch wenn Studiengelder über zwei oder drei Jahre in Neuseeland schnell in die Zehntausende gehen können, ist diese Investition im Vergleich zu den Summen, die fällig werden, um über die offizielle Investorenkategorie einzuwandern – wir sprechen von Millionen Neuseelanddollar – sehr erschwinglich.

Nun ist es nicht einfach an einer der etablierten neuseeländischen Universitäten zum Schein zu studieren und dabei nicht so schlechte Leistungen zu erbringen, dass das Studentenvisum verloren gehen könnte. Zu diesem Zweck formten sich – man möge sich über das Sammelsurium von Colleges zum Beispiel in Aucklands Queen Street und Umgebung nicht mehr wundern – ‚private Bildungseinrichtungen‘, die eher als Visumsbeschaffer denn Lehranstalten fungierten. Solange überhöhte Studiengebühren bezahlt werden, sind ausreichende Noten im Service inbegriffen.

Dieses Treiben ist seit langem bekannt (ähnlich übrigens auch in Australien) und trotzdem weigerte sich die Regierung bis eben zum 12. Oktober gegen die betrügerischen Strukturen vorzugehen. Scheinstudenten bringen schließlich Geld ins Land, auch wenn sie mittelfristig mit hoher Wahrscheinlichkeit im Niedriglohnsektor oder im Sozialsystem landen und auch wenn die Betreiber der Schummel-Colleges oft selbst aus den Ursprungsländern ihrer Klientel stammen und das ausgepresste Geld zurück in die Heimat schaffen.

Nun, formal hat die Regierung Key in ihrer fundamentalen Unehrlichkeit bis heute keinerlei Probleme in der Einwanderungspolitik eingestanden [Nachtrag vom 02.03.2017 – Der Granny Herald konnte die neuseeländische Regierung nun tatsächlich der Lüge überführen: „Too Many International Students …“] oder Abhilfe geschaffen. Die Maßnahmen des 12. Oktober erwähnen das Phänomen der Scheinstudenten nicht einmal. Sie eliminieren auch nicht die offensichtlichen Fehlanreize des Systems, zum Beispiel durch wieder restriktivere Nebenerwerbsregelungen für Studenten, oder Durchgreifen bei der Anerkennung von Schrottabschlüssen. Dennoch werden die 20 zusätzlich geforderten Punkte die Pläne vieler bereits in Neuseeland anwesender Scheinstudenten durchkreuzen für immer in Neuseeland zu bleiben und zukünftige Scheinstudenten werden es vermehrt wohl gar nicht erst versuchen.

Die präzisere Formulierung der Englischanforderungen wird in Ländern wie Indien, die man bis dato als englischsprachig betrachten konnte, nun aber definitiv nicht mehr, das Geschäftsmodell der Einwanderung durch die Bildungshintertür ebenfalls erschweren.

Deutsche Fachkräfte als Kollateralgeschädigte

Das Maßnahmenpaket des 12. Oktober geht natürlich auch deutsche Fachkräfte etwas an, die nun ebenfalls 20 Punkte mehr nachweisen müssen, weil die neuseeländische Regierung indische Scheinstudenten abschrecken möchte ohne dies offen auszusprechen. Beliebtheitspunkte dürfte Neuseeland im globalen Wettbewerb um Fachkräfte damit kaum sammeln.

Andererseits ist zu begrüßen, dass die Regierung Key, im Gegensatz zum Beispiel zur unverbesserlichen Merkelregierung, überhaupt aktiv wird. Scheinstudenten stammen fast ausschließlich aus Entwicklungsländern in denen in Kategorien von Familie und Clan gedacht wird und vergeudete Zeit als Scheinstudent, der mehr in Apfelplantagen und als Tankwart unterwegs ist als zu studieren, relativ zu den Interessen der später nachziehenden Großfamilie nicht ins Gewicht fällt. Für einen ehrlichen Einwanderer, der selbstverantwortlich agierend durch alle Reifen des neuseeländischen Einwanderungssystems hüpfen muss, ist es immens frustierend in praktisch jedem Eckladen und Taxi, an jeder Tankstelle und Supermarktkasse von der unlauteren Konkurrenz angegrinst zu werden. Warum musste man den hochgebildeten Supereinwanderer geben, wenn diese ‚Fachkräfte‘ auch ohne dem Theater ins Land gelassen wurden?

Wir hoffen, dass trotz der schier unerträglichen Korruptheit der Politik der Regierung Key wenigstens die Resultate stimmen werden. Die 160-Punktehürde wird zwar noch lästiger werden, sollte aber auch das Feld der Mogler stark ausdünnen.

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Update vom 05.12.2016: John Key ist heute zurückgetreten, interessanterweise just als der massive Betrugsskandal um Mogelstudenten und deren kriminelle Infrastruktur aus Einwanderungsberatern, Scheinschulen und Arbeitgebern, die nicht Lohn zahlen, sondern für gefälschte Beschäftigungsnachweise Geld erpressen, anfängt seine Kreise zu ziehen. Alle Achtung Granny Herald, Investigativjournalismus vom Feinsten:

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2 Antworten auf FactSheet: Verschärfte Auswahlkriterien für Einwandernde Fachkräfte

  1. Jürgen sagt:

    Da staunt man immer wieder, immerhin will sich Kanada wieder öffnen. Die Hoffnung auf ein Land mit passendem Wetter stirbt zuletzt :-).

    An der Investorenschiene verzweifel ich, zu wenig Geld oder passende Erfahrung, wobei *hüstel* letztere hier ja zu erwerben wäre. Gegen ein „Schein Mit-Chef“ hat sicher kaum ein Eigentümer etwas, wenn er damit Geld verdient. Da stören dann nur die 3 Jahre Erfahrung.

    Selbst wenn man die 10 Mio NZ$ hätte, könnte man damit ja nichts machen, weil die gebunden sind. 10 Mio 3% Zinsen 3 Jahre 33% Steuern = weniger als 300.000 NZ$ an Steuern.

    Wenn Key schlau wäre, würde er einfach für eine Steuervorauszahlung von 360.000 NZD$ für 3 Jahre im voraus eine „Probe“ Permanent Residence verkaufen. 333 NZ$ pro Tag, wer die Permanent zurück gibt, bekommt den Rest erstattet, wer Mist macht fliegt.

  2. Robert sagt:

    Nun einen kleinen Vorteil hat man noch als deutsche Fachkraft – Punkte für Arbeitserfahrung gibt es nur wenn diese in einem „Comparable labour market“erworben wurden. http://glossary.immigration.govt.nz/comparablelabourmarket.htm

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