Opinion: „The Dead Lands“, oder darf man Maori Folklore kritisieren?

Viele Neuseeländer reagieren empfindlich auf Kritik, so auch bei einer angeblich unanständig dummen Filmkritik an „The Dead Lands“, dem neuen Film des neuseeländischen Regisseurs Toa Fraser.

Der Film selbst ist schnell erzählt und die Story (und sogar die Optik) jedem, der Mel Gibsons Apocalypto gesehen hat merkwürdig vertraut:

  • Eine Gruppe böser Maori mit martialischen Irokesenfrisuren überfallen einen friedliebenden Stamm und rotten so ziemlich alle aus, bis auf den Sohn des Häuptlings, der während des Angriffs in ein Erdloch fällt und erst wieder zu Bewusstsein kommt, als alles vorbei ist;
  • Der Häuptlingssohn sieht zwar aus wie ein Weichei (also mit normal gerundeten Kieferknochen und ohne Irokesentracht), tritt aber trotzdem zu einem Rachefeldzug an und bringt einen Irokesen nach dem anderen um, bis auch der übermächtig wirkende Anführer zur Strecke gebracht ist;
  • Wie bei Apocalpto gibt es Anzeichen der Meuterei gegen den bösen Anführer;
  • Wie bei Apocalypto spielt sich das Ganze in Originalsprache ab, also bei „Dead Lands“ in „te reo“ Māori (mit Untertiteln);
  • Wie die Azteken, kannten auch die Maori keine Metallwerkzeuge, sondern verwendeten interessant aussehende Waffen aus „green stone“ bzw. Obsidian.

Anders als bei Apocalypto:

  • Es gibt keine Romanze oder rührselige Familienstory an der Seitenlinie; der Held hat keine auf ihne wartende Frau zu retten, sondern kämpft allein für Stammesehre und Gerechtigkeit;
  • Dafür wird aber die Geschichte eines mächtigen Maorikriegers aufgebaut, der nach einem fulminanten Sündenfall (Ausrottung des eigenen Stamms in einer Orgie des Irrsinns) bis zum Kannibalen runterkommt, aber dadurch, dass er dem Häuptlingssohn hilft, eine Art spirituelle Erlösung findet;
  • Krieger und Häuptingssohn gehen wie z.B. bei „Karate Kid“ eine enge Mentor – Schüler Beziehung ein.

Ich denke bis hierher läuft meine Filmkritik mit der des amerikanischen „Slant Magazine“ leidlich synchron. Dort wird abstrakt auf die Abgegriffenheit der modularen Erzählelemente hingewiesen, die alle schon einmal dagewesen seien. Allerdings vergleicht Slant Kollege Carson Lund den Film mit „Lord of the Rings“  😕 und nicht mit dem meiner Meinung nach viel offensichtlicheren Apocalypto.

Den krasseren Faux-pas in der Filmkritik von Slant sehe ich allerdings in den Aussagen:

… main sign of cultural specificity is a gratuitous emphasis on cannibalism.

 … But the film’s strained emphasis on body language suggests a sensationalized exhibitionism that seems equally troubling for the integrity of the tradition. …

Hier spielt sich Slant lächerlicherweise als Hüterin der ‚Integrität‘ der Maorikultur auf und lädt damit die politisch korrekten Brigaden geradezu ein sich publikumswirksam aufzuregen.

Natürlich sind die Kampfszenen in Maoritradition nicht so perfekt durchgestyled wie bei Hollywoodproduktionen mit viel größeren Budgets. Natürlich wirken die Zungezeigerei und merkwürdigen Flüche (siehe unten) auf Zuschauer, die Neuseeland nicht kennen übertrieben, vielleicht sogar kindisch. Aber das einfach befremdlich oder schlecht zu finden, geht wohl nicht. „Slant“ muss als frömmelnde Rechtfertigung gleich die Verteidigung einer hochstehenden Maorikultur vorgeben die Slant gar nicht kennt und fällt damit peinlichst aufs Gesicht.

Mir hat Apocalypto gefallen und auch „Dead Lands“ hat seine Momente. Ganz anders als „Slant“ sehe ich die unnachahmlichen und sehr ansprechend präsentierten Bilder und Klänge der neuseeländischen Naturlandschaft auch nicht als billige Werbung aus dem Hause „Tourism New Zealand“. Die Spaltung der Maorikultur in (in unseren Augen) hässliche Hyperaggression und bildschöne künstlerische Ästhetik wird durch den paradiesischen Hintergrund umso klarer. Eine neuseeländische Kulisse past zu einer Maorigeschichte, doch.

„Slant“ gibt dem Film trotz inzwischen ebenfalls peinlicher Entschuldigung für die eventuelle Verletzung kultureller Gefühle einen von vier Punkten. Ich würde mindestens zwei vergeben, eher sogar drei:

  • die schauspielerischen Leistungen sind durchgehend beachtlich;
  • Kulisse, Kameraarbeit und Kampfszenen stimmen;
  • es ist einfach interessant „te reo“, der Sprache der Maori in dieser Weise zuzuhören.

Ich hätte an Stelle von Toa Fraser den Auftritt der ‚Geisteroma‘ weggelassen und dafür die sich anbahnende Romanze zwischen einer blendend aussehenden Maori-Amazone und dem riesigen Kannibalenkrieger ausgebaut. So eine pazifische Schönheit lässt man doch nicht in ihrer dritten Szene gleich wieder sterben 😐

Übrigens, weiß jemand, ob die Maori wirklich ‚Dreck in den Uterus‘ von erbeuteten Prinzessinen stopften, damit deren Blutlinie auf immer versiegte? Oder war das nur so ein Spruch? Oder hat man ihn nur für diesen Film erfunden? Hmmm …

Nun zur Kritik der Kritik in Neuseelands führender Tageszeitung, dem Herald. Unreflektiert, dünnhäutig und mindestens so peinlich wie die – in großen Teilen zugegeben unangemessene – Originalkritik. Statt den Film und die Kritik daran zu analysieren, versteckt sich der Herald hinter dem üblichen Geschnattere:

  • Andere finden den Film gut (Rotten Tomatoes, NZ Box Office, der eigene Filmkritiker);
  • Nicht-Kiwis haben sowieso keine Ahnung von einem Kiwifilm;
  • Was fällt denen ein Blasphemie an der heiligen Maorikultur zu begehen?

So langweilig, dass ich mir sogar zynische Kommentare sparen kann – aber leider sehr typisch für den anti-analytischen, denkfaulen, arbeitsscheuen ‚Journalismus‘ des Jahres 2015.

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