Das Thema habe ich hier und dort schon kurz angeschnitten. Es ist trotzdem Wert ihm einen gesonderten Artikel zu widmen, denn das Internet ist mit schönfärberischen Mythen zur Thematik geradezu gepflastert: sprich dem Klischee eines Landes, das friedlich jenseits des Übels dieser Welt vor sich hinlebt, wo sich Kiwi und Hobbit “Gute Nacht” sagen, und in dem die gerechten und gütigen Behörden dafür sorgen, dass es so bleibt.
Stimmt nicht, und es gehört nicht viel dazu das heraus zu finden – wenn man will.
Einschlägige Organisationen wie die neuseeländische Polizei veröffentlichen minutiös Daten zur Situation, absolute Zahlen. Für Außenstehende sind aber internationale Vergleichszahlen interessanter. Genial handlich sind die Statistiken, die Nationmaster anbietet. Eine wahre Schatztruhe an Information.
Auszug aus dem internationalen “Ranking” (pro Kopf der Bevölkerung!):
- Mord – in Neuseeland etwa doppelt so häufig wie in Deutschland;
- Vergewaltigungen – in Neuseeland etwa vier Mal so häufig wie in Deutschland; hier bewegt sich Neuseeland insgesamt an der Weltspitze;
- Autodiebstahl – in Neuseeland etwa zehn Mal so häufig wie in Deutschland; ziemlich interessant, wenn man bedenkt, dass Deutschland offene Grenzen nach Osteuropa hat, während Neuseeland ungefähr so isoliert ist, wie es nur vorstellbar ist.
In anderen Kategorien, zum Beispiel Drogenkriminalität, steht Neuseeland allerdings besser da als Deutschland. Man kann gegen die Zahlen sowieso viel Prinzipielles einwenden. Vielleicht ist die Mordrate in Neuseeland nur deswegen höher, weil die Polizei und Gerichtsmedizin besser darin sind verdächtige Todesfälle aufzuspüren? Vielleicht ist im politisch oh so korrekten Neuseeland auch die Schwelle zwischen Aufdringlichkeit und Vergewaltigung schneller überschritten, oder neuseeländische Frauen tendieren stärker dazu die Fälle anzuzeigen? Kann man nach persönlichem Gusto hinterfragen, natürlich.
Um die Story aufzulockern übrigens noch eine nette Gerichtsfarce von unlängst, unbedingt lesen, zu einem Kerl in Wanganui, die mit zwei Frauen einen Tauschhandel vereinbarte: eine Woche Autobenutzung, gegen zweimal einen flotten Dreier (warum ausgerechnet zweimal? Keine Ahnung …), und sich dann vor Gericht wieder fand, weil die Frauen, nachdem sie nach der Menage a Trois neben ihm eingeschlafen waren, sich später daran erinnerten vergewaltigt worden zu sein. Wer Neuseeland ein wenig kennt, wird sich das Lachen nicht verkneifen können, so komisch-typisch ist diese Episode … “f_ck_ng hopeless”
Immerhin, wie dieser absurde Fall überhaupt vor Gericht landen konnte, bevor er nach kurzem Prozeß von den Geschworenen rausgeworfen wurde, gibt Rätsel auf.
Zurück zum Erzählstrang. Also nackte Zahlen darf man bezweifeln, wenn man denn will. Mein persönlicher Eindruck aber passt mit den Zahlen zusammen. In South Auckland gibt es veritable “No Go” Zonen, in denen man sich nachts nicht hinein traut. Wenn man auf dem Land ein Haus kauft, frägt man automatisch bei den Anwohnern nach lokal aktiven Banden – Neuseeland hat die höchste Rate an Bandenzugehörigkeit der Welt. Man bekommt auch einen Blick dafür, ob Kassiererhäuschen bei Tankstellen vergittert sind, oder nicht. Ähnliches gilt auch für normale Wohnhäuser. Und wenn man schon einmal neben einem Mongrel Mob Haus gewohnt hat (Nein, nicht ich, ein Freund von mir), dann weiß man auch, dass da plötzlich ein netter Nachbar im Garten an der Wäscheleine (nicht seiner eigenen!) stehen kann und sich etwas Schönes zum Anziehen aussucht – und man ihn besser nicht dabei stört.
Ich habe schon oft geschrieben, dass es sehr gute Gründe gibt nach Neuseeland auswandern zu wollen – aber die Flucht vor den Ganoven der Welt gehört ganz sicher nicht zu diesen guten Gründen.
Noch kurz zu den Behörden, die gewissenhaft und weise die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten. Gut, dass ich mit denen bisher nicht viel zu schaffen hatte, aber das Wenige deutet darauf hin, dass die Polizei in Neuseeland ungefähr so toll ist, wie in Deutschland. Als ich in Christchurch studierte und U2 gerade ein Konzert gaben, hätte ich fast einen Schlagstock an den Kopf bekommen, für das Verbrechen am Stadium vorbei gegangen zu sein. Die Polizisten schlugen willkürlich um sich, weil ein paar Minuten vor dem Ende des Konzerts einige Kids versuchten über den Zaun zu klettern. Hmmm … not funny.
Und zu den anderen Behörden, die angeblich den Migrationsfluß nach Neuseeland so gut unter Kontrolle haben, dass Terrorismusprobleme nicht denkbar sind – das ist ein Kapitel für sich. Ich denke auch nicht, dass es momentan ein brennendes Terrorismusproblem in Neuseeland gibt. Die Saat ist allerdings in mancherlei Hinsicht gesät, und wird m.E. auch in Neuseeland eines Tages aufgehen. Dazu äußere ich mich eventuell noch einmal gesondert.
Beim Blättern durch die Statistiken von NationMaster beunruhigt mich persönlich eigentlich weniger das Problem der Kriminalität, denn ich habe schon in Ländern und Gegenden gelebt, die in dieser Hinsicht viel unangenehmer sind als Neuseeland, sondern eher der Fakt, dass Neuseeland die weltweiten Selbstmordstatistiken Jugendlicher einsam anführt. Kein Thema, über das viel geredet wird, in NZ, und eines, das man auch hier nicht im Vorübergehen diskutieren sollte.
Würde ich mir von den Tatsachen zur Kriminalität in Neuseeland eine Auswanderung ausreden lassen? Wahrscheinlich nicht. Man muss vorsichtiger sein als in Deutschland, das stimmt, aber es ist - gefühlt – nicht wirklich viel schlimmer. Aber, wie gesagt, wen es nach Neuseeland treibt, weil dort die Welt verbrechensmäßig noch in Ordnung scheint, der/die sollte diesen Artikel dazu nutzen noch einmal in sich zu gehen.
Myth busted, … next please.
Als Nachwort – weil von unserem “regular” Jenny angesprochen – noch etwas zum Thema Kriminalität im Zusammenhang mit Touristen. Statistische Daten dazu sind mir nicht bekannt, aber besonders gruselig Fälle kommen natürlich immer wieder in die Schlagzeilen, ohne dass man wüsste wie repräsentativ die Vorfälle wären. Im Spiegel ist unlängst ein ziemlich cleverer Artikel zu Verbrechen an Touristen in Australien erschienen. Die Situation dort deckt sich m.E. in Vielem mit der in Neuseeland. Also bitte lesen, und – offenbar – implizit “Aboriginal” mit “Maori” substituieren. Traurig, aber wahr. Blättert auch mal durch die Leserkommentare, und die zum Teil empfindlichen Reaktionen angeblicher Australien-Versteher nach dem in solchen Fällen üblichen Schema, also “gibt es in Deutschland auch”, “habe nie irgendeine Negativerfahrung gemacht” usw. Interessant wie schnell ins Irrationale abgeglitten wird, wenn man ein ganz normales Land, mit ganz normalen Bewohnern und ganz normalen Problemen anscheinend zu einer sinnstiftenden Instanz überhöht. Wer einen “reality check” sucht, möge zum Beipiel mal einen Abend in einem Loch wie Walgett (NSW) verbringen. Also ich selbst bin so schnell wie möglich wieder weg, bevor es krachte.
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Hm, mag ja alles sein – aber No-go-Zonen in Auckland, Bandenkriminalität und Vergewaltigungen (die, nehme ich an, auch in diesen No-go-Zonen stattfinden?) berühren uns deutsche Touristen nicht. Kriegen wir nicht mit, sind für uns nicht relevant. Was uns halt im Vergleich zu Mexiko oder Thailand positiv auffällt, ist die geringe Zahl an Taschendiebstählen, Raubüberfällen, Abzock-Versuchen, Hotelzimmereinbrüchen und so. Es wirkt nicht, als wollten Neuseelands Kriminelle uns Touristen an den Kragen, und DAS finden wir gut
Wie sieht die Statistik denn da aus, und vor allem: Wie ist das persönliche Sicherheitsempfinden bei euch?
Hi Jenz
Das Thema der touristisch relevanten Kriminalität habe ich (vorerst) bewusst ausgeklammert, weil mir (noch) kein gesondertes Zahlenwerk dazu bekannt ist, und der Rest sind so die Geschichten aus der Zeitung über ausgeraubte Touristen, oder der traurige Fall in Turangi vor einigen Monaten, wo ein kleines belgisches Mädchen vergewaltigt wurde, mehr oder weniger aus dem Touri-Campervan heraus – hat riesige Schlagzeilen gemacht. Aber das sind einzelne Geschichten, die es überall gibt.
Es gibt keine “Beach Boys”, keine Bettler, keine Anpöbler, die einen in eine Bar reinziehen wollen. Das stimmt. Und Touristen kommen kaum in Kontakt mit den “sozialen Brennpunkten” in den Städten, oder den Kleinstädten, die von Banden kontrolliert werden. Wenn es an diesen Orten eine florierende Tourismusindustrie gäbe, dann würden wohl auch ein paar Gründe entfallen kriminell zu werden, weil es dann auch die typischen low-skilled Jobs gäbe.
Persönlich ist das Sicherheitsempfinden – habe ich auch geschrieben – in ein wenig schlimmer als in Deutschland, aber der Unterschied ist eher marginal. Man muss halt schauen, z.B nach Glassplittern auf Parkplätzen, nach der Vergitterungssituation der Läden und Häuser, oder ganz banal nach Zusammenrottungen von Leuten, die wie Gangster aussehen
Ich würde niemandem abraten NZ wegen der Kriminalität zu besuchen, oder nach NZ einzuwandern. Aber – wie gesagt – es gibt Kriminalität, und sie ist zumindest statistisch eher größer als in D.
Grüß mir Asien,
Peter
eine Frage: wo ist es schlimmer papakura manukau oder kreuzberg neukölln?????
Hi Werner
Also zu Manukau bitte in die police.govt.nz Seite schauen, die ich genannt hatte, und zu den Statistiken für Berlin bei berlin.de nach Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2011 suchen. Hoffentlich sind die dort gelisteten Zahlen für Dich von Nutzen.
Gruß,
Peter
“Ich denke auch nicht, dass es momentan ein brennendes Terrorismusproblem in Neuseeland gibt. Die Saat ist allerdings in mancherlei Hinsicht gesät, und wird m.E. auch in Neuseeland eines Tages aufgehen. Dazu äußere ich mich eventuell noch einmal gesondert.”
Bitte äussere dich dazu, dass interessiert mich sehr! In Deutschen Medien gibt es ja absolut nix über Neuseeland, ausser wenn die Hobbits kommen oder was besonders grausames wie Mord oder Erdbeben passieren…..
Stefan
Hi Stefan
Werde ich, “in the fullness of time” … Im Grunde gibt es momentan zwei Quellen, die indigene – such mal im NZ Herald nach den Urewera Four, und die exogene, die sich ähnlich zu entwickeln schein wie beim Big Bro Australien.
Danke für Dein Interesse,
Peter
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