Opinion: Warum Neuseeland bei der alten Flagge bleibt

Lesedauer: 3 Minuten

In vielerlei Hinsicht erinnert mich Neuseelands Premierminister John Key an Angela Merkel. Beide erscheinen auf den ersten Blick langweilig-stoisch, sind eher Technokraten und Verwalter als gestaltende Politiker und wurden vielleicht gerade deswegen lange als gute Sachwalter ihrer Nationen in globalen Krisenzeiten gesehen.

Wären sie doch nur dabei geblieben. Merkels monströse politische Dummheit des Jahrhunderts, die in der Nacht zum 05. September 2015 mit freundlichem Gesicht und autokratischem Gesetzesbruch ihren Lauf nahm wird noch viele Geschichtsbände füllen. John Keys instinktloses Projekt unsere Flagge durch ein Badetuch zu ersetzen wurde am 30. März – der Demokratie sei Dank – per Volksabstimmung gestoppt.

Fast hätte mir das Thema ein paar unruhige Nächte bereitet. Das Schreckensbild des apathischen Kiwi, der schafsdämlich der PR-Show eines grinsenden Politikers und seiner poltischen korrekten Medienschar hinterherläuft flackerte kurz auf. Doch meine Verstimmung war unbegründet.

Wer wollte schon das Badetuch?

Im wesentlichen die gesellschaftlich auch in Neuseeland überaus mächtige Gruppe der 68er – hier eher als Baby Boomer bekannt – die endlich die Gelegenhiet gekommen sah den Union Jack aus der Flagge verbannen und so nochmal kurz die pseudo-revolutionäre Jugend durchleben. Neuseeland ist multikulturell, schon längst zum Vereinigten Königreich auf Distanz gegangen, ein selbstbewusstes, aufstrebendes asiatisch-pazifisches Land … , man kennt die Diktion aus all den seichten deutschen Neuseelandreiseführern.

Vielleicht wurde diese Gruppe auch noch von eingewanderten Asiaten und einigen Maori verstärkt, wobei sich erstere in meiner Erfahrung in solchen Fragen eher zurückhalten und wahrscheinlicher zu den Nichtwählern gehörten.

Die Falsche Frage zur falschen Zeit

John Keys Flaggenreferendum als Generationenfrage? Durchaus. Auf diesen Seiten habe ich oft genug zum aufgeblasenen Immobilienmarkt Neuseelands und zur Gerechtigkeitsfrage geschrieben. Ob fair oder nicht, jüngere Neuseeländer, die keine Gelegenheit hatten vor zehn oder zwanzig Jahren spottbillig Häuser zu kaufen und ihren Wert ins astronomische steigen zu sehen, fühlen sich von den Boomern ausgenommen. „First Home Buyers“ haben heutzutage in Auckland Probleme die Basissumme zusammenzusparen, die per Gesetz als Eigenanteil gefordert wird um ein Haus zu finanzieren. Der Kiwitraum vom eigenen quarter-acre ist der alptraumhaften Perspektive vom Mieten auf Lebenszeit gewichen. Menschen in existentiellem Stess haben keine Zeit für die Spielereien eines Premierministers, der Immobilien auf drei Kontinenten sein eigen nennt. Das Referendum war eine gute Gelegenheit John Key und seinen fetten Boomern ein wenig in die Parade zu fahren.

Saure Bierfürze und schlechtes Design

Unappetitlich bis amateurhaft war auch der Auswahlprozess an dessen Ende im März-Referendum das Kyle Lockwood Design der alten Flagge gegenüber gestellte wurde. John Keys Auswahlkommittee hörte sich eher an wie das Verzeichnis seiner Trinkkumpel. Qualifizierte Designer oder Historiker waren nicht bzw. fast nicht dabei, dafür aber ein ehemaliger All Black.

Blau knallt auf schwarz, der weiße Farn soll die multikulturellen Zuflüsse zur neuseeländischen Gesellschaft darstellen und dazu kommen noch die Sterne des Südens als Anknüpfung an das alte Design: zu kompliziert, eine schlechte Farbkomposition und generell auch zu viele Farben machten die neue Flagge ästethisch unattraktiv, obwohl ich ihr eine vielversprechende Zukunft als Badetuch zutraue – ganz im Ernst, ich würde mir das Teil als Badetuch kaufen. Hier gibt es eine Gelegenheit zu einem guten Geschäft, übrigens!

Die Kyle Lockwood Flagge (c) Kyle Lockwood [CC BY 3.0 NZ (creativecommons.org/licenses/by/3.0/nz/deed.en)], via Wikimedia Commons

Die Kyle Lockwood Flagge (c) Kyle Lockwood [CC BY 3.0 NZ (creativecommons.org/licenses/by/3.0/nz/deed.en)], via Wikimedia Commons

25 Millionen Gründe dagegen

Nun steht die neuseeländische Wirtschaft laut üblichen Kennzahlen recht gut da, moderates Wirtschaftswachstum, geringe Arbeitslosigkeit und sogar Zinsen existieren noch. Dennoch, auch in Neuseeland ist klar, dass die Welt sich eher in einer Krise als sonst etwas befindet. Terror und illegale Masseneinwanderung in Europa, ein wirtschaftlich noch immer tönernes und politisch zerrissenes Amerika, stolpernde BRIC-Staaten, Rohstoffkrise in Australien, Konfrontation mit Russland, Finanzkrise in China … und ein neuseeländischer Premierminister der meint 25 Millionen Dollar an Steuergeldern in sein Flaggenhobby investieren zu müssen. Er hätte sich wahrlich ein relevanteres Projekt aussuchen können, zum Beispiel im Technologiesektor, um Neuseeland aus seiner lächerlichen Abhängigkeit von Kuhmilch und Campervantouristen führen zu können.

Ein bischen Identität in schwierigen Zeiten

In deutschen Merkelmedien, sofern sie das Referendum überhaupt registriert hatten, wurde entweder zu früh gekommen, oder eine angebliche konservative (gar rechtspopulistische?) Verhaftung mit einer Flagge vermutet unter der Neuseeländer in zwei Weltkriegen für König und Vaterland gefallen waren. Pfui! Das hört sich ja schon fast patriotisch an.

Nun, die Weltkriege spielen meiner Meinung in der neuseeländschen Psyche keine entscheidende Rolle mehr. Überlebende Zeitzeugen gibt es kaum noch und man hat wirklich andere Probleme als ständig der Heldentaten der Großväter zu gedenken. Trotzdem verankert die alte Flagge in einem gefestigten historischen Kontext, der in unsicheren Zeit Halt gibt. Das ist nur menschlich. Pseudointellektuelle Belehrungen gehen am Ziel vorbei.

Die alte und neue Flagge Neuseelands

Die alte und neue Flagge Neuseelands

Meine Meinung

Die ist klar. Gut, dass es in Neuseeland demokratische Korrektive gibt, die Politiker erziehen und schlecht, dass Deutschland institutionell so schwach konstruiert ist, dass eine Expertin für kommunistische Propaganda die europäische Zentralmacht im Hinblick auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in wenigen Jahren aushebeln konnte. Das Flaggenreferendum wirft ein herrliches blau-rot-weißes Licht auf das demokratische Neuseeland.

***

Übrigens habe ich kürzlich erfahren, dass das andere dominante neuseeländische Farbschema, schwarz-weiß à la All Blacks, aufgepasst, aus einer Zeit stammen soll als sich die Neuseeländer als die ungestümen „Preußen des Südens“ sahen. Ein faszinierender Gedanke. Ich recherchiere das bei Gelegenheit.

Flagge des Königreichs Preußen (1892 - 1918); Von David Liuzzo [Copyrighted frei], über Wikimedia Commons.

Flagge des Königreichs Preußen (1892 – 1918); Von David Liuzzo [Copyrighted frei], über Wikimedia Commons.

 

 

 

 

 

 

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